Donald Trump, President-elect of the United States

 

1.  Einleitung

In meinem ersten Beitrag zu Donald Trump habe ich noch erhebliche Zweifel gehabt, ob er gewählt würde oder nicht. Nun ist es wider Erwarten passiert und Donald Truzmp wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten  von Amerika. Seine Wähler hatten simpel die Schnauze voll vom satuierten Establishment in Washington. Hillary Clinton wurde nicht als erste kompetente Frau im Weissen Haus wahrgenommen, sondern als Auslaufmodell einer korrupten und assozialen elitären Schicht, die mit der Realität des Volkes nichts mehr zu tun hatte. Der ahnungslose, grossmaulige Rüpel Trump hat alle Enttäuschten perfekt in ihrer Frustration abgeholt 

Aus der Emotionsforschung weiss man, dass Emotionen, wenn sie mein Befinden dominieren, mein Denken komplett blockieren können.

Trump wusste geschickt, mit Hilfe eines cleveren Wahlkampfteams, die Emotionen der frustrierten Bevölkerung anzusprechen und mit irrationalen Versprechungen die Mehrheit zu ködern. Wie in meinem vorherigen Block habe ich beschrieben, dass sozialisierte Psychopathen sich überhaupt nicht darum kümmern, was ihre Aussagen für Konsequnezen haben. Es zählt nur das Ziel und der Augenblick. 

Trump hält sich an keine Regeln, sondern fährt ungerührt trotz der Wahl mit seinem Wahlkampf  fort. Er verspricht, bricht Versprechen aus dem Wahlkampf, twittert wie ein süchtiger Teenager in der Weltgeschichte herum und lässt durch seine engsten Berater sein Kabinett aufstellen. Was er ganau vorhat, das weiss niemand, alles ist in der Luft. Die Börsen steigen rasant, denn Phantasien befeuern die Börsen oder bringen sie zum Absturz. Trump hat es sogar geschafft, durch sein verführerisches Geschwurbel allen den Eindruck zu vermitteln, dass alles nur halb so schlimm ist. Liest man die Kommentare in den Zeitungen, dann sondern sogar die so seriösen Journalisten allesamt Vermutungen ab, aber niemand weiss, was eigentlich auf uns zukommt. 

 

2. Die Macht verinnerlichter Interojekte

  • Es ist auffällig, wie Donald Trump es schafft, losgelöst von jeglicher Realität, seine eigne Welt zu erschaffen. Ich möchte in meinen Ausführungen beschreiben, wie verinnerlichte biographisch bedingte Introjekte unser Handeln bestimmen, wenn sie unbewusst sind.

 

  • Introjekte sind verinnerlichte, durch Lebenserfahrung erlebte Bezugspersonen, die unser Selbst ausmachen und wie auf einer inneren Theaterbühne ihren Einfluss geltend machen. Diese verinnerlichten Bezugspersonen werden ein Teil unserer Persönlichkeit und wir werden in unserem Handeln und Verhalten durch sie fremd bestimmt. 

 

  • In meinem letzten Block über Trump habe ich die wichtigsten, ihn bestimmenden Bezugspersonen beschrieben. Sein jetziges Verhalten entspricht genau den beschriebenen biographischen Erfahrungen. Seine ersten Handlungen als zukünftiger Präsident entsprechen einer Repräsentation seiner inneren Welt. 

 

  • So fällt auf, dass für ihn keine Regeln gelten. Wie damals als vergöttertes kleines Kind durch die Mutter, benimmt er sich als zukünftiger Präsident. Man kann sich genau vorstellen, wenn er sich so in den letzten Monaten in Szene setzt, wie seine geliebte Mutter neben ihm sitzt und ihn bewundert und ihn für jeden narzisstischen Anfall über den Kopf streichelt und ihn über alles lobt. 

 

  • Grossspurig verspricht er grosse Taten, die er vollbringen wird, ohne sich darum zu kümmern, ob seine Vorhaben überhaupt realisierbar sind. Alles ist positiv und toll, sein Vater ist stolz, wie Donald endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die seinem Vater verwehrt wurde. Schon im Wahlkampf hielt er sich an keine Regeln, benahm sich gegen jede politische Korrektheit, ja er scherte sich keinen Deut darum und wurde noch dafür gewählt. Sein Vater seelig sitzt nun neben ihm und bewundert seinen kleinen Donald, wie er dem Vater das grosse Geschenk macht und die Familienschande des verklemmt seins vergessen macht. Donald ist im Mittelpunkt und alle hören ihm zu. Wenn jemand ihn kritisiert, dann wehrt er sich und twittert mit einem Gewitter sofort zurück. Er ist jetzt genau die Person geworden, die sein Vater nie hat sein dürfen, klein Donald hat es  geschafft.

 

  • Aber der Vater und die Mutter haben  die Notbremse gezogen und klein Donald als Junge in die Militärakademie geschickt, damit aus ihm ein echter Mann wird. Theodore Dobias, der Vietnamveteran, wurde für Trump der äussere Stabilisator in Bezug auf sein grenzenloses Verhalten. Ich habe beschrieben, wie Trump Dobias so bewundert hat, obwohl er von ihm aus erzieherischen Gründen halb tot geschlagen wurde. Am Schluss identifizierte er sich mit ihm. Wer sich aber nur mit jemandem identifiziert, bildet keine eigenständige psychische Struktur aus. Sein Handeln gründet immer nur auf Imitation. Eigenständiges Handeln ist ausgeschlossen, selbständiges Reflektieren eine Illusion, Selbstkritik eine Schande und Schwäche.

 

  • Durch Identifikation werde ich ein Anhängsel des anderen und dieser gibt mir immer vor, was ich zu tun habe. Trump hat nie gelernt, eigene Verantwortung zu tragen. Er wurde immer aussen geleitet, zum fremd bestimmten Wesen. In seinem Kabinett sind nun genau ein Vielfaches an Dobias vertreten. Auch seine Strategieberater sind autoritäre, fremd bestimmende Typen. Alle Mitglieder sind reich und erfolgreich, wie Trump. Er ist einerseits unter seinesgleichen, dennoch einsam und fremd, denn trotz seines Aktivismus, ist er eine Marionette anderer Interessen. Dadurch hat er sich aber die Flausen eines kleinen Kindes erhalten. Er hat es sich so einegrichtet, dass Amerika und inmitten das Weisse Haus sein grosses Spielzimmer wurde. Aller Pflichten hat er sich entledigt. Andere werden es richten. So twittert er weiter in der Weltgeschichte herum und findet Zeit, sich mit einem Gastrokritiker tagelang zu streiten, wie wenn es keine anderen Probleme gäbe. Seine politischen Äusserungen sind nebulös und bar jeder Realität. Wie ein kleines Kind fouttiert er sich um diplomatische Gepflogenheiten, schwafelt drauflos und kümmert sich gar nicht darum, welche Konsequnezen sein Verhalten haben könnte.

 

  • Die soziale Umwelt erstarrt  in Angst und Schrecken. Wieder ist es soweit wie in seiner Kindheit, als Donald Trump in keiner Schule geduldet wurde, weil sein Verhalten jegliche Grenzen der sozialen Disziplin gesprengt hatte. Wir, die ganze Welt, sitzen ratlos vor dem bösen Bub, der wie seinen Eltern über den Kopf gewachsen ist. Nur können wir Donald Trump nicht in die Wüste oder in eine militärische Akademie schicken. Die ganze Situation ist  so pervers, dass wir unsere Hoffnung auf altgediente Generäle ausrichten müssen und assoziale Kapitalisten  uns nun vor diesem irrationalen Menschen bewahren müssen. 

