Die Landkarte der psychischen Entwicklung

 

 

1.  Einleitung

Der bekannte kanadische Psychologe Gordon Neufeld ist meines Erachtens der einzige Entwicklungspsychologe, dem es gelungen ist, die theoretische Entwicklungspsychologie der letzten 70 Jahre mit einem praktischen Ansatz zur Erziehung von Kindern zu verknüpfen. Endlich bekommen Eltern eine praktische Hilfestellung zur Verfügung, die frei von Ideologie ist, sondern konkret wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. In meinem Blog möchte ich diesen „bekannten Neufeld-Ansatz für die Kinder“  näher vorstellen. Ich beziehe mich in meinem Blog auf das Buch von Dagmar Neubronner, die im deutschen Sprachraum den Neufeld-Ansatz bekannt gemacht hat. Dabei werde ich auch auf andere Entwicklungspsychologen zurückgreifen, um die Wurzeln des Nezûfeld-Ansatzes verständlicher zu machen.

Bis jetzt sind  Erziehungsratgeber immer davon ausgegangen, dass wir gleich einer Roadmap die Erziehung der Kinder nach einem vorgegebenen Drehbuch abspulen müssten. Ein Abweichen von diesem Weg lag nicht drin. So haben über Jahrhunderte tausende von Eltern gehorsam die Erziehung ihrer Kinder nach einem solchen Drehbuch umgesetzt und haben dadurch ihr Erziehungsverhalten praktisch nie selbstkritisch hinterfragt. Ging etwas schief, dann machten sie sich Vorwürfe, dass sie die Vorgaben nicht korrekt umgesetzt haben. Meine Mutter, Alice Miller,  hat in ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“ genügende Beispiele solcher erzieherischen Vorgaben beschrieben und dieses Verhalten als „Schwarze Pädagogik“ bezeichnet.

 

2.  Der Neufeld-Ansatz.

Neufeld distanziert sich klar von dieser erzieherischen Ideologie, vielmehr geht er davon aus, dass die Erziehung des Kindes von der Empathie dem Kind gegenüber geleitet sein sollte. Bildlich spricht er von einer Landkarte, auf der alle wichtigen Wissensdaten abgelegt sind, die es braucht, um kompetent ein Kind bei seiner Entwicklung optimal zu unterstützen. Die Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes beinhaltet drei Ziele der Reifung:

  • Die Kraft der Emergenz: Der Begriff der Emergenz stammt aus der Allgemeinen Systemtheorie. Man geht davon aus, dass sich ein System dadurch entwickelt, dass es durch Emergenz immer eine höhere Stufe der Entwicklung erreicht. Emergenz ist die Schubkraft, die es braucht, dass wir nicht stehen bleiben, sondern immer naturbedingt fähig sind, aus Altem Neues zu schaffen. Schon der berühmte Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat in seiner Entwicklungstheorie das Phänomen der Emergenz beschrieben, und zwar ist es die Balance zwischen Assimilation und Akkommodation. Entwicklung setzt ein, indem ein Lebewesen an seine Grenzen stösst und motiviert wird, neue Bewältigungsinstrumente des Lebens zu entwickeln. Wir entwickeln uns durch Innovation. Die Grenze motiviert uns, unsere Grenzen zu erweitern und dadurch schaffen wir uns neue  Lebensmöglichkeiten durch Emergenz. Um uns zu entwickeln, müssen wir die Möglichkeit erhalten, unser Potenzial auszuschöpfen.
  • Die Kraft der Adaption: Jedes Kind wird mit der Situation konfrontiert, dass es an Grenzen stösst, die es nicht erweitern kann, sondern als Realität akzeptieren muss. So werde ich nicht grandios, sondern muss mich halt Gegebenheiten beugen, die mir zuerst nicht passen. Ich denke, dass diese Konfrontation mit der Realität auch eine grosse Motivation ist, dass sich Tiere, aber vor allem der Mensch sich sozial entwickeln müssen. Die Fähigkeit zur Kooperation ist die evolutive Antwort auf die Begrenzung durch Realitäten. Die Anpassung an die Grenzen der Realität nennt man Adaption. Ich muss innerhalb der auferlegten Grenzen mich zurecht finden und genau diese Grenzen motivieren mich, Lösungen im Sinne von Entwicklung zu finden. Adaption und Emergenz bedingen sich.
  • Die Kraft der Integration: Unser psychisches Innenleben besteht aus verschiedenen Anteilen, die sich widersprüchlich gegenüber treten. Es braucht eine übergeordnete Kraft, diese widersprüchlichen Kräfte im Zaume zu halten. Jeder Anteil soll dann zur Geltung kommen, wenn es angebracht ist. Kein Anteil soll verdrängt oder aus dem Ganzen ausgeschlossen werden. Diese übergeordnete Kraft ist die Fähigkeit der Integration. Jeder Anteil behält seine Identität, durch integrative Kraft wird aber eine Balance hergestellt, dass kein Anteil die anderen Anteile verdrängt oder ein Anteil gezwungen wird zu verschwinden.

