Was ist ein psychisches Trauma?

Die Psychodynamik der Traumatisierung und die wichtigsten Symptome des posttraumatischen Stress – Syndroms.

 

1. Was ist ein Trauma

 

a.  Das psychische Trauma ist das Leid der Ohnmächtigen!

Der Tatbestand eines Traumas ist erfüllt, wenn das Opfer durch eine übermächtige Macht hilflos gemacht wird. Ist diese Macht eine Naturgewalt, sprechen wir von einer Katastrophe. Üben andere Menschen diese Macht aus, dann sprechen wir von Gewalttaten. Traumatische Ereignisse zerstören die psychische Integrität (Unversehrtheit des Menschen), das Gefühl von Kontrolle, Zugehörigkeit zu einem Bezugssystem. Traumatische Erfahrungen sind für den Menschen deshalb aussergewöhnlich, weil sie die normalen Anpassungsstrategien des Menschen überfordern. Traumatische Erfahrungen bedeuten im Allgemeinen  eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit. Der Mensch ist in emotional überfordernden Situationen einer extremen Hilflosigkeit und Angst ausgeliefert und reagiert ähnlich wie bei Katastrophen. Die begleitenden Gefühle einer traumatischen Erfahrung von intensiver Angst, Hilflosigkeit, Kontrollverlust und drohender Vernichtung spielen eine prägende Rolle.  Die Wahrscheinlichkeit, dass eine traumatische Erfahrung psychische Schädigung zur Folge hat, ist sehr hoch, lässt sich aber nicht genau quantifizieren. Nach einer traumatischen Erfahrung wird das spätere psychische Erleben durch folgende Nachwirkungen geprägt:


Einerseits ist es die Erfahrung von intensiven, nicht integrierbaren Gefühlen wie Hilflosigkeit und Angst und andrerseits die psychophysische Reaktion auf das Ereignis. Man spricht hier von traumatischen Reaktionen.
  

 

b.  Die psycho-physischen Konsequnzen eines Traumas

 

Die emotionalen Erfahrungen und die damit verbunden Reaktionsweisen hinterlassen so einprägsame Spuren im seelischen System des Menschen, dass sein ganzes zukünftiges psychisches Koordinatensystem durch die traumatische Erfahrung geprägt und sein bisheriges Leben radikal verändert wird.

Gerät der Mensch in bedrohliche psychisch belastende Lebenssituationen, wird das vegetative Nervensystem schlagartig erregt. Adrenalin wird ausgeschüttet und der Organismus wird in einen akuten Alarmzustand versetzt. Dadurch wird die Konzentration sofort auf die unmittelbare Situation gerichtet. Unter der Bedrohung verändert, ja verzerrt sich die Wahrnehmung. Hunger, Müdigkeit und Schmerz werden ausgeblendet. Intensive Gefühle von Angst und Wut werden hervorgerufen. Solche Veränderungen im Grad von Erregung, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Empfindung sind normale Anpassungsmechanismen in Stresssituationen.

Der Organismus mobilisiert durch diese psychophysische Reaktion Kräfte, um sich der Belastung durch Kampf oder Flucht zu entziehen. Traumatische Reaktionen treten dann auf, wenn Handeln in Stresssituationen keinen Sinn hat. Ist weder Widerstand noch Flucht möglich, ist das Selbstverteidigungssystem des Menschen überfordert und bricht im Chaos zusammen. Der Sresszustand wird durch die traumatische Situation nicht aufgelöst, sondern bleibt unverändert bestehen. Der übersteigerte Belastungszustand wird durch die andauernde  Aufrechterhaltung der Gefahr noch schlimmer, obwohl unter Umständen die akute Gefahr nicht mehr vorhanden ist.

  • Deshalb bewirken traumatische Ereignisse tiefgreifende und langfristige Veränderungen in der physiologischen Erregung, bei Gefühlen, Wahrnehmung und Gedächtnis.
  • Der Organismus bleibt auf einem unnatürlichen Stressniveau fixiert und verharrt chronisch in seinen Überlebensmechanismen. Man spricht deshalb auch von Disstress.
  • So werden diese normalerweise aufeinander abgestimmten Funktionen durch ein traumatisches Ereignis oft voneinander getrennt. Der Traumatisierte empfindet intensive Gefühle, kann sich aber nicht genau an die Ereignisse erinnern; oder er erinnert sich an jedes Detail, empfindet aber nichts dabei. Er ist ständig gereizt und wachsam, ohne zu wissen warum. 
  • Häufig geht der Zusammenhang zwischen traumatischen Symptomen und ihrem Auslöser verloren, die Symptome verselbständigen sich.
  • Die Zerstörung des komplexen Selbstschutzsystems durch das traumatische Erlebnis und die damit verbunden psychischen Störungen sind die herausragenden Merkmale eines psychischen Traumas.