 

3.  Donald Trump als Projektionsfläche

  • Die Beschreibung von Donald Trumps Verhalten als zukünftiger Präsident ist die eine Perspektive, die andere Perspektive ist die Faszination, die von Trump gegenüber seiner sozialen Umwelt ausgeht. Die Wähler von Donald Trump werden von vielen als dumm und verblendet beschrieben, aber immer mehr häufen sich die Äusserungen auch von vernünftigen Mneschen, die der Wahl von Trump etwas Positives abgewinnen können. Das infantile Verhalten von Trump löst in unserer Welt, die unsicher und irrational geworden ist, ganz bestimmte Gefühle aus.


  • Für uns wird Trump eine Projektionsfläche, auf die wir alle unsere verborgenen Gefühle ausleben können. Wir fühlen uns in einem Verhaltenskorsett gefangen, werden durch Regeln der politischen Korrektheit gegängelt, fühlen uns nicht mehr frei und selbstbestimmt, sondern hilflos der Unbill unserer Welt ausgeliefert. Wir haben das Gefühl, durch die Globalisierung auf unsere Umwelt keinen Einfluss mehr zu haben. Der leider zu früh verstorbene Psychologe Klaus Grawe hat in seiner Konsitenztheorie als eines der wichtigsten psychischen Grundbedürfnisse das Bedürfnis nach Kontrolle beschrieben. Darunter versteht er das psychische Bedürfnis, auf seine Umwelt Einfluss zu haben und Wirkung zu erzielen. Werden wir zur sinnlosen Nummer, dann verlieren wir an Bedeutung und diese Bedeutungslosigkeit löst in uns Aggression aus. 

 

  • Trump bietet sich uns  als Projektionsfigur genial an. Weil wir nicht wissen, wer er ist, weil er eigentlich eine hohle Hülle ist, können wir sie nach Lust und Laune füllen. Nicht umsonst geht die Mär um, dass eine Big Data Firma es geschafft hätte, Trump zum Sieg verholfen zu haben, indem sie die persönlichen Daten von Fecebooknutzern absaugte und jedem Wähler in Amerika die gewünschte Meinung frei Haus geliefert hätte. Diese Meinung wurde in einem Artikel publiziert und verbreitete sich in Windeseile um die ganze Welt. Eigentlich brauchen wir keine Big Data Firma. Trumps Verhalten, das ja ein Produkt seiner Umwelt ist, genügt, dass jeder seine Frustration auf Trump projizieren kann und genau von ihm das Verhalten serviert bekommt, das er sich in der Regel nicht erlauben darf. Die Wahl von Trump ist genau die Streicheleinheit, die er schon für sein grenzenloses, Regel brechendes Verhalten, besonders von seiner Mutter, bekommen hat. Er lernte von früh an, die unterdrückten emotionalen Bedürfnisse seiner Eltern zu befriedigen.

 

  • Die Sexualität von Trump und die sexuellen Phantasien der Amerikaner: Am Beispiel der sexuellen Phantasie der Amarikaner lässt sich das psychologische Muster der Projektion auf Trump hervorragend illustrieren. Nancy Friday hatte Ende der 70 iger Jahre eine Untersuchung über die sexuellen Phantasien der Frauen und Männer in Amerika durchgeführt. Diese Bücher lesen sich wie Pronographie, obwohl doch die Amerikaner diesbezüglich sehr verklemmt sind und peinlichst darauf achten, dass die Zurschaustellung von Sexualität um jeden Preis vermieden wird. Nancy Friday galubte wirklich, dass die Amerikaner auch real diese sexuellen Wünsche ausleben würden, und war sehr stolz darauf, dass ihr Volk doch nicht so verklemmt ist, wie sie zuerst glaubte
    Im Wahlkampf wurde ein altes Video ausgegraben, das Donald Trump in einem Männergespräch blossstellte, wie er in äusserst sexistischer Art mit seiner Muschigrabscherei prahlte. Alle glaubten, dass nun die Wahl für Hillary Clinton gelaufen wäre. Aber weit gefehlt. Trump bediente die perversen, unterdrückten sexuellen Phantasien vieler Amerikaner. Das ungezogene Kind Donald Trump hat wieder zugeschlagen. Für ihn ist alles immer ein Kinderspiel, nichts ist ernst, alles just for fun. Seine Welt ist ein riesiges Spielzimmer, in dem er sich austoben kann.

 

  • Dieses Muster kann nun auf alle Lebensbereiche übertragen werden. Fühle ich mich als weisser Mann betrogen und fühle mich um meine Privilegien beraubt, habe ich vor Fremden Angst, machen mir Schwule und emanzipierte Frauen Angst, immer hat Trump eine Antwort parat, sprich er zeigt das Regel brechende Verhalten.
    Er lebt eine Freiheit vor, die wir glauben, alle verloren zu haben. Dann schreit er wie ein kleines Kind:"Ich werde Amerika wieder gross machen." Eigentlich sagt er, "Ich nehme Euch alle Sorgen und ich mache Euch frei von allen Regeln, denn Ihr seid so gefangen, dass Ihr geknechtet seid. Es ist Zeit, dass wir Amerikaner machen dürfen, was wir wollen, uns hindert niemand an unserem Lebensstil." Ein Indiz für diese Mentalität sind zum Teil Männer in seiner Regierung, die er wie Zombies aus dem Hut gezaubert hat. Der Arbeitsminister wird ein Kapitalist schlimmster Sorte, Umweltminister wird ein Gegner jedlicher Umweltpolitik, Verteidigungsminister wird ein General, ein Haudegen alter Sorte, eine echte Kampfsau, Aussenminister wird ein enger Geschäftspartner von Vladimir Putin, sein persönlicher Berater ist ein gescheiterter Harvardabsolvent, der durch seine Naziaffinität sein angeknackstes Selbstwertgefühl aufpeppen muss. Und alle sind steinreiche Millionäre oder sogar Milliardäre, wie Trump auch. Seine Kinderstube staffiert Trump buchstäblich mit einem Horrorkabinett aus. 

 

4. Schlussbemerkungen

Ich persönlich weiss wirklich nicht, wie es herauskommt, aber dieses psychopathische Gebräu, das nun in Amerika an die Macht kommt, macht mir Angst. Dass die Börsen  nach der Wahl von Trump so rasant in die Höhe schnellen, hat meiner Meinung nach mit einem Verdrängungsverhalten zu tun. Man will mit der Gefahr nichts zu tun haben. Überall hört man Meinungen, die das Phänomen Trump bagatellisieren und verharmlosen. Ich wünschte mir, dass ich unrecht habe.