Der bekannte Entwicklungspsychologe Donald W. Winnicott bezeichnete diese angeborenen Entwicklungstendenzen als WAHRES SELBST, das das angeborene Potential ist, das nach Entwicklung strebt. Die Aufgabe der Eltern besteht nun darin, diesen Entwicklungsprozess optimal zu fördern. Dieser Ansatz unterscheidet sich grundsätzlich vom klassischen Erziehungsstil, der darin bestand, das Kind nach den Vorstellungen der Eltern zu formen. Alice Miller meinte, in der klassischen Erziehung ging es immer darum, „dem Kinde seinen eigenen Willen zu benehmen“.

Um dieses Entwicklungsziel zu erreichen, hatte Neufeld eine geniale Idee:

Statt einer vorgegebenen Erziehungsroute, wo Dressur die wichtigste Erziehungshandlung darstellt, erstellte er eine Landkarte, auf der verteilt im Überblick die anlagebedingten Möglichkeiten verteilt sind, die es gilt zu berücksichtigen.

3.  Die Grundbedürfnisse psychischer Entwicklung

Zuerst möchte ich die wichtigsten „Ortschaften“ der Landkarte beschreiben, die uns die Orientierung und das Wissen vermitteln, um das Kind aufgrund seiner inneren Bedürfnisse wahrzunehmen. Man kann diese Ortschaften als motivatonale Systeme beschreiben, die darauf abzielen, durch die Bezugspersonen befriedigt zu werden. Diese motiavtionalen Systeme sind zwar genetisch angeboren, aber sie müssen durch Beziehungserfahrung angeregt werden. Aus sich selber heraus können sie sich nicht entwickeln. Sie alle sind sozial angelegt und sind zur ihrer Entfaltung auf soziales Feedback angewiesen. Im Folgenden möchte ich diese Ortschaften auf der Landkarte genauer beschreiben:

a. Das Konzept der Bindung:

Der Psychologe John Bowlby hat in den Fünfziger Jahren die Bindungstheorie entwickelt und wurde später durch empirische Forschungen in seiner Theorie bestätigt. Heute ist die Bindungstheorie eine der konsistentesten psychologischen Theorien. Dabei geht es darum, dass der Säugling genetisch über einen Trieb verfügt, sich an eine Bezugsperson zu binden. Dadurch, dass der Säugling nach der Geburt von der Mutter getrennt wird (durchtrennen der Nabelschnur), entwickelte sich durch Evolution das Bindungsverhalten, das durch Beziehung die Trennung nach der Geburt kompensiert. Bindung ermöglicht Nähe, die nach der Geburt verloren geht.

Dabei unterscheidet er zwei verschiedene Haltungen: Beim Säugling nennt man sein Bindungsverhalten Attachement, bei der Mutter Bonding. Die Rollen sind in einer solchen Beziehung ganz klar verteilt. Der Säugling äussert sein Bedürfnis nach Bindung und bemüht sich darum, die Mutter muss adäquat darauf antworten. Bowlby entwickelte für die Mutter das Konzept der Feinfühligkeit.