 

  • Der bekannte französische Neurologe Pierre Janet beschrieb diesen Zerstörungsprozess schon vor hundert Jahren folgendermaßen: „Die auflösende Wirkung intensiver Gefühle verhindert das verschmelzende Funktionieren des Verstandes.“

     

  • Das Beziehungsnetz zwischen Gefühl und Verstand wird bei einer traumatischen Erfahrung zerrissen. Abram Kardiner beschrieb den psychischen Zerstörungsprozess folgendermaßen: „Es zerbricht der gesamte Apparat, der harmonisches, koordiniertes und zielgerichtetes Handeln möglich macht. Die Wahrnehmungen werden unpräzise und von Angst überflutet, das koordinierte Funktionieren von Entscheidung und Urteilsvermögen setzt aus… sogar die Sinnesorgane können ausfallen… Aggressive Impulse entladen sich chaotisch und nicht der Situation angemessen.“

 

2. Das posttraumatische Syndrom:  Die vergebliche Mühe, das belastende Erleben rückgängig zu machen.

Es ist eine angeborene Eigenart des Menschen, dass er einen chronisch angespannten Zustand nicht aushält und unbedingt seine Belastung um jeden Preis loswerden möchte. Der Kampf gegen sich selber ist lanciert. In der Psychologie nennt man das Bewältigungsmechanismen. Diese hilflosen Versuche enden oft in einer überlagerten psychischen Schädigung, einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung. Das Opfer entwickelt Verhaltensmuster, um nicht mehr mit der traumatischen Erfahrung in Berührung zu kommen. Mit allen Mitteln versucht der Betroffene, seine traumatische Erfahrung abzuspalten. Leider gelingt dies meistens nicht. Sein Leben wird eingeengt und oft stellen wir in Therapien fest, dass der Ursprung, die Traumatisierung, verschwindet und die Bewältigung so manifest ist, dass sie als psychische Störung sich total in den Vordergrund drängt. Im folgenden möchte ich die wichtigsten Verhaltensmuster der posttraumatischen Belastungsstörung nach einer traumatischen Erfahrung beschreiben.

 

a) Übererregung

Nach einer traumatischen Erfahrung scheint sich das Selbstschutzsystem des Menschen in einem ständigen Alarmzustand zu befinden, als könnte die Gefahr jeden Moment wiederkehren. Der Traumatisierte erschrickt leicht, reagiert überschiessend auf geringfügigen Ärger und schläft schlecht. Die psychophysiologischen Veränderungen bei posttraumatischen Belastungsstörungen sind sehr weitreichend und können sehr lange anhalten. Die Patienten leiden an allgemeinen Angstsymptomen, die mit spezifischen Befürchtungen verknüpft sind.

Bei ihnen ist das Grundniveau ein Zustand erhöhter Erregung: Ihr Körper ist immer in Alarmbereitschaft und auf eine Gefahr vorbereitet. Chronischer Stresszustand wird ein Normalzustand. Der Stress nimmt wie in normalen Lebenssituationen nicht ab, sondern entwickelt sich zu einem belastenden, negativen Stresszustand.(Disstress)

Schlussfolgernd kann man feststellen: Traumatische Ereignisse verändern das menschliche Nervensystem tiefgreifend. (Vegetativ)

Sie reagieren extrem schreckhaft auf unerwartete und vor allem auf spezifische Reize, die mit dem traumatischen Ereignis in Verbindung stehen. Die erhöhte Erregung hält im Schlaf- wie im Wachzustand an, die Folge sind massive Schlafstörungen.

 

b) Intrusion

  • Ungewollt sich aufdrängende Erinnerungen und Gedanken an das traumatische Ereignis.

Lange, nachdem die Gefahr vorüber ist, erleben Traumatisierte das Ereignis immer wieder so, als ob es gerade geschähe. Es ist, als wäre die Zeit im Moment des Traumas stehengeblieben. Der traumatische Augenblick wird abnormal im Gedächtnis gespeichert und gelangt dann spontan ins Bewusstsein, im Wachzustand als plötzliche Rückblende und im Schlaf als angsterfüllender Alptraum. Immer wieder können belanglose Lebensumstände Erinnerungen wecken, in denen das Ereignis extrem lebensecht und mit aller emotionalen Gewalt wiederkehrt.

