Die narzisstische Persönlichkeitsstörung

 

A.  Einleitung

Wird man mit Narzissten, Menschen, die unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, konfrontiert, beschleicht uns ein sehr unangenehmes Gefühl. Wir fühlen uns von diesen Menschen dominiert, nicht wahrgenommen und andererseits bemühen sie sich beständig, von uns gelobt, geliebt und bestätigt zu werden. Sie entwickeln dabei einen brillanten Beziehungsstil, uns immer wieder zur Bewunderung ihrer Person zu verführen. Trotz innerer Widerstände können wir dieser geschickten Manipulation nicht entziehen und fühlen uns missbraucht, aber verspüren Hemmungen, uns dem geschickten Ansinnen von Narzissten zu widersprechen. Denn gleichzeitig mit der Verführung vermitteln Narzissten und nonverbal, ja drohend, dass es heftigen Streit absetzen würde, wenn wir ihrem Ansinnen nicht willig nachgeben.


B.  Der kommunikative Stil

     von Narzissten

Dabei benutzen Narzissten ganz bestimmte kommunikative Mittel, um ihr Ziel, bewundert und bestätigt zu werden. Sie neigen zu Grandiosität, sie zeigen sich als unübertroffene, erfolgreiche Menschen. Für sie gibt es keine Hindernisse im Leben, sie meistern alle Schwierigkeiten mit Leichtigkeit. Gleichzeitig vermitteln sie dem anderen, dass dieser nie dieses erfolgreiche Niveau erreichen wird. Die Kommunikation ist sehr perfide, denn gleichzeitig macht sich der Narzisst übergroß und den anderen klitzeklein. Der Abstand innerhalb der Beziehung ist unendlich gross. Narzissten lassen einen nie zu Wort kommen, sie müssen sofort jedes soziale Ensemble total beherrschen, sie müssen im Mittelpunkt stehen. Anderen das Wort erteilen, anderen zuhören, das geht nicht. Das wichtigste strategische Ziel des Narzissten besteht darin, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Narzisst hat vor allem die Gewohnheit, immer den anderen vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben.

C.   Die narzisstische Beziehung

Er stellt die Regeln auf, nach denen sich alle zu richten haben. Diese Regeln gelten für alle, außer für den Narzissten selbst. Narzissten kennen ein unendliches Repertoire, andere Menschen zu demütigen und zu verachten. Man kann sich noch so viel Mühe geben, einem Narzissten alles recht zu machen, nie wird es jemandem gelingen, dieses Ziel zu erreichen. Die Beziehung zu einem Narzissten ist nur von kurzer Dauer eitel Sonnenschein. Sehr schnell artet die Beziehung in Streit aus. Aus für mich unergründlichen Ursachen löst mein Verhalten bei einem Narzissten Wut, Kränkung und tiefste Beleidigung aus. Narzissten neigen zu absoluter Kontrolle und sind sehr misstrauisch. Die Wut und Kränkung setzt immer dann als Reaktion ein, wenn ich es wage, Bedürfnisse an einen Narzissten zu richten. Er empfindet dieses Ansinnen als Anmaßung und Unverschämtheit. Entweder werde ich äußerst aggressiv beschuldigt und mit den oben beschriebenen Verhaltensweisen kurz und klein geschlagen, oder ich werde eiskalt fallen gelassen und der Narzisst gibt mir zu verstehen, dass er mich nicht kennt, ja dass er mich nie gesehen hat und nicht mal weiss, wer ich eigentlich bin. Ich bin von einer Sekunde auf die andere Luft für ihn.
Wagt man es trotzdem, mit einem Narzissten eine enge Beziehung einzugehen oder wird man gezwungen, in der Arbeitswelt mit einem Narzissten zusammen zu arbeiten, dann setzt man sich einem psychischen Milieu aus, das unter Umständen krank macht. Narzissten verursachen mit ihrem Verhalten oft eine destruktive Wirkung. Sie machen andere Menschen krank. Da Narzissten dauernd mit sich beschäftigt sind und keine Empathie, kein Einfühlungsvermögen gegenüber anderen Menschen aufbringen können, haben sie zur produktiven Leistungserbringung ein gestörtes Verhältnis. Die Anerkennung ihrer Person, die Bewunderung und kritiklose Bestätigung ihrer Person sind so wichtig und stehen im Mittelpunkt, so dass die Erbringung einer realen, überprüfbaren Leistung geradezu eine Anmaßung für Narzissten bedeutet. Man glaubt immer, dass Narzissten sehr sensibel wären, was aber nicht stimmt. Sie sind genial in der Manipulation von Menschen, sie verführen gekonnt und sind sehr wendig und schlau, um jeglicher Leistungskontrolle aus dem Weg zu gehen. Oft hört man , dass in der Führungsetage der Unternehmungen Narzissten Erfolg hätten und dass sogar eine Portion Narzissmus unbedingt notwendig wäre, um Erfolg zu haben. Narzissten sind sehr geschickt darin, über gekonntes Beziehungsmanagement die Karriereleiter emporzuklettern. Sie beherrschen perfekt das politische Spiel der Intrige, um ihr Ziel zu erreichen.