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Der moderne Narzissmusbegriff

 

 

1.  Einleitung

Der Begriff des Narzissmus ist in der heutigen Gesellschaft in aller Munde und jeder weiss , um was es geht. Man muss an jeder Party dazu etwas sagen können. Die Hauptsache ist , dass man mitreden kann, ob man etwas davon verstanden hat oder nicht. Der Begriff des Narzissmus hat eine begriffliche Inflation an Bedeutungen bekommen, sodass mehr Verwirrung herrscht als Klarheit. Auf den ersten Blick meint man, dass zum beispiel erfolgreiche Männerwegen ihrer narzisstischen Störung Erfolg hätten und dann wegen iher Hybris scheitern würden. Mit dieser Deutung des Narzissmus liegt man meiner Meinung nach total falsch. Sigmund Freud hat aufgrund der Sage des Narziss, der sich in sein Spigelbild verliebte, seine Narzissmustheorie entwickelt. Er meinte, dass wir als Narzissten zur Welt kommen und uns im Laufe unserer psychischen Entwicklung vom Egoisten, dem reinen Lustprinzip zum Sozialen Wesen , dem Realitätsprinzip entwickeln. Für freud war der narzisst ein oral gieriges Wesen, das für seine narzisstischen Bedürfnisse über Leichen gehen würde.  

Vor 100 Jahren konnte man noch eine solche Theorie  nachvollziehen, aber in letzter Zeit hat sich, besonders seit den Forschungen und Schriften von Heiz Kohut, sehr viel verändert. Ich möchte im Folgenden die Bedeutung und das aktuelle Verständnis des Narzissmus genauer beschreiben.

 

2.  Der Narzissmus und die Bedeutung des Selbst.

  • Heinz Kohout (1913 – 1981) machte in seiner psychoanalytischen Praxis im Kontakt mit seinen Patienten eine ganz interessante Entdeckung. Er stellte fest, dass seine Patienten nicht unbedingt Symptome oder Krankheitsbilder zeigten, die der Freud’schen Theorie entsprachen (Triebkonflikte), sondern dass die Menschen an einer ganz bestimmten verletzten Befindlichkeit litten. Bei der kleinsten Kritik, bei der geringsten Verunsicherung, fühlten sich diese Menschen total in ihrer Persönlichkeit angegriffen und reagierten entweder sehr aggressiv oder zogen sich beleidigt zurück und verweigerten jegliches Gespräch 

 

  • Durch diese praktische Beobachtung entdeckte Kohout die psychische Struktur des Selbst. Es ist eine Vorstellung meiner eigenen Person, die dafür verantwortlich ist, wie ich mich als Person sehe und diese Vorstellung steuert mein Befinden und mein emotionales Erleben in der Beziehung zu meiner sozialen Umwelt. Das Selbst ist das sich ständig entwickelnde psychische Produkt, die Repräsentation meiner Lebenserfahrung und damit meiner Person. Weiter stellte Kohut fest, dass dieses Selbst eine in sich strukturierte, konsistente Struktur darstellt, die nur gesund wächst, wenn sie auch genügend positiv bestätigt wurde. Kohut war der erste Psychologe, der ganz klar feststellte, dass von der frühesten Kindheit an eines der wichtigsten psychischen Grundbedürfnisse des Menschen darin besteht, dass er als eigenständige Person von seiner sozialen Umwelt wahrgenommen werden muss.


  • Meine Persönlichkeit entwickelt sich in der Spiegelung des Feedbacks durch meine soziale Umwelt. Diese Entdeckung Kohouts ist eine wesentliche Veränderung der ursprünglichen Meinung, dass der Narzisst in sein Spiegelbild verliebt sei, wie in der griechischen Sage beschrieben.  Kotout bezeichnete die Bedürfnisse  des Kleinkindes und des Menschen, in seinem Selbst bestätigt zu werden, allgemein als narzisstische Bedürfnisse.

 

3. Die Funktion der Spiegelung in der frühen Kindheit.

  • Wahrgenommen werden, bestätigt werden, geliebt werden, anerkannt werden, respektiert werden, das sind genauso wichtige Bedürfnisse, die eine gesunde psychische Entwicklung ermöglichen. Nicht nur das Bindungsbedürfnis sondern auch narzisstische Bedürfnisse sind existenzielle Bedürfnisse, die entscheidend dafür sind, wie ich später in einer erwachsenen Welt als Individuum bestehen kann.
    Wir erleben später immer wieder Verluste und Trennungen, aber durch eine gute Bindungserfahrung kann ich mit diesen Wechselfällen des Lebens realistisch und kompetent umgehen.

 

  • Genauso ist es eine Tatsache, dass ich im Laufe meines Lebens nicht immer gelobt, geliebt und bewundert werde. Ich kann durch ein kohärentes, stabiles Selbst, wo ich weiss, was ich kann und wer ich bin, Ablehnungen und Enttäuschungen im  Leben abfedern und ausgleichen. Ablehnung bedeutet für mich nicht mehr unbedingt eine existenzielle Bedrohung meiner Person. Weiter bin ich kritikfähig und bin in der Lage, eigene Fehler anzuerkennen. Ich kann reflektieren und mich in Bezug auf mein Handeln in Frage stellen. Ich kann mir Selbstkritik leisten und dadurch bleibe ich lernfähig. Meine narzisstischen Bedürfnisse verschwinden im Laufe meiner Entwicklung nicht, sondern ich habe bedingt durch eine gesunde Entwicklung auch den Mut, diese Bedürfnisse zu artikulieren.  Werden mir diese Bedürfnisse durch Ablehnung verwehrt, reagiere ich mit einer narzisstischen Kränkung. Verfüge ich über ein gesundes Selbst, dann kann ich diese Verletzung auffangen und damit realitätsgerecht umgehen.

 

4. Die Bedeutung von Wertschätzung

  • Kohout hat festgestellt, dass vor allem in der frühen Kindheit der Mensch darauf angewiesen ist, sich gehalten zu fühlen. Geborgenheit und Schutz, einfühlsames Verhalten der primären Bezugspersonen sind existenziell. Kohout beschrieb den Zustand des Säuglings als einen fraktionierten Zustand. Der Säugling verfügt noch nicht über die Kraft und den Entwicklungsstand, sich als kompakte Persönlichkeit zu erleben.

  • Das Bedürfnis nach Halt sind die primärsten narzisstischen Bedürfnisse, die wir artikulieren. Da der Säugling nonverbal kommuniziert, ist es notwendig, dass die primären Bezugspersonen empathisch auf das Kind eingehen.

Unter Empathie versteht man die Fähigkeit, sich in die emotionale und sachliche Perspektive des anderen hineinzuversetzen.

  • Empathie muss als Kompetenz klar unterschieden werden von Identifikation.  Mit dieser Entdeckung hat Kohout die Psychotherapie revolutioniert. Er führte das empathische Verhalten in die Therapiearbeit des Psychotherapeuten ein, was natürlich bei den alt eingesessenen Psychoanalytikern heftige Proteste auslöste. In Beziehungen können wir narzisstische Bedürfnisse nur empathisch wahrnehmen und darauf eingehen.

 

  • Ich habe in diesem Beitrag vorwiegend die gesunde Entwicklung eines Selbst beschrieben, die normalen narzisstischen Bedürfnisse wurden hinreichend befriedigt und als Erwachsener habe ich die hinreichenden Kompetenzen, mit emotionalen Kränkungen realitätsgerecht umzugehen.