  • Aufmerksamkeit: Die Mutter ist auf das Kind bezogen und lässt sich nicht ablenken.
  • Sensitivität für Reize: Die Mutter bietet in einer Balance dem Kind die nötigen Reize an. Es überfordert das Kind nicht oder sie vernachlässigt das Kind nicht. Hier ist die Intuition der Mutter gefragt, es geht um Empathie gegenüber dem Kind.
  • Die Übernahme der Perspektive des Kindes: Die Mutter stellt sich in den Dienst des Kindes. Über Empathie erspürt die Mutter, mit welchem Bedürfnis des Kindes sie konfrontiert ist. Sie projiziert nicht ihre Bedürfnisse auf das Kind.
  • Adäquate Reaktion: Die Bedürfnisse des Säuglings müssen unmittelbar und adäquat befriedigt werden.

Bowlby hat weiter herausgefunden, dass die frühe Bindungserfahrung die alles entscheidende Grundlage für die psychische Entwicklung eines Menschen ist. Forschungen zu diesem Thema haben gezeigt, dass die gute Bindungserfahrung die Voraussetzung dafür ist, ob sich Gene explizieren, d.h. entwickeln. Die Bindungserfahrung ist die entscheidende epigenetische Erfahrung, die eine gesunde psychische Entwicklung massgeblich fördert. Bowlby hat auch herausgefunden, dass die Bindungserfahrung verinnerlicht wird und unsere Art, wie wir Beziehungen zu anderen Menschen gestalten, wesentlich beeinflusst. Machen wir eine gute Erfahrung, dann entwickeln wir einen sicheren Bindungsstil, wir sind zum grossen Teil gegen psychische Verletzungen immun, oder besser resilient, widerstandsfähig. Erleiden wir aber frustrierende Bindungserfahrungen, entwickeln wir einen unsicheren Bindungsstil, wir verhalten uns gestört in Beziehungen und neigen dazu, psychische Verletzungen abzuspalten.

Neufelds genialer Ansatz besteht nun darin, dass er die Erreichung der Reifeziele, die ich oben beschrieben habe, anhand einer Entwicklungslinie der Bindungserfahrung aufzeigt. Er beschreibt verschiedene Ebenen der Bindung, die immer intensiver und umfangreicher sind.

Er beschreibt also eine Selbstentwicklung anhand der Bindungserfahrung, die ein Kind in der Beziehung zu seinen Eltern macht. Das Erreichen der Entwicklungsziele wird anhand einer Entwicklungslinie von guter Bindungserfahrung ermöglicht. Die Aufgabe der Eltern besteht nun darin, die entsprechenden Bindungsbedürfnisse der Kinder  positiv zu beantworten. Gleichzeitig stellte aber Neufeld fest, dass durch die Intensivierung der Bindung sich die Verletzlichkeit des Kindes und späteren Erwachsenen vergrössert. Durch Bindung öffnen wir uns dem anderen und gehen das Risiko seelischer Verletzungen ein. Eine gute Bindungserfahrung ist eben deshalb so wichtig, weil diese quasi wie ein seelisches Immunsystem wirkt und uns hilft, Verletzungen aufzufangen und zu verarbeiten. Im Folgenden möchte ich die Entwicklungslinie der Bindung genauer beschreiben. Neufeld beschreibt im Gegensatz zu vielen anderen Entwicklungspsychologen die psychische Entwicklung anhand von Bindungserfahrungen, die von einer sensitiven Nähe immer mehr zu einer tiefen Beziehungsstruktur sich hin entwickeln. So wird jede Entwicklungsphase durch eine spezifische Bindungserfahrung beschrieben.

Die einzelnen Etappen der Bindungserfahrungen:

  • Bindung über Körperkontakt: Für den Säugling ist es vor allem wichtig, sich sicher und geborgen zu fühlen. Durch einen sensitiven Körperkontakt erlebt der Säugling Wärme und Zuwendung, die ihm das Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Bowlby spricht hier vom sicheren Hafen, den der Säugling spüren muss.