Der Antrieb ist nur Bewunderung und Anerkennung, erzielen von substanzieller Leistung ist Fehlanzeige.

Auf der Leistungsseite produziert der Narzisst heiße Luft, auf der Bewunderungsseite prachtvolle Bewunderung seiner Person. Werden solche Führungspersonen aber in ihrem verführerischen, manipulativen Treiben durchschaut, verlassen sie so schnell wie möglich die Firma und heuern an einem neuen Ort  an, oder sie bringen sich um.

 

D.   Die Kehrseite nach Bewunderung

      - der lebensbedrohliche Minderwertigkeitskomplex


Da wir hier von einer Persönlichkeitsstörung reden, werden wir auch mit einer psychischen Krankheit konfrontiert. Jedes Verhalten hat auch eine psychische Dynamik und Struktur, die diesem Verhalten zu Grunde liegt. Wir werden hier mit einer paradoxen Situation konfrontiert. Dem Narzissten ist es nicht möglich, seine Krankheit zu erkennen, auch wenn er unter dem Stress, sich permanent um die Bewunderung anderer anzustrengen, leidet. Reflexion als Fähigkeit, sein Verhalten und Erleben zu denken, ist in seinem System nicht vorgesehen.

Wenn wir an meine Ausführungen im Artikel über normalen Narzissmus zurückdenken, dann habe ich dargelegt, wie ein Mensch von seiner frühesten Kindheit an darauf angewiesen ist, als eigenständige Person wahrgenommen zu werden und in seiner Persönlichkeit wert geschätzt werden will. Macht jemand diese elementare Erfahrung in seiner kindlichen Entwicklung nicht, dann entwickelt er kein eigenes Selbst. Er weiss gar nicht wer er ist. Er hat keine Vorstellung von sich selbst , sein Grundgefühl ist dann ein Nichts. Real existiert er in seiner Selbstwahrnehmung nicht. Es gibt ihn nicht. Ein Narzisst, auf sich selbst gestellt ist ein Niemand, ein gar nichts. Die narzisstische Persönlichkeit ist deshalb die paradoxe Bemühung, die Beziehungsdefizite aus der frühen Kindheit aus sich selbst heraus zu kompensieren. Ein Narzisst ist wie der Lügner Münchhausen, der glaubt, sich selber an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Narzissten entwickeln deshalb eine immense Selbstorganisation von Verhaltensmustern, um ein verheerendes Beziehungsdefizit zu beseitigen. Sie sind in einem beständigen Stress, nie mit der eigenen Nichtexistenz konfrontiert zu werden. Jeder Mensch, der einem Narzissten zu nahe kommt, ist eine potenzielle Gefahr.  Ein Narzisst lebt permanent im Überlebensmodus.

Deshalb nimmt ein Narzisst jede Kritik auf der sachlichen Ebene persönlich und reagiert gekränkt. Jede Beziehungsanforderung ist bereits eine Kränkung, denn man könnte seine Selbstlüge als Münchhausen durchschauen. Deshalb reagieren Narzissten in solchen Situationen oft mit einer akuten Depression, oder neigen zu gewalttätigen Ausbrüchen.

