Die Verletzung der Gefühle: Der Prozess der Traumatisierung

A. Einleitung

Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden in kriegerischen Auseinandersetzungen immer mehr Menschen der Zivilbevölkerung von Kriegshandlungen betroffen. Unschuldige wurden gefoltert, brutal umgebracht oder ihre gesamte Lebensgrundlage wurde durch Bombenterror zerstört. Auch wurden viele Menschen unbeabsichtigt Zeuge schlimmster Kriegsverbrechen. Zum ersten Mal beschäftigte sich die Psychoanalyse mit Opfern der Konzentrationslager mit traumatischen Erfahrungen. Diese Untersuchungen wurden gemacht, um für die Opfer für die ihnen angerichteten psychischen und physischen Schäden wenigstens materielle Gerechtigkeit anzubieten.

Die Überlebenden schilderten Erfahrungen mit den Tätern, vor denen der menschliche Verstand versagen muss. Nur wenige Fachleute haben sich mit diesen Schicksalen beschäftigt, ein grosser Teil der Gesellschaft wollte die Taten und die damit verbundenen schrecklichen Folgen dieser Verbrechen gar nicht wahrhaben. Lässt man sich emotional und intellektuell auf diese schreckliche Thematik ein, dann erfährt man, wie die Menschen konkret fürchterlichste emotionale Verletzungen und Erniedrigungen ausgesetzt waren. Die psychische Verletzung wird nicht mehr ein theoretischer Begriff, eine psychopathologische Kategorie, sondern sie erhält ein klar sichtbares Erscheinungsbild. Gleichzeitig werden wir mit der abscheulichsten Seite des Menschen, der Fähigkeit zu zerstören, konfrontiert.

Ich möchte mich hier konkret mit Kriegsopfern beschäftigen, die einem chronischen Trauma ausgesetzt waren. Diese Menschen fühlten sich über einen längeren Zeitraum hilflos den oben beschriebenen Erfahrungen ausgeliefert und konnten sich der bedrohlichen Situation überhaupt nicht entziehen. Besonders Kinder, die den genau gleichen Terrormechanismen ausgeliefert sind wie politische Gefangene oder Geiselopfer, erleiden die schlimmsten Traumatisierungen, weil sie auch am hilflosesten sind und unbedingt auf den Schutz von Erwachsenen existentiell angewiesen wären. Meistens sind sie gewalttätigen Männern ausgeliefert, die um ihre Opfer unsichtbare Gefängnismauern bauen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit fürchterlich quälen.

Heute werden wir von einer Flüchtlingswelle aus den arabischen Ländern in Europa geradezu überschwemmt. Diese Flüchtlinge haben wie oben beschreiben die schlimmsten traumatischen Erfahrungen hinter sich. Unsere Gesellschaften werden nicht nur mit den klassischen Integrationsbemühungen konfrontiert, sondern der größte Teil der Flüchtlinge erreichen erschöpft und schwer kriegstraumatisiert Europa. Deshalb ist es unbedingt nötig, dass wir uns über diese psychische Belastung dieser Menschen orientieren, denn zur Integration dieser Flüchtlinge müssen wir ganz andere Vorgehensweisen entwickeln und ein profundes gesellschaftliches Verständnis für die psychische Traumatisierung emtwickeln.

 