 Das Trauma stoppt jeden Entwicklungsverlauf, die Opfer sind an ihre traumatische Erfahrung gefesselt.

  • Traumatische Erinnerungen weisen eine Reihe von Besonderheiten auf.

Anders als gewöhnliche Erinnerungen von erwachsenen Menschen sind sie nicht als verbale, lineare     Erzählung gespeichert, die Teil einer fortlaufenden Lebensgeschichte wird.

Verbale, zusammenhängende Erzählungen fehlen bei traumatischen Erinnerungen. Stattdessen sind sie in Form intensiver Gefühle und deutlicher Bilder gespeichert. Traumatische Erinnerungen sind quälende, unauslöschliche Bilder. Die intensive Dichte der  fragmentierten Gefühle, der Bilder ohne Text, verleiht der traumatischen Erinnerung  eine gesteigerte Realität. Das Übergewicht von Bildern und körperlichen Empfindungen bei gleichzeitigem Fehlen einer verbalen Erzählung verbindet traumatische Erinnerungen mit den Erinnerungen von Kleinkindern. Diese stark bildhafte und szenische Form der Erinnerung, die für Kleinkinder adäquat ist, wird offenbar in extrem schrecklichen Situationen auch bei Erwachsenen mobilisiert.

 

  • Den besonderen Eigenschaften traumatischer Erinnerungen liegen möglicherweise Veränderungen des Zentralnervensystems zugrunde.

 
  • Traumatische Erinnerungen sind offensichtlich im Schlaf-  wie im Wachzu-stand Folgen eines veränderten neurophysiologischen Systemzustands.

 Man hat herausgefunden, dass bei traumatischer Prägung die linguistische Kodierung (Faktenwissen) im Gedächtnis außer Funktion gesetzt wird und das Zentralnervensystem deshalb auf die sensorischen und bildhaften Formen des Gedächtnisses zurückgreift, die in den ersten Lebensjahren dominieren und ausgebildet werden.

Traumatisierte Menschen erleben den traumatischen Moment nicht nur in Gedanken und Träumen, sondern auch in ihren Handlungen wieder. Traumatisierte müssen oft die Schreckensmomente zwanghaft in offener oder verschleierter Form wiederholen. Diese Menschen sind sich dieser immer wiederkehrenden Inszenierung nicht bewusst. Vielmehr wollen sie mit aller Kraft das Erlebte verarbeiten und aus ihrem Gedächtnis auslöschen. Dabei setzen sie sich Gefahren aus, unter denen sich das Trauma tatsächlich wiederholen könnte. Diese zwanghaften Wiederholungen werden heute darauf zurückgeführt, dass das Gehirn die Tendenz hat, neue Erfahrungen im Sinne des Vervollständigungsprinzips zu integrieren. Es geht bei diesem Integrationsprinzip darum, dass neue Informationen so verarbeitet werden, dass die inneren Muster für Selbst- und Weltbild auf den neusten Stand gebracht werden. Da die traumatische Erfahrung definitionsgemäss eine enorme Überforderung des Anpassungssystems des  Organismus darstellt, scheitert das Gehirn an der Integrationsaufgabe und dreht durch.

 

  • Das Trauma kann eigentlich erst überwunden werden, wenn das Opfer ein neues geistiges Muster entwirft, um das Geschehen zu verstehen.

Die zwanghaften Wiederholungshandlungen haben verheerende psychische Begleiterscheinungen zur Folge: Ununterbrochen wird der Traumatisierte durch sein schreckliches Erleben überfallen. Er wird ständig von Angst und Wut geschüttelt. So unternimmt das Opfer alles in der Welt, intrusive Symptome abzublocken, zwar zu seinem eigenen Schutz, aber das posttraumatische Syndrom verschlimmert sich, weil die Vermeidung der Erinnerung eine Einengung des Bewusstseins, einen Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen und eine emotionale Verarmung zur Folge haben.

 

c) Konstriktion

  • Vermeidung von Situationen, die als bedrohlich empfunden  werden, psychische Erstarrung, emotionale Anästhesie. 

Da der Traumatisierte aus dem chronischen Ohnmachtsgefühl nicht durch eine reale Handlung fliehen kann, entweicht er diesem Zustand nur durch die Veränderung seines Bewusstseinszustand. Dieser Zustand wird oft auch als Zustand der Erstarrung genannt.