  • Bindung über Gleichheit: In der Entwicklungspsychologie spricht man vom Entwicklungsschritt der Intersubjektivität. Der Säugling, der jetzt ein Kleinkind ist, braucht nicht mehr nur die unmittelbare sensitive Nähe zur Mutter, sondern es entstehen die ersten Schritte zur Beziehung Ich und Du. Die Bindung erhält dadurch eine andere Qualität. Durch Bindung entsteht gelebte Gemeinsamkeit in der Beziehung. Drei wesentliche Erfahrungen werden in dieser intersubjektiven Phase gemacht:
  1. Gemeinsames Interesse auf ein äusseres Objekt: Das Kleinkind mit etwa 10 Monaten beginnt mit dem Finger auf ein Objekt ausserhalb von Mutter und Kind zu zeigen. Dabei schaut es die Mutter an und fordert sie auf, mit ihm das Interesse an diesem Objekt zu teilen. Es ist eine Aufforderung zur geteilten Aufmerksamkeit. Wir können diesen Entwicklungsschritt nicht genügend würdigen. Das Kind nimmt nun Bindung mit der Mutter auf, indem es die Mutter auffordert, sich dem Interesse des Kindes anzuschliessen. Das Kind macht die nachhaltige Erfahrung, dass es in der Lage ist, andere Menschen für seine Interessen zu interessieren und damit Einfluss gewinnt auf das Verhalten anderer Menschen. Dies sind die Grundmuster menschlicher Kommunikation.
  2. Absichern durch Blickkontakt: Das Kleinkind beginnt sich durch seine neu gewonnene Bewegungsfreiheit von der Mutter zu lösen. Um aber sicher zu sein, dass es sich nicht gefährdet, versichert es sich durch Blickkontakt mit der Mutter, ob es den Schritt in die Ablösung wagen soll. Beantwortet die Mutter die Absicht des Kleinkindes mit einem aufmunternden Blick, dann wagt das Kind den Schritt in die Autonomie, zeigt die Mutter einen ängstlichen Blick, dann zieht sich das Kind zurück. Sicherlich, das Kleinkind lernt durch diese Erfahrungen, Gefahren einzuschätzen, aber es kann auch in seinem Bemühen nach Autonomie zurückgebunden werden.
  3. Erleben von gemeinsamen Gefühlen: Ist das Kind traurig, dann hat es das Bedürfnis, dass die Mutter mit ihm fühlt. Das Kleinkind lernt, Gefühle mit einem anderen zu teilen und gemeinsam zu fühlen. Es erlebt, dass die Mutter an seinem Gefühlsleben Anteil nimmt. Das Kind fordert im Sinne von Bindungsverhalten das Mitgefühl der Mutter an seinen Gefühlen.
  • Bindung über Loyalität und Zugehörigkeit: Ab drei Jahren merkt das Kind immer mehr, dass es anders ist als alle anderen. Es merkt, dass es eigene Gefühle, Gedanken und Sichtweisen hat, die nicht mit der Perspektive des anderen übereinstimmen. Man ist heute der Meinung, dass diese Entdeckung des Kindes auch eine grosse Motivation darstellt, Sprache zu erwerben. Peter Fonagy, ein bekannter Entwicklungspsychologe, beschrieb dieses Phänomen in seiner theory of mind. Spracherwerb ist eine neue Form, die Bindung zu den Eltern zu vertiefen. Kommunikation ist nun das Medium, um die Bindung nicht mehr nur aufrecht zu erhalten, sie wird vertieft. Das Kind beginnt, über Lernen am Modell, sich soziale Kompetenzen anzueignen, um nicht isoliert zu sein. Es will dazugehören und wird motiviert, sich sozial zu verhalten. Hier spielen die Eltern eine grosse Rolle als Vorbild. Über die Spiegelneuronen kann das Kind  das soziale Verhalten der Eltern beobachten und über Identifikation als Handlungssequenz verinnerlichen.
  • Bindung über Wertschätzung: Mit etwa vier bis fünf Jahren melden sich bei einem Kind die ganz natürlichen narzisstischen Bedürfnisse. Das Kind will in seiner einzigartigen Besonderheit wert geschätzt werden.  Es will bewundert und aktiv geliebt werden. Es will Aufmerksamkeit erhalten und in seiner Persönlichkeit wert geschätzt werden. Es will ermuntert werden und will spüren, dass man an seine Möglichkeiten glaubt und ihm auch etwas zutraut. Wie schon in meinem Blog über den natürlichen Narzissmus habe ich beschrieben, wie diese Wertschätzung die Grundlage einer sicheren Selbstentwicklung ist. Durch diese Bindungserfahrung in der Beziehung wird das Kind in seiner Persönlichkeit gestärkt. Weiter erhält es die Möglichkeit, auch mit Ablehnung, mit narzisstischer Verletzung umzugehen. Durch die Bindung durch Wertschätzung entwickelt sich ein gesundes Selbstwertgefühl.
  • Bindung über Liebe: Eine weitere Stufe der Bindungsentwicklung ist die Liebesfähigkeit. Wenn ich selber spüre, dass ich wert geschätzt wurde, kann ich diese Wertschätzung auch zurückgeben. Ich werde fähig, ab etwa fünf Jahren, Gefühle der Zuneigung, eben Liebe, mit meinen Bezugspersonen auszutauschen. Diese Liebesfähigkeit bewahrt das Kind auch davor, Trennungen von den Eltern besser auszuhalten, denn durch die Liebeszuwendung ist die getrennte Person trotzdem präsent. Die Beziehung ist in meinem Gedächtnis allzeit gegenwärtig und die dazugehörenden Liebesgefühle ebenfalls.
  • Bindung über Vertrautheit: Hier kommt das berühmte Sprichwort zum Zuge:“Man versteht sich blind.“ Ich würde sagen, dass das Kind und auch später der Erwachsene den anderen als eine Art Teil von sich selbst erleben. Der andere ist nicht nur real präsent, sondern auch in der Vorstellung. Ich muss vor allem keine Angst haben, dass der andere mir weh machen würde. Vertrautheit ist auch eine Art Sicherheit, dass der andere mich sensibel behandelt und mich nicht verletzt. Leider ist es so, dass es eine lange Zeit braucht, diese Vertrautheit aufzubauen und diese aber sehr schnell durch Fehlverhalten zerstört werden kann.