B. Opfer – Täter – Beziehung: Ein traumatisierendes Terrorsystem

  • Die besondere Täter - Opferbeziehung

    In der Gefangenschaft, wenn das Opfer über längere Zeit Kontakt mit dem Täter hat, entsteht eine besondere, von Zwang und Unterworfen sein geprägte Beziehung.
    Das betrifft Opfer, die mit purer Gewalt festgehalten werden, wie etwa politische Gefangene oder Geiseln, ebenso wie Opfer, die durch eine Mischung von Gewalt, Einschüchterung und Verführung festgehalten werden.
    Die psychischen Folgen der Unterwerfung durch Zwang sind sehr ähnlich, besonders in Kriegssituationen. Die Opfer werden Zeugen oder selbst betroffen durch Gewaltexzesse, die so schlimm sind, dass die Betroffenen nicht mehr in der Lage sind, diese Grausamkeiten psychisch zu integrieren
    DieTäter wird in der Gefangenschaft die wichtigste Bezugsperson im Leben des Opfers, denn das Überleben ist vom Täter absolut abhängig. Das Opfer ist ihm hilflos ausgeliefert und kann überhaupt nichts für sein Überleben machen.
    Leider ist es uns beinahe nicht möglich, zu verstehen, was sich im Kopf eines Täters abspielt. Sie stellen sich nie freiwillig einer Untersuchung und bei Gericht zeigen sie oft keine Spur von Reue oder Schuldgefühlen. Sie sind kalt und unnahbar, aber, was am meisten erschreckt, sie sind normal, wie Du und Ich, sie fallen nicht als Monster auf. Ihre Gefährlichkeit ist unter der Maske der ganz gewöhnlichen Normalität versteckt. So konnten die SS-Schergen am Morgen ihre Familien verlassen, ihren Dienst beim Gasofen oder auf der Rampe verrichten und am Abend zu ihren Kindern und zur Frau heimkehren, wie wenn nichts geschehen wäre. Dieses unheimliche Abspaltungsvermögen seiner Tat gegenüber ist ein charakteristisches Merkmal der Täterpersönlichkeit. Alice Miller hat in ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“ die Charakteristik des schlimmsten Naziverbrecher hervorragend folgendermaßen beschrieben:“ Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wir in der Öffentlichkeit nie darüber reden….Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des Jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht-„Das jüdische Volk wird ausgerottet“, sagt ein jeder Parteigenosse, „ganz klar, steht in unserem Programm. Ausschaltung der Juden. Ausrottung, machen wir.“ Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Vor Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ (S. 98, Heinrich Himmler, „Potsdamer Rede“ 1943)
    Weiter werden sie, dank der Beobachtung der Opfer, als autoritär, verschlossen, manchmal größenwahnsinnig und sogar paranoid beschrieben.
    Trotz allem hat aber der Täter ein äusserst feines Gespür für reale Machtverhältnisse und gesellschaftliche Normen. Die Täter achten ganz peinlich darauf, dass sie durch ihr verwerfliches Tun nie öffentlich abnorm auffallen

  • Wie geht ein Täter vor, um sein Opfer gefügig zu machen und es seinem Willen zu unterwerfen?

    Sie werden durch die oben beschriebenen Mechanismen von ihrem Täter abhängig und entwickeln sogar noch oft Zuneigung.
    Angst, vereinzelte Belohnungen, Isolation und erzwungene Abhängigkeit können schließlich dazu führen, dass das Opfer unterwürfig und gehorsam wird. Man beschreibt zwei wichtige Phasen, in denen der Wille und die Persönlichkeit von Menschen gebrochen werden können:

    1  Die erste Phase ist abgeschlossen, wenn das Opfer innere Autonomie Weltanschauung, moralische Prinzipien oder Bindungen aufgibt, um zu überleben.

    2  Die zweite, irreversible Stufe der Unterdrückung ist erreicht, wenn das Opfer den Lebenswillen verliert. Es ist dem Menschen nur noch egal, was mit ihm passiert.