  • In einem folgenden Blog werde ich mich damit beschäftigen, was passiert, wenn diese primären Bedürfnisse nicht befriedigt werden und die Desavouierung narzisstischer Bedürfnisse zu einer narzisstischen Störung führen. Man bezeichnet diese Störung deshalb als Persönlichkeitsstörung, weil sich die Persönlichkeit dieses Menschen in eine ungesunde Richtung entwickelt, wo Beziehungen gestört gelöebt werden.
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Die narzisstische Persönlichkeitsstörung

 

A.  Einleitung

Wird man mit Narzissten, Menschen, die unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, konfrontiert, beschleicht uns ein sehr unangenehmes Gefühl. Wir fühlen uns von diesen Menschen dominiert, nicht wahrgenommen und andererseits bemühen sie sich beständig, von uns gelobt, geliebt und bestätigt zu werden. Sie entwickeln dabei einen brillanten Beziehungsstil, uns immer wieder zur Bewunderung ihrer Person zu verführen. Trotz innerer Widerstände können wir dieser geschickten Manipulation nicht entziehen und fühlen uns missbraucht, aber verspüren Hemmungen, uns dem geschickten Ansinnen von Narzissten zu widersprechen. Denn gleichzeitig mit der Verführung vermitteln Narzissten und nonverbal, ja drohend, dass es heftigen Streit absetzen würde, wenn wir ihrem Ansinnen nicht willig nachgeben.


B.  Der kommunikative Stil

     von Narzissten

Dabei benutzen Narzissten ganz bestimmte kommunikative Mittel, um ihr Ziel, bewundert und bestätigt zu werden. Sie neigen zu Grandiosität, sie zeigen sich als unübertroffene, erfolgreiche Menschen. Für sie gibt es keine Hindernisse im Leben, sie meistern alle Schwierigkeiten mit Leichtigkeit. Gleichzeitig vermitteln sie dem anderen, dass dieser nie dieses erfolgreiche Niveau erreichen wird. Die Kommunikation ist sehr perfide, denn gleichzeitig macht sich der Narzisst übergroß und den anderen klitzeklein. Der Abstand innerhalb der Beziehung ist unendlich gross. Narzissten lassen einen nie zu Wort kommen, sie müssen sofort jedes soziale Ensemble total beherrschen, sie müssen im Mittelpunkt stehen. Anderen das Wort erteilen, anderen zuhören, das geht nicht. Das wichtigste strategische Ziel des Narzissten besteht darin, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Narzisst hat vor allem die Gewohnheit, immer den anderen vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben.

C.   Die narzisstische Beziehung

Er stellt die Regeln auf, nach denen sich alle zu richten haben. Diese Regeln gelten für alle, außer für den Narzissten selbst. Narzissten kennen ein unendliches Repertoire, andere Menschen zu demütigen und zu verachten. Man kann sich noch so viel Mühe geben, einem Narzissten alles recht zu machen, nie wird es jemandem gelingen, dieses Ziel zu erreichen. Die Beziehung zu einem Narzissten ist nur von kurzer Dauer eitel Sonnenschein. Sehr schnell artet die Beziehung in Streit aus. Aus für mich unergründlichen Ursachen löst mein Verhalten bei einem Narzissten Wut, Kränkung und tiefste Beleidigung aus. Narzissten neigen zu absoluter Kontrolle und sind sehr misstrauisch. Die Wut und Kränkung setzt immer dann als Reaktion ein, wenn ich es wage, Bedürfnisse an einen Narzissten zu richten. Er empfindet dieses Ansinnen als Anmaßung und Unverschämtheit. Entweder werde ich äußerst aggressiv beschuldigt und mit den oben beschriebenen Verhaltensweisen kurz und klein geschlagen, oder ich werde eiskalt fallen gelassen und der Narzisst gibt mir zu verstehen, dass er mich nicht kennt, ja dass er mich nie gesehen hat und nicht mal weiss, wer ich eigentlich bin. Ich bin von einer Sekunde auf die andere Luft für ihn.
Wagt man es trotzdem, mit einem Narzissten eine enge Beziehung einzugehen oder wird man gezwungen, in der Arbeitswelt mit einem Narzissten zusammen zu arbeiten, dann setzt man sich einem psychischen Milieu aus, das unter Umständen krank macht. Narzissten verursachen mit ihrem Verhalten oft eine destruktive Wirkung. Sie machen andere Menschen krank. Da Narzissten dauernd mit sich beschäftigt sind und keine Empathie, kein Einfühlungsvermögen gegenüber anderen Menschen aufbringen können, haben sie zur produktiven Leistungserbringung ein gestörtes Verhältnis. Die Anerkennung ihrer Person, die Bewunderung und kritiklose Bestätigung ihrer Person sind so wichtig und stehen im Mittelpunkt, so dass die Erbringung einer realen, überprüfbaren Leistung geradezu eine Anmaßung für Narzissten bedeutet. Man glaubt immer, dass Narzissten sehr sensibel wären, was aber nicht stimmt. Sie sind genial in der Manipulation von Menschen, sie verführen gekonnt und sind sehr wendig und schlau, um jeglicher Leistungskontrolle aus dem Weg zu gehen. Oft hört man , dass in der Führungsetage der Unternehmungen Narzissten Erfolg hätten und dass sogar eine Portion Narzissmus unbedingt notwendig wäre, um Erfolg zu haben. Narzissten sind sehr geschickt darin, über gekonntes Beziehungsmanagement die Karriereleiter emporzuklettern. Sie beherrschen perfekt das politische Spiel der Intrige, um ihr Ziel zu erreichen.

Der Antrieb ist nur Bewunderung und Anerkennung, erzielen von substanzieller Leistung ist Fehlanzeige.

Auf der Leistungsseite produziert der Narzisst heiße Luft, auf der Bewunderungsseite prachtvolle Bewunderung seiner Person. Werden solche Führungspersonen aber in ihrem verführerischen, manipulativen Treiben durchschaut, verlassen sie so schnell wie möglich die Firma und heuern an einem neuen Ort  an, oder sie bringen sich um.

 

D.   Die Kehrseite nach Bewunderung

      - der lebensbedrohliche Minderwertigkeitskomplex


Da wir hier von einer Persönlichkeitsstörung reden, werden wir auch mit einer psychischen Krankheit konfrontiert. Jedes Verhalten hat auch eine psychische Dynamik und Struktur, die diesem Verhalten zu Grunde liegt. Wir werden hier mit einer paradoxen Situation konfrontiert. Dem Narzissten ist es nicht möglich, seine Krankheit zu erkennen, auch wenn er unter dem Stress, sich permanent um die Bewunderung anderer anzustrengen, leidet. Reflexion als Fähigkeit, sein Verhalten und Erleben zu denken, ist in seinem System nicht vorgesehen.

Wenn wir an meine Ausführungen im Artikel über normalen Narzissmus zurückdenken, dann habe ich dargelegt, wie ein Mensch von seiner frühesten Kindheit an darauf angewiesen ist, als eigenständige Person wahrgenommen zu werden und in seiner Persönlichkeit wert geschätzt werden will. Macht jemand diese elementare Erfahrung in seiner kindlichen Entwicklung nicht, dann entwickelt er kein eigenes Selbst. Er weiss gar nicht wer er ist. Er hat keine Vorstellung von sich selbst , sein Grundgefühl ist dann ein Nichts. Real existiert er in seiner Selbstwahrnehmung nicht. Es gibt ihn nicht. Ein Narzisst, auf sich selbst gestellt ist ein Niemand, ein gar nichts. Die narzisstische Persönlichkeit ist deshalb die paradoxe Bemühung, die Beziehungsdefizite aus der frühen Kindheit aus sich selbst heraus zu kompensieren. Ein Narzisst ist wie der Lügner Münchhausen, der glaubt, sich selber an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Narzissten entwickeln deshalb eine immense Selbstorganisation von Verhaltensmustern, um ein verheerendes Beziehungsdefizit zu beseitigen. Sie sind in einem beständigen Stress, nie mit der eigenen Nichtexistenz konfrontiert zu werden. Jeder Mensch, der einem Narzissten zu nahe kommt, ist eine potenzielle Gefahr.  Ein Narzisst lebt permanent im Überlebensmodus.