b. Das Konzept der Verletzlichkeit

Je mehr ich zu einem Menschen Nähe aufnehme, setze ich mich paradoxerweise auch immer mehr einer seelischen Verletzung aus. Da aber die Bindung meine psychische Lebensgrundlage darstellt, muss ich dieses Risiko auf mich nehmen. Deshalb ist es wichtig, dass das Kind nicht nur vor Verletzungen geschützt wird, sondern auch wichtige Erfahrungen in der Beziehung zu seinen Eltern macht, wie es gesund mit Verletzungen umgehen kann. Am Anfang sind die Eltern dafür verantwortlich und sollten quasi dem Kind Anleitungen geben, seelische Verletzungen zu verarbeiten. In der klassischen Entwicklungspsychologie beschreibt man diesen Vorgang als Regulation von Gefühlen. Diese emotionale Kompetenz beinhaltet neben der Regulation von Gefühlen auch die Resilienz von Gefühlen. Einerseits geht es darum, dass Gefühle den Realitäten gegenüber adaptiert werden. Weiter geht es bei der Resilienz darum, dass der Mensch fähig wird, auch unangenehme Gefühle auszuhalten, vor allem wenn er mit Realitäten konfrontiert wird, wenn er an der Umweltsituation nichts ändern kann. Die Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit, mit Enttäuschungen realitätsgerecht und kompetent umzugehen. Ich stehe wieder auf und verzweifle nicht an meinem Schicksal.