    Bei chronisch Traumatisierten unterscheiden sich die Symptome in einigen Punkten gegenüber den oben beschriebenen Hauptsymptomen akuter Traumatas:
    Das Opfer fürchtet nicht, dass das Trauma wiederkehren würde, sondern diese traumatische Situation wird zur quälenden Wirklichkeit. So erreichen chronisch Traumatisierte nie mehr einen Grundzustand physischer Ruhe oder Entspannung. Bei chronisch Traumatisierten dominieren vorwiegend konstriktive Muster.
    Vermeidung und Rückzug werden die dominierenden psychischen Verhaltensmuster.
    Wenn das Opfer nur noch um das Überleben kämpft, ist Rückzug eine wesentliche Form der Anpassung. Die psychische Verengung betrifft alle Lebensbereiche: Beziehungen, alle praktischen Beschäftigungen, Gedanken, Erinnerungen, Gefühle und sogar Wahrnehmungen.
    Wenn Opfer aus ihrer Situation befreit werden, verharren sie in ihren Überlebensstrategien aus ihrer traumatischen Erfahrung herrührend. So verarmt ihr Leben. Diese Rückzüge sind bewusst herbeigeführte Bewusstseinsveränderungen. Der Mensch dissoziiert aus seinem Körper, ja seiner Person. Er steigt aus sich selbst aus. Dadurch entwickelt der Mensch zwei sich widersprechende Welten. Aus Überlebensgründen wird er schizophren. Er muss sich in seine eigene Welt retten, weil er die reale Welt nicht mehr ertragen kann. Hier ist es aber eine bewusste Spaltung seines Selbst, denn bei einer normalen schizophrenen Psychose passiert dies über Wahnideen hin zum psychotischen Zusammenbruch alles unbewusst für den Patienten. Die Spätfolgen einer chronischen Traumatisierung sind depressive Gemütsverfassungen.
    Wenn chronische Übererregung und intrusive Symptome mit den depressiven Verstimmungen verschmelzen, dann führt dies zum Horror nach dem Überleben: Schlaflosigkeit, Alpträume und psychosomatische Symptome.
    Diese Menschen leben somit auch nach der Befreiung aus der Gefangenschaft im Gefängnis ihrer traumatischen Erfahrung weiter und die Hoffnung auf Befreiung ist leider sehr gering. Die erlebte und demütigende Isolation wird zu einem Dauerzustand. Oft erleben Opfer nach ihrer schrecklichen Erfahrung ein Unverständnis der Umgebung mit ihrem Erleben. Viele Opfer müssen deshalb mit ihren Erinnerungen alleine zurechtkommen. Auch da hat unsere Gesellschaft noch vieles aufzuholen und an Versäumtem wieder gutzumachen.

C. Eine besondere Stellung nehmen in dieser Abhandlung Kinder ein

Während Erwachsene als gefestigte Persönlichkeiten einem Trauma ausgesetzt sind, prägt und deformiert ein Trauma die Persönlichkeit eines Kindes tiefgreifend.
Kinder müssen ungeheure Anpassungsleistungen vollbringen, die sich in ihrer Entwicklung zu einer Persönlichkeit niederschlagen. Kinder kennen dann später nichts anderes als diese Erfahrungen. Sie haben keine Vergleichsmöglichkeiten wie Erwachsene, die als Überlebensmöglichkeiten einen entscheidenden Faktor spielen können. Bei Kindern wird die Entwicklung außergewöhnlicher abnormer Bewusstseinszustände gefördert, in denen das Verhältnis von Körper und Seele, Realität und Phantasie, Wissen und Erinnerung verschoben ist. In jedem Fall sind diese Kinder im Krieg und auf der Flucht hilflos und ohnmächtig einem chronischen Gewaltklima ausgesetzt, das demjenigen politischer Gefangener sehr ähnlich ist. Da Kinder oft auch geistig noch nicht die Reife eines Erwachsenen haben, wird ihre geistige und emotionale Verwirrung erhöht. Werden Kinder mit einer Kriegstraumatisierung nicht frühzeitig therapiert, entwickeln sie psychischen Störungen, die im Erwachsenenalter zu schweren und sogar gefährlichen Pathologien führen können. Oft führen diese Menschen, die als Kinder Opfer schwerster Kriegstraumatisierungen wurden, ihre Opfererfahrung im Erwachsenenalter weiter oder was noch viel schlimmer ist, sie spalten ihr Trauma ab und identifizieren sich mit den Tätern. Entweder schlagen sie eine kriminelle Karriere ein oder geben ihre traumatische Erfahrung im Sinne einer transgenerationalen Vererbung an ihre Kinder weiter.