Deshalb nimmt ein Narzisst jede Kritik auf der sachlichen Ebene persönlich und reagiert gekränkt. Jede Beziehungsanforderung ist bereits eine Kränkung, denn man könnte seine Selbstlüge als Münchhausen durchschauen. Deshalb reagieren Narzissten in solchen Situationen oft mit einer akuten Depression, oder neigen zu gewalttätigen Ausbrüchen.

Weil ein Narzisst jegliche menschliche Nähe aus den oben beschriebenen Gründen ablehnt, sind psychotherapeutische Bemühungen oft erfolglos. Das einzige Ziel des Narzissten in einer Therapie besteht darin, sein vorheriges grandioses Verhalten wieder herzustellen. Dem Therapeuten fällt die Aufgabe zu, den Narzissten so lange zu loben und emotional zu bestätigen, bis er wieder wie vorher funktioniert. Diese Vorgehensweise entspricht aber nicht der eigentlichen Zielsetzung einer Psychotherapie. Ein Klient muss in einer Therapie einigermassen fähig sein, Kritik konstruktiv anzunehmen und sollte sich bemühen, sein Verhalten selbstkritisch reflektieren zu können. Dann stellt sich auch eine Veränderung ein und Probleme können gelöst werden.  In der psychotherapeutischen Literatur gibt es massenhafte Versuche und Vorschläge, wie man mit einem Narzissten erfolgreich eine Therapie durchführen kann, mich hat aber noch kein Ansatz restlos überzeugt.

 

E.   Der Therapieansatz von Rainer Sachse

Den vielversprechendsten Versuch schildert der Psychologe Rainer Sachse (geb. 10. Oktober 1948) in seinem aufschlussreichen Buch, Rainer Sachse, „Persönlichkeitsstörungen: Leitfaden für die Psychologische Psychotherapie“, Hofgreve 2013. Darin schildert er sämtliche Persönlichkeitsstörungen und versucht, therapeutische Vorgehensweisen aufzuzeigen, die vielleicht Erfolg versprechend sein könnten. Überzeugend an diesem Buch finde ich die authentische und sehr praxisbezogene Art und Weise, wie Sachse dieses schwierige Unterfangen angeht. Beim Lesen des Buches entsteht nie der Eindruck, dass der Autor endlich das Ei des Kolumbus erfunden hätte, sondern immer schwingt im Hintergrund seine Selbstkritik und die Schwierigkeit seines Unterfangens mit.

Zum Schluss meiner Ausführungen möchte ich einige Punkte von Rainer Sachses Therapieansatz vorstellen.

Sachse entwickelte ein theoretisches Modell, um allgemein Persönlichkeitsstörungen zu erfassen. Persönlichkeitsstörungen, und vor allem die narzisstische Störung, sind Beziehungsstörungen. Diese Störungen manifestieren sich vor allem in der Beziehung zur sozialen Umwelt. In erster Linie leiden die anderen unter der Störung. Sachse geht von der Annahme aus, dass in Beziehungen zwei verschiedene soziale Kompetenzen  eine Hauptrolle spielen:

  1. Handlungskompetenzen: Darunter versteht Sachse die Fähigkeit, authentisch seine Bedürfnisse zu befriedigen. Dabei lernt der Mensch von klein auf Handlungsweisen kennen, die es ihm ermöglichen, seine Ziele zu erreichen. Dies gilt vor allem für die narzisstischen Bedürfnisse, wie ich sie im vorigen Artikel beschrieben habe.

  2. Verarbeitungskompetenzen: Hier lernt das Kind, mit den Reaktionen der Umwelt auf seine Bedürfnisse kompetent umzugehen. Nicht alle Bedürfnisse können sofort befriedigt werden. Wie schon beschrieben, entwickelt der Mensch auch da von Kind an Kompetenzen, mit Enttäuschungen, besonders bei narzisstischen Bedürfnissen, kompetent umzugehen und verfügt über ein selbstsicheres Selbst, um Enttäuschungen aufzufangen.

 

 

F.   Verhaltensmuster der

      narzisstischen Persönlichkeitsstörung


a.  Motivebene:

Sachse beschreibt verschiedene Motive, die genau den narzisstischen Bedürfnissen entsprechen. Von Kind an sind wir motiviert, in unserem Selbst bestätigt zu werden. Werden diese Motive negativ beantwortet, dann entwickeln wir eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Alle Beziehungen sind in Zukunft gestört und ein destruktives Verhaltensmuster tritt in Gang.

  • Ich möchte von anderen Aufmerksamkeit
  • Ich möchte von anderen wahrgenommen werden.
  • Ich möchte von anderen ernst genommen werden.
  • Ich möchte von anderen respektiert werden.         
  • Ich möchte von anderen gesehen werden. 
  • Ich möchte von anderen Signale der „Zugehörigkeit

 

b. Musterbildung

  • Dissoziale Schemata:

    Um diese Bedürfnisse auf der Motivebene befriedigt zu bekommen, muss die soziale Umwelt positiv auf diese narzisstischen Bedürfnisse eingehen. Findet das nicht statt, dann entwickelt der Mensch von klein an Erfahrungsmuster, die Sachse als Schemata beschreibt. Es stellt sich ein Zustand verbunden mit einer Erwartungshaltung ein, dass diese Bedürfnisse nie befriedigt werden würden. Wie schon beschrieben, wirken sich diese Enttäuschungen auf das Selbst aus. Einerseits empfinde ich mich als Nichts und andererseits habe ich immer das Gefühl, von anderen Menschen abgelehnt zu werden. Sachse bezeichnet diese negativen Selbstschemata als dissoziale Schemata. 

  • Kompensatorische Beziehungsstrategien:

    Um nun diese emotionalen Selbstdefizite zu kompensieren, muss der Narzisst manipulative Strategien entwickeln und anwenden, um die Motive der Anerkennung zu erreichen. Ich habe oben beschrieben, wie der Narzisst im Stile von Münchhausen sich aus dem Sumpf befreien muss. Diese kompensatorischen Beziehungsstrategien sind die erfolglosen Bemühungen, das frühkindliche Defizit auszugleichen.
  • kompensatorische Selbstschemata

    Um den Minderwertigkeitskomplex zu bekämpfen, ist der Narzisst gezwungen, sich vor anderen immer im Glanz zu zeigen und muss sich grandios selber rühmen. Dabei unternimmt er alles, damit er bewundert wird. Oben habe ich dieses Verhalten genauer beschrieben. Gleichzeitig muss er andere Menschen klein machen und verachten.

  • kompensatorische normative Schemata

    Der Narzisst bombardiert sich beständig mit Anforderungen an sich selbst, der erfolgreichste zu sein. Er setzt sich total unter Druck, aber eigentlich leistet er gar nichts. Mit diesen befehlenden Selbstaufforderungen, erfolgreich zu sein, untermauert er sein Selbstbild als grandiose, allen Menschen als überlegene Person. Für den Außenstehenden ist dieses Verhalten reine Show.