Wird ein Kind emotional verletzt, dann zieht es sich zurück, es verdrängt. Dies ist ein natürlicher Vorgang, um sich vor weiteren Verletzungen zu schützen. Dieses Vermeidungsverhalten kann aber, wenn es über einen zu langen Zeitraum aufrecht erhalten wird, das Kind an weiteren Entwicklungsschritten gravierend hemmen. Neufeld beschreibt drei Schritte kindlicher Vermeidungsverhaltens: Er nennt dies Panzerung. Dieses Verhalten unterbricht die Entwicklungslinie der Vertiefung von Bindung. Wie sieht eine häufige seelische Verletzung eigentlich aus? Meistens ist es ein liebloses, unverständliches, ablehnendes, ja auch quälendes Verhalten der Eltern. Die subjektive Erlebniswelt des Kindes wird schlichtweg ignoriert. Folgende Phasen der Panzerung nach Neufeld kommen zum Zuge:

  • Betäuben der Gefühle: Die schmerzhaften Gefühle werden quasi in Watte gepackt.
  • Ausblenden der unangenehmen Gefühle: Das Kind ist gezwungen, seine verletzten Gefühle abzuspalten. Man nennt diesen Vorgang Dissoziation. Oben habe ich beschrieben, dass die Fähigkeit zur Integration ein wichtiges Reifeziel ist. Durch die Abspaltung der Gefühle wird die Entwicklung der Integration erheblich beeinträchtigt. Die Gefahr besteht nun, dass das Kind diese verletzten Gefühle, die abgespalten sind, unkontrolliert oft als Aggression ausagiert.
  • Abwehr jeglicher Bindung: Das Kind zieht sich zurück und entwickelt einen unsicheren Bindungsstil. Jedes Bedürfnis nach Bindung wird abgewehrt und damit die Entwicklung schwerwiegend gefährdet. Würdigt man den Neufeld-Ansatz gebührend, dann bedeutet das für die psychische Entwicklung eine Katastrophe. Das Kind befindet sich in der Vermeidungsfalle und schneidet sich jegliche Chance auf Entwicklung ab. Die psychische Entwicklung wird unterbrochen und die Türe steht für psychische Störungen weit offen.

Neufeld beschreibt dieses Vermeiden als eine Panzerung. Es ist genau das Gegenteil von Bindungsverhalten.

c. Das Konzept der Abhängigkeit:

Am Anfang des Lebens ist der Säugling abhängig von seiner primären Bezugsperson. Diese muss seinen Bindungsbedürfnissen entgegenkommen und diese befriedigen. Nur in dieser Abhängigkeit findet der Säugling Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit. Schon Winnicott hatte vor 70 Jahren in seinen Werken beschrieben, dass der Säugling intrinsisch motiviert (aus sich selbst heraus) nach Unabhängigkeit strebt. Wir müssen ein Kind nicht zwingen, autonom zu werden, sondern dieses Bedürfnis ist anlagebedingt vorhanden. Die erste Ablösung von der Mutter beschrieb Winnicott als Übergangsphänomene und im Konzept des Übergangsobjektes. Er bezeichnete den Teddybär des Kindes als ersten Nicht-Ich Besitz. Das Kind geht eine innige Bindung zum Teddy ein.

Zuerst aber muss der Säugling diese Geborgenheit der Abhängigkeit genügend geniessen dürfen, bis ein Sättigungsgrad eintritt. Der Teddy soll nicht Ersatz für die Mutter sein, sondern ist eine Möglichkeit, einen Schritt zur Autonomie hin zu machen. Am Anfang ist die Beziehung zur primären Bezugsperson dual, also auf eine einzige Person gerichtet. Durch Bindungsverhalten motiviert der Säugling die Mutter, sich in der Beschützerrolle zurechtzufinden. Sie übernimmt eine sogenannte Alpha-Position, denn sie übernimmt eine Verantwortung, die für den Säugling existenziell ist.