Weil ein Narzisst jegliche menschliche Nähe aus den oben beschriebenen Gründen ablehnt, sind psychotherapeutische Bemühungen oft erfolglos. Das einzige Ziel des Narzissten in einer Therapie besteht darin, sein vorheriges grandioses Verhalten wieder herzustellen. Dem Therapeuten fällt die Aufgabe zu, den Narzissten so lange zu loben und emotional zu bestätigen, bis er wieder wie vorher funktioniert. Diese Vorgehensweise entspricht aber nicht der eigentlichen Zielsetzung einer Psychotherapie. Ein Klient muss in einer Therapie einigermassen fähig sein, Kritik konstruktiv anzunehmen und sollte sich bemühen, sein Verhalten selbstkritisch reflektieren zu können. Dann stellt sich auch eine Veränderung ein und Probleme können gelöst werden.  In der psychotherapeutischen Literatur gibt es massenhafte Versuche und Vorschläge, wie man mit einem Narzissten erfolgreich eine Therapie durchführen kann, mich hat aber noch kein Ansatz restlos überzeugt.

 

E.   Der Therapieansatz von Rainer Sachse

Den vielversprechendsten Versuch schildert der Psychologe Rainer Sachse (geb. 10. Oktober 1948) in seinem aufschlussreichen Buch, Rainer Sachse, „Persönlichkeitsstörungen: Leitfaden für die Psychologische Psychotherapie“, Hofgreve 2013. Darin schildert er sämtliche Persönlichkeitsstörungen und versucht, therapeutische Vorgehensweisen aufzuzeigen, die vielleicht Erfolg versprechend sein könnten. Überzeugend an diesem Buch finde ich die authentische und sehr praxisbezogene Art und Weise, wie Sachse dieses schwierige Unterfangen angeht. Beim Lesen des Buches entsteht nie der Eindruck, dass der Autor endlich das Ei des Kolumbus erfunden hätte, sondern immer schwingt im Hintergrund seine Selbstkritik und die Schwierigkeit seines Unterfangens mit.

Zum Schluss meiner Ausführungen möchte ich einige Punkte von Rainer Sachses Therapieansatz vorstellen.

Sachse entwickelte ein theoretisches Modell, um allgemein Persönlichkeitsstörungen zu erfassen. Persönlichkeitsstörungen, und vor allem die narzisstische Störung, sind Beziehungsstörungen. Diese Störungen manifestieren sich vor allem in der Beziehung zur sozialen Umwelt. In erster Linie leiden die anderen unter der Störung. Sachse geht von der Annahme aus, dass in Beziehungen zwei verschiedene soziale Kompetenzen  eine Hauptrolle spielen:

  1. Handlungskompetenzen: Darunter versteht Sachse die Fähigkeit, authentisch seine Bedürfnisse zu befriedigen. Dabei lernt der Mensch von klein auf Handlungsweisen kennen, die es ihm ermöglichen, seine Ziele zu erreichen. Dies gilt vor allem für die narzisstischen Bedürfnisse, wie ich sie im vorigen Artikel beschrieben habe.

  2. Verarbeitungskompetenzen: Hier lernt das Kind, mit den Reaktionen der Umwelt auf seine Bedürfnisse kompetent umzugehen. Nicht alle Bedürfnisse können sofort befriedigt werden. Wie schon beschrieben, entwickelt der Mensch auch da von Kind an Kompetenzen, mit Enttäuschungen, besonders bei narzisstischen Bedürfnissen, kompetent umzugehen und verfügt über ein selbstsicheres Selbst, um Enttäuschungen aufzufangen.

 

 

F.   Verhaltensmuster der

      narzisstischen Persönlichkeitsstörung


a.  Motivebene:

Sachse beschreibt verschiedene Motive, die genau den narzisstischen Bedürfnissen entsprechen. Von Kind an sind wir motiviert, in unserem Selbst bestätigt zu werden. Werden diese Motive negativ beantwortet, dann entwickeln wir eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Alle Beziehungen sind in Zukunft gestört und ein destruktives Verhaltensmuster tritt in Gang.