  • kompensatorische Regel-Schemata

    Um seine Ziele zu erreichen, verfolgt der Narzisst nicht nur eine konsequente manipulative Strategie, sondern er muss sehr autoritär auftreten. Er duldet keinen Widerspruch, keine Kritik, keine andere Meinung. Sein unbedingtes Ziel, absolute Bewunderung zu erlangen, gibt er allen die Verhaltensregeln vor, die unbedingt befolgt werden müssen.

G.    Schlussbemerkungen

Diese Verhaltensmuster, die Sachse beschreibt, haben nicht nur im Lebensalltag des Narzissten Konsequenzen, sondern sie beeinflussen die therapeutische Beziehung entscheidend. Ist sich der Therapeut dieser Verhaltensgewohnheiten eines Narzissten nicht bewusst, dann ist die Therapie von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Beziehungsgestaltung ist eine riskante Gratwanderung zwischen emotionaler Zuwendung und klarer Abgrenzung gegenüber den manipulativen Verhaltensmustern des Narzissten. Sachse meint, dass zu allererst dem Patienten bewusst gemacht werden muss, dass sein Verhalten emotionale Kosten verursacht, die in keinem vernünftigen Rahmen stehen.

Ich finde die Therapieansätze von Rainer Sachse sehr faszinierend, nur bin ich sehr skeptisch, ob sie in der Praxis tatsächlich umsetzbar sind. Eigentlich stellen die Persönlichkeitsstörungen die größte Herausforderung für die Psychotherapie dar. Seit Kurzem wird immer deutlicher, dass Persönlichkeitsstörungen einen traumatischen Hintergrund haben. Dies bedingt, dass in die Therapiearbeit immer mehr auch die Erkenntnisse der Traumatherapie einfließen müssen. Aber da steht uns noch ein sehr beschwerlicher, weiter Weg bevor, weil einerseits traumatische Erfahrungen erst seit Kurzem als therapeutisches Thema aktuell sind und es deshalb viel zu wenig ausgebildete Traumatherapeuten gibt.

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Die Verletzung der Gefühle: Der Prozess der Traumatisierung

A. Einleitung

Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden in kriegerischen Auseinandersetzungen immer mehr Menschen der Zivilbevölkerung von Kriegshandlungen betroffen. Unschuldige wurden gefoltert, brutal umgebracht oder ihre gesamte Lebensgrundlage wurde durch Bombenterror zerstört. Auch wurden viele Menschen unbeabsichtigt Zeuge schlimmster Kriegsverbrechen. Zum ersten Mal beschäftigte sich die Psychoanalyse mit Opfern der Konzentrationslager mit traumatischen Erfahrungen. Diese Untersuchungen wurden gemacht, um für die Opfer für die ihnen angerichteten psychischen und physischen Schäden wenigstens materielle Gerechtigkeit anzubieten.

Die Überlebenden schilderten Erfahrungen mit den Tätern, vor denen der menschliche Verstand versagen muss. Nur wenige Fachleute haben sich mit diesen Schicksalen beschäftigt, ein grosser Teil der Gesellschaft wollte die Taten und die damit verbundenen schrecklichen Folgen dieser Verbrechen gar nicht wahrhaben. Lässt man sich emotional und intellektuell auf diese schreckliche Thematik ein, dann erfährt man, wie die Menschen konkret fürchterlichste emotionale Verletzungen und Erniedrigungen ausgesetzt waren. Die psychische Verletzung wird nicht mehr ein theoretischer Begriff, eine psychopathologische Kategorie, sondern sie erhält ein klar sichtbares Erscheinungsbild. Gleichzeitig werden wir mit der abscheulichsten Seite des Menschen, der Fähigkeit zu zerstören, konfrontiert.

Ich möchte mich hier konkret mit Kriegsopfern beschäftigen, die einem chronischen Trauma ausgesetzt waren. Diese Menschen fühlten sich über einen längeren Zeitraum hilflos den oben beschriebenen Erfahrungen ausgeliefert und konnten sich der bedrohlichen Situation überhaupt nicht entziehen. Besonders Kinder, die den genau gleichen Terrormechanismen ausgeliefert sind wie politische Gefangene oder Geiselopfer, erleiden die schlimmsten Traumatisierungen, weil sie auch am hilflosesten sind und unbedingt auf den Schutz von Erwachsenen existentiell angewiesen wären. Meistens sind sie gewalttätigen Männern ausgeliefert, die um ihre Opfer unsichtbare Gefängnismauern bauen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit fürchterlich quälen.

Heute werden wir von einer Flüchtlingswelle aus den arabischen Ländern in Europa geradezu überschwemmt. Diese Flüchtlinge haben wie oben beschreiben die schlimmsten traumatischen Erfahrungen hinter sich. Unsere Gesellschaften werden nicht nur mit den klassischen Integrationsbemühungen konfrontiert, sondern der größte Teil der Flüchtlinge erreichen erschöpft und schwer kriegstraumatisiert Europa. Deshalb ist es unbedingt nötig, dass wir uns über diese psychische Belastung dieser Menschen orientieren, denn zur Integration dieser Flüchtlinge müssen wir ganz andere Vorgehensweisen entwickeln und ein profundes gesellschaftliches Verständnis für die psychische Traumatisierung emtwickeln.

 

B. Opfer – Täter – Beziehung: Ein traumatisierendes Terrorsystem

  • Die besondere Täter - Opferbeziehung

    In der Gefangenschaft, wenn das Opfer über längere Zeit Kontakt mit dem Täter hat, entsteht eine besondere, von Zwang und Unterworfen sein geprägte Beziehung.
    Das betrifft Opfer, die mit purer Gewalt festgehalten werden, wie etwa politische Gefangene oder Geiseln, ebenso wie Opfer, die durch eine Mischung von Gewalt, Einschüchterung und Verführung festgehalten werden.
    Die psychischen Folgen der Unterwerfung durch Zwang sind sehr ähnlich, besonders in Kriegssituationen. Die Opfer werden Zeugen oder selbst betroffen durch Gewaltexzesse, die so schlimm sind, dass die Betroffenen nicht mehr in der Lage sind, diese Grausamkeiten psychisch zu integrieren
    DieTäter wird in der Gefangenschaft die wichtigste Bezugsperson im Leben des Opfers, denn das Überleben ist vom Täter absolut abhängig. Das Opfer ist ihm hilflos ausgeliefert und kann überhaupt nichts für sein Überleben machen.
    Leider ist es uns beinahe nicht möglich, zu verstehen, was sich im Kopf eines Täters abspielt. Sie stellen sich nie freiwillig einer Untersuchung und bei Gericht zeigen sie oft keine Spur von Reue oder Schuldgefühlen. Sie sind kalt und unnahbar, aber, was am meisten erschreckt, sie sind normal, wie Du und Ich, sie fallen nicht als Monster auf. Ihre Gefährlichkeit ist unter der Maske der ganz gewöhnlichen Normalität versteckt. So konnten die SS-Schergen am Morgen ihre Familien verlassen, ihren Dienst beim Gasofen oder auf der Rampe verrichten und am Abend zu ihren Kindern und zur Frau heimkehren, wie wenn nichts geschehen wäre. Dieses unheimliche Abspaltungsvermögen seiner Tat gegenüber ist ein charakteristisches Merkmal der Täterpersönlichkeit. Alice Miller hat in ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“ die Charakteristik des schlimmsten Naziverbrecher hervorragend folgendermaßen beschrieben:“ Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wir in der Öffentlichkeit nie darüber reden….Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des Jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht-„Das jüdische Volk wird ausgerottet“, sagt ein jeder Parteigenosse, „ganz klar, steht in unserem Programm. Ausschaltung der Juden. Ausrottung, machen wir.“ Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Vor Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ (S. 98, Heinrich Himmler, „Potsdamer Rede“ 1943)
    Weiter werden sie, dank der Beobachtung der Opfer, als autoritär, verschlossen, manchmal größenwahnsinnig und sogar paranoid beschrieben.
    Trotz allem hat aber der Täter ein äusserst feines Gespür für reale Machtverhältnisse und gesellschaftliche Normen. Die Täter achten ganz peinlich darauf, dass sie durch ihr verwerfliches Tun nie öffentlich abnorm auffallen