Folgende psychische Entwicklungen können bei traumatisierten Kindern in Gang gesetzt werden:

  • Ausgeklügelte dissoziative Abwehr (Ausstieg aus dem Körper)
  • Entwicklung einer gespaltenen Persönlichkeit (Bilden einer anderen, lebenswerten Welt in der Phantasie)
  • Pathologische Regulierung emotionaler Zustände (Gefühle der Wut und der Angst usw. werden zu Gunsten von Gefühlen der Zuneigung und Verehrung ins Gegenteil verkehrt).
  • Identifikation mit dem Täter, das Erlebte wird an Unschuldigen ausgelebt.

Es dauerte sehr lange, bis auch die anerkannte Psychiatrie bereit war, traumatische Erfahrungen und die damit verbundenen psychischen Störungen als eigenständige psychische Erkrankungen zu akzeptieren. Alle Fachleute, die sich diesem Thema aufmerksam und kritisch widmeten, wurden lange Zeit von offizieller Seite nie ernst genommen und in den Bereich der Unwissenschaftlichkeit verbannt. Ich meine, dass diese Reaktionen damit zusammenhängen, dass diese Gewaltanwendungen der Menschen untereinander noch so legitimiert sind, dass die Anprangerung solchen Verhaltens geradezu als gesellschaftsschädigend angesehen wird. Nicht die physische und psychische Zerstörung tausender von Menschen ist gefährlich für unsere Gesellschaft, sondern die Kritik daran. Eigentlich ist dieser Sachverhalt eine Absurdität und ein Skandal, wird aber in unserer Gesellschaft immer noch als alltägliche Normalität hingenommen.

 

D. Die Diagnose des Traumas

Die psychische Störung nach einer traumatischen Erfahrung ist eine komplexe Erscheinung. Deshalb schlägt Judith Herman eine eigenständige Diagnose für Trauma geschädigte Opfer vor, die dem Umstand und dem Leiden der Opfer endlich gerecht wird:

Folgende diagnostische Faktoren müssen bei einer „Komplexen posttraumatischen Belastungsstörung“ beachtet werden:

  • Der Patient war über einen längeren Zeitraum totalitärer Herrschaft unterworfen (Geiseln, Kriegsgefangene, Überlebende eines Konzentrationslagers,)
  • Störungen der Affektregulation: anhaltende Dysphorie (ein unentwirrbares Gefühlsagglomerat verschiedener sich widersprechender Gefühle, chronische Suizidgedanken, Selbstverstümmelung, aufbrausende oder extrem unterdrückte Wut (eventuell alternierend)
  • Bewusstseinsveränderungen: Amnesie (Unterdrücken der Erinnerung der erlebten traumatischen Ereignisse). zeitweilig dissoziative Phasen, Depersonalisation/Derealisation (Spaltung der Persönlichkeit), Wiederholen des traumatischen Geschehens.
  • Gestörte Selbstwahrnehmung: Ohnmachtsgefühle, Lähmung jeglicher Initiative. Scham- und Schuldgefühle, Gefühl der Stigmatisierung, Gefühl, von niemandem verstanden zu werden.
  • Gestörte Wahrnehmung des Täters: Unrealistische Einschätzung des Täters, der für allmächtig gehalten wird, Idealisierung oder paradoxe Dankbarkeit, Übernahme des Überzeugungssystems oder der Rationalisierungen des Täters.
  • Beziehungsprobleme: Isolation und Rückzug, gestörte Intimbeziehungen, anhaltendes Misstrauen, wiederholt erfahrene Unfähigkeit zum Selbstschutz.

Veränderung des Wertesystems: Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung.“
(Judith Herman Die Narben der Gewalt: Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, S. 171, 2003)

 

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Dienstag, 27. Juni 2017