  • Ich möchte von anderen Aufmerksamkeit
  • Ich möchte von anderen wahrgenommen werden.
  • Ich möchte von anderen ernst genommen werden.
  • Ich möchte von anderen respektiert werden.         
  • Ich möchte von anderen gesehen werden. 
  • Ich möchte von anderen Signale der „Zugehörigkeit

 

b. Musterbildung

  • Dissoziale Schemata:

    Um diese Bedürfnisse auf der Motivebene befriedigt zu bekommen, muss die soziale Umwelt positiv auf diese narzisstischen Bedürfnisse eingehen. Findet das nicht statt, dann entwickelt der Mensch von klein an Erfahrungsmuster, die Sachse als Schemata beschreibt. Es stellt sich ein Zustand verbunden mit einer Erwartungshaltung ein, dass diese Bedürfnisse nie befriedigt werden würden. Wie schon beschrieben, wirken sich diese Enttäuschungen auf das Selbst aus. Einerseits empfinde ich mich als Nichts und andererseits habe ich immer das Gefühl, von anderen Menschen abgelehnt zu werden. Sachse bezeichnet diese negativen Selbstschemata als dissoziale Schemata. 

  • Kompensatorische Beziehungsstrategien:

    Um nun diese emotionalen Selbstdefizite zu kompensieren, muss der Narzisst manipulative Strategien entwickeln und anwenden, um die Motive der Anerkennung zu erreichen. Ich habe oben beschrieben, wie der Narzisst im Stile von Münchhausen sich aus dem Sumpf befreien muss. Diese kompensatorischen Beziehungsstrategien sind die erfolglosen Bemühungen, das frühkindliche Defizit auszugleichen.
  • kompensatorische Selbstschemata

    Um den Minderwertigkeitskomplex zu bekämpfen, ist der Narzisst gezwungen, sich vor anderen immer im Glanz zu zeigen und muss sich grandios selber rühmen. Dabei unternimmt er alles, damit er bewundert wird. Oben habe ich dieses Verhalten genauer beschrieben. Gleichzeitig muss er andere Menschen klein machen und verachten.

  • kompensatorische normative Schemata

    Der Narzisst bombardiert sich beständig mit Anforderungen an sich selbst, der erfolgreichste zu sein. Er setzt sich total unter Druck, aber eigentlich leistet er gar nichts. Mit diesen befehlenden Selbstaufforderungen, erfolgreich zu sein, untermauert er sein Selbstbild als grandiose, allen Menschen als überlegene Person. Für den Außenstehenden ist dieses Verhalten reine Show.

  • kompensatorische Regel-Schemata

    Um seine Ziele zu erreichen, verfolgt der Narzisst nicht nur eine konsequente manipulative Strategie, sondern er muss sehr autoritär auftreten. Er duldet keinen Widerspruch, keine Kritik, keine andere Meinung. Sein unbedingtes Ziel, absolute Bewunderung zu erlangen, gibt er allen die Verhaltensregeln vor, die unbedingt befolgt werden müssen.

G.    Schlussbemerkungen

Diese Verhaltensmuster, die Sachse beschreibt, haben nicht nur im Lebensalltag des Narzissten Konsequenzen, sondern sie beeinflussen die therapeutische Beziehung entscheidend. Ist sich der Therapeut dieser Verhaltensgewohnheiten eines Narzissten nicht bewusst, dann ist die Therapie von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Beziehungsgestaltung ist eine riskante Gratwanderung zwischen emotionaler Zuwendung und klarer Abgrenzung gegenüber den manipulativen Verhaltensmustern des Narzissten. Sachse meint, dass zu allererst dem Patienten bewusst gemacht werden muss, dass sein Verhalten emotionale Kosten verursacht, die in keinem vernünftigen Rahmen stehen.

Ich finde die Therapieansätze von Rainer Sachse sehr faszinierend, nur bin ich sehr skeptisch, ob sie in der Praxis tatsächlich umsetzbar sind. Eigentlich stellen die Persönlichkeitsstörungen die größte Herausforderung für die Psychotherapie dar. Seit Kurzem wird immer deutlicher, dass Persönlichkeitsstörungen einen traumatischen Hintergrund haben. Dies bedingt, dass in die Therapiearbeit immer mehr auch die Erkenntnisse der Traumatherapie einfließen müssen. Aber da steht uns noch ein sehr beschwerlicher, weiter Weg bevor, weil einerseits traumatische Erfahrungen erst seit Kurzem als therapeutisches Thema aktuell sind und es deshalb viel zu wenig ausgebildete Traumatherapeuten gibt.

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Sonntag, 24. September 2017