  • Wie geht ein Täter vor, um sein Opfer gefügig zu machen und es seinem Willen zu unterwerfen?

    Sie werden durch die oben beschriebenen Mechanismen von ihrem Täter abhängig und entwickeln sogar noch oft Zuneigung.
    Angst, vereinzelte Belohnungen, Isolation und erzwungene Abhängigkeit können schließlich dazu führen, dass das Opfer unterwürfig und gehorsam wird. Man beschreibt zwei wichtige Phasen, in denen der Wille und die Persönlichkeit von Menschen gebrochen werden können:

    1  Die erste Phase ist abgeschlossen, wenn das Opfer innere Autonomie Weltanschauung, moralische Prinzipien oder Bindungen aufgibt, um zu überleben.

    2  Die zweite, irreversible Stufe der Unterdrückung ist erreicht, wenn das Opfer den Lebenswillen verliert. Es ist dem Menschen nur noch egal, was mit ihm passiert.

    Bei chronisch Traumatisierten unterscheiden sich die Symptome in einigen Punkten gegenüber den oben beschriebenen Hauptsymptomen akuter Traumatas:
    Das Opfer fürchtet nicht, dass das Trauma wiederkehren würde, sondern diese traumatische Situation wird zur quälenden Wirklichkeit. So erreichen chronisch Traumatisierte nie mehr einen Grundzustand physischer Ruhe oder Entspannung. Bei chronisch Traumatisierten dominieren vorwiegend konstriktive Muster.
    Vermeidung und Rückzug werden die dominierenden psychischen Verhaltensmuster.
    Wenn das Opfer nur noch um das Überleben kämpft, ist Rückzug eine wesentliche Form der Anpassung. Die psychische Verengung betrifft alle Lebensbereiche: Beziehungen, alle praktischen Beschäftigungen, Gedanken, Erinnerungen, Gefühle und sogar Wahrnehmungen.
    Wenn Opfer aus ihrer Situation befreit werden, verharren sie in ihren Überlebensstrategien aus ihrer traumatischen Erfahrung herrührend. So verarmt ihr Leben. Diese Rückzüge sind bewusst herbeigeführte Bewusstseinsveränderungen. Der Mensch dissoziiert aus seinem Körper, ja seiner Person. Er steigt aus sich selbst aus. Dadurch entwickelt der Mensch zwei sich widersprechende Welten. Aus Überlebensgründen wird er schizophren. Er muss sich in seine eigene Welt retten, weil er die reale Welt nicht mehr ertragen kann. Hier ist es aber eine bewusste Spaltung seines Selbst, denn bei einer normalen schizophrenen Psychose passiert dies über Wahnideen hin zum psychotischen Zusammenbruch alles unbewusst für den Patienten. Die Spätfolgen einer chronischen Traumatisierung sind depressive Gemütsverfassungen.
    Wenn chronische Übererregung und intrusive Symptome mit den depressiven Verstimmungen verschmelzen, dann führt dies zum Horror nach dem Überleben: Schlaflosigkeit, Alpträume und psychosomatische Symptome.
    Diese Menschen leben somit auch nach der Befreiung aus der Gefangenschaft im Gefängnis ihrer traumatischen Erfahrung weiter und die Hoffnung auf Befreiung ist leider sehr gering. Die erlebte und demütigende Isolation wird zu einem Dauerzustand. Oft erleben Opfer nach ihrer schrecklichen Erfahrung ein Unverständnis der Umgebung mit ihrem Erleben. Viele Opfer müssen deshalb mit ihren Erinnerungen alleine zurechtkommen. Auch da hat unsere Gesellschaft noch vieles aufzuholen und an Versäumtem wieder gutzumachen.

C. Eine besondere Stellung nehmen in dieser Abhandlung Kinder ein

Während Erwachsene als gefestigte Persönlichkeiten einem Trauma ausgesetzt sind, prägt und deformiert ein Trauma die Persönlichkeit eines Kindes tiefgreifend.
Kinder müssen ungeheure Anpassungsleistungen vollbringen, die sich in ihrer Entwicklung zu einer Persönlichkeit niederschlagen. Kinder kennen dann später nichts anderes als diese Erfahrungen. Sie haben keine Vergleichsmöglichkeiten wie Erwachsene, die als Überlebensmöglichkeiten einen entscheidenden Faktor spielen können. Bei Kindern wird die Entwicklung außergewöhnlicher abnormer Bewusstseinszustände gefördert, in denen das Verhältnis von Körper und Seele, Realität und Phantasie, Wissen und Erinnerung verschoben ist. In jedem Fall sind diese Kinder im Krieg und auf der Flucht hilflos und ohnmächtig einem chronischen Gewaltklima ausgesetzt, das demjenigen politischer Gefangener sehr ähnlich ist. Da Kinder oft auch geistig noch nicht die Reife eines Erwachsenen haben, wird ihre geistige und emotionale Verwirrung erhöht. Werden Kinder mit einer Kriegstraumatisierung nicht frühzeitig therapiert, entwickeln sie psychischen Störungen, die im Erwachsenenalter zu schweren und sogar gefährlichen Pathologien führen können. Oft führen diese Menschen, die als Kinder Opfer schwerster Kriegstraumatisierungen wurden, ihre Opfererfahrung im Erwachsenenalter weiter oder was noch viel schlimmer ist, sie spalten ihr Trauma ab und identifizieren sich mit den Tätern. Entweder schlagen sie eine kriminelle Karriere ein oder geben ihre traumatische Erfahrung im Sinne einer transgenerationalen Vererbung an ihre Kinder weiter.

Folgende psychische Entwicklungen können bei traumatisierten Kindern in Gang gesetzt werden:

  • Ausgeklügelte dissoziative Abwehr (Ausstieg aus dem Körper)
  • Entwicklung einer gespaltenen Persönlichkeit (Bilden einer anderen, lebenswerten Welt in der Phantasie)
  • Pathologische Regulierung emotionaler Zustände (Gefühle der Wut und der Angst usw. werden zu Gunsten von Gefühlen der Zuneigung und Verehrung ins Gegenteil verkehrt).
  • Identifikation mit dem Täter, das Erlebte wird an Unschuldigen ausgelebt.