In alten Erziehungsratgebern wird genau dieses Bedürfnis des Säuglings nach Geborgenheit und Abhängigkeit als grösste Gefahr für die Entwicklung des Kindes beschrieben. Die Vorzeigeerziehungsexpertin der Nazis, Johanna Haarer, die auch bis in die Achtziger Jahre noch anerkannt war, riet den Müttern dringest, die Kinder ja nie zu herzen, weil sie dann verdorben würden. Frau Haarer war verantwortlich dafür, dass die Kinder im Sinne der Nazis zu Gefühlspanzer erzogen wurden. Ihre Bücher erreichten damals und bis heute eine Auflage von mehr als einer Million Exemplare.

4. Die Überwindung der "Schwarzen Pädagogik"

  • Die Bedeutung von Bindungsverhalten:

Jedes Kind hat angebore  Verhaltensweise in sich, mit seiner primären Bezugsperson nach der Geburt eine Bindung einzugehen. Von der Natur ist der Säugling mit Verhaltensmustern ausgestattet, die die Mutter motivieren, auf die Bindungsbedürfnisse des Kindes einzugehen. Es ist die Leistung des Kindes, das eine Bindung zu Stande kommt. Es ist aber absolut davon abhängig, ob die Mutter auf diese Bedürfnisse eingeht. In den meisten Fälle ist das aber der Fall. Bindungsverhalten zeigt der Säugling nach der Installation der Bindungsbeziehung nur dann, wenn er sich unsicher fühlt und das Gefühl empfindet, dass die Bindung gefährdet ist. Es ist ein Wunder der Natur, wie der Säugling schon mit Verhaltensmuster angeboren ausgerüstet ist, sich um eine gute Bindung zu kümmern. Aktiv achtet der Säugling darauf, dass die Bindung funktioniert. Wir Eltern sind dafür verantwortlich, eben durch Feinfühligkeit die Bindungsaktivität des Säuglings sensibel zu befriedigen.

Besonders bei Trennungen wird Bindungsverhalten aktiviert. Jede Trennung löst Alarm aus und es ist nötig, das Kind zu beruhigen. Nach dem Alarm wird Bindungsenergie eingesetzt, um die Trennung rückgängig zu machen. Es wird Nähe aufgenommen. Wird diese Bemühung um das Wiederherstellen der Bindung nicht erfüllt, dann treten Gefühle der Frustration ein. Diese Gefühle müssen, wie oben abgespalten werden und treten später in Form von freischwebender Aggression auf. Häufen sich solche Erfahrungen, entwickelt das Kind einen unsicheren Bindungsstil und vermeidet jegliche Bindung und ist wiederum von einer gesunden psychischen Entwicklung abgeschnitten.

 

  • Der dreigleisige Neufeld-Ansatz: Die Benutzung der Landkarte

Durch das Wissen, das wir durch den Überblick über die Landkarte erworben haben, lassen sich drei verschiedene Verantwortungsbereiche in der Fürsorge für den Säugling und später für das Kind ableiten:(zit. nach Dagmar Neubronner: Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder).

  • Wir müssen vor allem die Bindung aufbauen, bzw. pflegen und vertiefen. Denn eine Bindung, in der sich das Kind bei uns geborgen fühlt, ist die entscheidende Grundlage, ohne die alles andere nicht fruchten kann.
  • Wir müssen die Unreife des Kindes kompensieren, also dafür sorgen, dass sein unreifes Verhalten dem Kinde so wenig wie möglich im Wege steht. Dies gilt in jedem Fall.
  • Unser Hauptziel besteht darin, die Reifewerdung des Kindes zu ermöglichen und zu fördern und eventuelle entstandene Entwicklungshindernisse aus dem Weg zu räumen. Dafür muss das Kind die Möglichkeit haben, abhängig und hilfsbedürftig sein zu dürfen, und es darf nicht mehr Trennung erfahren, als es aushalten kann. Sonst müsste es gegen die damit verbundene Verletzlichkeit panzern.

 

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Montag, 01. Mai 2017