 

  • Das gesamte fühlende System des Organismus wird ausgeschaltet.

Es stellt sich eine dissoziierende, distanzierende Ruhe zum Geschehen ein. Der Mensch ist vom Erleben und damit vom Geschehen total abgespalten. Er sieht sich und das Grauen, das mit ihm geschieht, als Zuschauer  an. Diese traumatische Dissoziation versetzt den Menschen in eine Art Trance. Man weiss heute, dass dabei körpereigene Morphine eine herausragende Rolle spielen. Sie wirken als Schmerzmittel und haben auch die Funktion, emotionale Empfindungen zu unterdrücken. Der konstriktive Prozess hat die Funktion, traumatische Erinnerungen vom normalen Bewusstsein fernzuhalten. Deshalb tauchen nur fragmentarische Erinnerungen  als intrusive Symptome (Wie oben beschrieben) auf.

Durch den konstriktiven Prozess werden alle Erinnerungen unterdrückt. Nicht nur in Gedanken, sondern das Handeln des Individuums wird ganz diesem Unterfangen unterordnet. Der Traumatisierte vermeidet sämtliche Möglichkeiten, die ihn an das Trauma erinnern könnten. Gegenwart und Zukunft existieren nicht mehr, Alles ist nur auf Vermeidung ausgerichtet.

 

  • Konstriktive Symptome verengen das Spektrum der Lebensmöglichkeiten,  beeinträchtigen die Lebensqualität  und perpetuieren letztendlich die Auswirkungen des traumatischen Ereignisses. Nach einer als überwältigend erlebten Gefahr entsteht zwischen den beiden Reaktionsmustern der Intrusion und der Konstriktion eine sich gegenseitig bedingende dynamische Wechselwirkung.

 

Die gleichzeitige Wirkung gegensätzlicher psychischer Zustände ist das vielleicht eindeutigste Merkmal des posttraumatischen Syndroms. Intrusive und konstriktive Prozesse lassen keine Integration des traumatischen Erlebens zu.

 

Auch wenn sich das Opfer noch so bemüht, durch das alternative Auftreten dieser psychischen Reaktionsweisen ein inneres psychisches Gleichgewicht zu erreichen, muss es immer daran scheitern. Traumatisierte Menschen sind gefangen zwischen zwei Extremen:

Zwischen Gedächtnisverlust oder Wiedererleben des Traumas; zwischen der Sintflut intensiver, überwältigender Gefühle und der Dürre absoluter Gefühllosigkeit; zwischen gereizter, impulsiver Aktion und totaler Blockade jeglichen Handelns.

Der Traumatisierte ist zu einem reduzierten Leben verurteilt, gequält von Erinnerungen und gefesselt von Hilflosigkeit und Angst. So absolvieren viele Opfer ihre alltägliche Routine, beobachten alle Ereignisse aus grosser Distanz, ihr Gefühl von Lähmung und Nichtzugehörigkeit wird nur durch die immer wieder schrecklich auftauchenden Erinnerungen an ihr Trauma gefühlsmäßig durchbrochen.

 

3. Soziale Auswirkungen des Traumas: Verlust der Beziehungen und Werteverlust.

Traumatische Erfahrungen wirken sich nicht nur direkt auf die psychischen Strukturen aus, sondern sie beeinflussen ganz stark auch die Beziehungssysteme und Wertvorstellungen des Menschen. Traumatisierte fühlen sich extrem verlassen, allein und  ausgestoßen aus dem lebenserhaltenden Rahmen von menschlicher Fürsorge und Schutz. Das Gefühl von Entfremdung und Nichtzugehörigkeit beherrscht jede Beziehung. Das Selbst des Opfers wird zerstört. Die Selbstsicherheit und das Vertrauen in die Umwelt sind verschwunden. Vor allem das Gefühl, ein eigenständiger Mensch zu sein, geht total verloren. Man fühlt sich wieder in der abhängigen Position eines Kleinkindes der Umwelt gegenüber. Man ist schutzbedürftig, aber gleichzeitig hat man panische Angst vor der Nähe und Intimität. Die Opfer eines Traumas fühlen sich schuldig, mies, unsicher, entwertet und wissen gar nicht mehr um ihre Fähigkeiten und Kompetenzen. Sie leiden unter einem extrem negativen Selbstbild

- Pierre Janet, L’Automatisme Psychologique, Paris 1973

- A. Kardiner und H. Spiegel, War, Stress and Neurotic Illness, New York 1947

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Freitag, 28. Juli 2017