Es dauerte sehr lange, bis auch die anerkannte Psychiatrie bereit war, traumatische Erfahrungen und die damit verbundenen psychischen Störungen als eigenständige psychische Erkrankungen zu akzeptieren. Alle Fachleute, die sich diesem Thema aufmerksam und kritisch widmeten, wurden lange Zeit von offizieller Seite nie ernst genommen und in den Bereich der Unwissenschaftlichkeit verbannt. Ich meine, dass diese Reaktionen damit zusammenhängen, dass diese Gewaltanwendungen der Menschen untereinander noch so legitimiert sind, dass die Anprangerung solchen Verhaltens geradezu als gesellschaftsschädigend angesehen wird. Nicht die physische und psychische Zerstörung tausender von Menschen ist gefährlich für unsere Gesellschaft, sondern die Kritik daran. Eigentlich ist dieser Sachverhalt eine Absurdität und ein Skandal, wird aber in unserer Gesellschaft immer noch als alltägliche Normalität hingenommen.

 

D. Die Diagnose des Traumas

Die psychische Störung nach einer traumatischen Erfahrung ist eine komplexe Erscheinung. Deshalb schlägt Judith Herman eine eigenständige Diagnose für Trauma geschädigte Opfer vor, die dem Umstand und dem Leiden der Opfer endlich gerecht wird:

Folgende diagnostische Faktoren müssen bei einer „Komplexen posttraumatischen Belastungsstörung“ beachtet werden:

  • Der Patient war über einen längeren Zeitraum totalitärer Herrschaft unterworfen (Geiseln, Kriegsgefangene, Überlebende eines Konzentrationslagers,)
  • Störungen der Affektregulation: anhaltende Dysphorie (ein unentwirrbares Gefühlsagglomerat verschiedener sich widersprechender Gefühle, chronische Suizidgedanken, Selbstverstümmelung, aufbrausende oder extrem unterdrückte Wut (eventuell alternierend)
  • Bewusstseinsveränderungen: Amnesie (Unterdrücken der Erinnerung der erlebten traumatischen Ereignisse). zeitweilig dissoziative Phasen, Depersonalisation/Derealisation (Spaltung der Persönlichkeit), Wiederholen des traumatischen Geschehens.
  • Gestörte Selbstwahrnehmung: Ohnmachtsgefühle, Lähmung jeglicher Initiative. Scham- und Schuldgefühle, Gefühl der Stigmatisierung, Gefühl, von niemandem verstanden zu werden.
  • Gestörte Wahrnehmung des Täters: Unrealistische Einschätzung des Täters, der für allmächtig gehalten wird, Idealisierung oder paradoxe Dankbarkeit, Übernahme des Überzeugungssystems oder der Rationalisierungen des Täters.
  • Beziehungsprobleme: Isolation und Rückzug, gestörte Intimbeziehungen, anhaltendes Misstrauen, wiederholt erfahrene Unfähigkeit zum Selbstschutz.

Veränderung des Wertesystems: Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung.“
(Judith Herman Die Narben der Gewalt: Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, S. 171, 2003)

 

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Was ist ein psychisches Trauma?

Die Psychodynamik der Traumatisierung und die wichtigsten Symptome des posttraumatischen Stress – Syndroms.

 

1. Was ist ein Trauma

 

a.  Das psychische Trauma ist das Leid der Ohnmächtigen!

Der Tatbestand eines Traumas ist erfüllt, wenn das Opfer durch eine übermächtige Macht hilflos gemacht wird. Ist diese Macht eine Naturgewalt, sprechen wir von einer Katastrophe. Üben andere Menschen diese Macht aus, dann sprechen wir von Gewalttaten. Traumatische Ereignisse zerstören die psychische Integrität (Unversehrtheit des Menschen), das Gefühl von Kontrolle, Zugehörigkeit zu einem Bezugssystem. Traumatische Erfahrungen sind für den Menschen deshalb aussergewöhnlich, weil sie die normalen Anpassungsstrategien des Menschen überfordern. Traumatische Erfahrungen bedeuten im Allgemeinen  eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit. Der Mensch ist in emotional überfordernden Situationen einer extremen Hilflosigkeit und Angst ausgeliefert und reagiert ähnlich wie bei Katastrophen. Die begleitenden Gefühle einer traumatischen Erfahrung von intensiver Angst, Hilflosigkeit, Kontrollverlust und drohender Vernichtung spielen eine prägende Rolle.  Die Wahrscheinlichkeit, dass eine traumatische Erfahrung psychische Schädigung zur Folge hat, ist sehr hoch, lässt sich aber nicht genau quantifizieren. Nach einer traumatischen Erfahrung wird das spätere psychische Erleben durch folgende Nachwirkungen geprägt:


Einerseits ist es die Erfahrung von intensiven, nicht integrierbaren Gefühlen wie Hilflosigkeit und Angst und andrerseits die psychophysische Reaktion auf das Ereignis. Man spricht hier von traumatischen Reaktionen.
  

 

b.  Die psycho-physischen Konsequnzen eines Traumas

 

Die emotionalen Erfahrungen und die damit verbunden Reaktionsweisen hinterlassen so einprägsame Spuren im seelischen System des Menschen, dass sein ganzes zukünftiges psychisches Koordinatensystem durch die traumatische Erfahrung geprägt und sein bisheriges Leben radikal verändert wird.

Gerät der Mensch in bedrohliche psychisch belastende Lebenssituationen, wird das vegetative Nervensystem schlagartig erregt. Adrenalin wird ausgeschüttet und der Organismus wird in einen akuten Alarmzustand versetzt. Dadurch wird die Konzentration sofort auf die unmittelbare Situation gerichtet. Unter der Bedrohung verändert, ja verzerrt sich die Wahrnehmung. Hunger, Müdigkeit und Schmerz werden ausgeblendet. Intensive Gefühle von Angst und Wut werden hervorgerufen. Solche Veränderungen im Grad von Erregung, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Empfindung sind normale Anpassungsmechanismen in Stresssituationen.

Der Organismus mobilisiert durch diese psychophysische Reaktion Kräfte, um sich der Belastung durch Kampf oder Flucht zu entziehen. Traumatische Reaktionen treten dann auf, wenn Handeln in Stresssituationen keinen Sinn hat. Ist weder Widerstand noch Flucht möglich, ist das Selbstverteidigungssystem des Menschen überfordert und bricht im Chaos zusammen. Der Sresszustand wird durch die traumatische Situation nicht aufgelöst, sondern bleibt unverändert bestehen. Der übersteigerte Belastungszustand wird durch die andauernde  Aufrechterhaltung der Gefahr noch schlimmer, obwohl unter Umständen die akute Gefahr nicht mehr vorhanden ist.

  • Deshalb bewirken traumatische Ereignisse tiefgreifende und langfristige Veränderungen in der physiologischen Erregung, bei Gefühlen, Wahrnehmung und Gedächtnis.
  • Der Organismus bleibt auf einem unnatürlichen Stressniveau fixiert und verharrt chronisch in seinen Überlebensmechanismen. Man spricht deshalb auch von Disstress.
  • So werden diese normalerweise aufeinander abgestimmten Funktionen durch ein traumatisches Ereignis oft voneinander getrennt. Der Traumatisierte empfindet intensive Gefühle, kann sich aber nicht genau an die Ereignisse erinnern; oder er erinnert sich an jedes Detail, empfindet aber nichts dabei. Er ist ständig gereizt und wachsam, ohne zu wissen warum. 
  • Häufig geht der Zusammenhang zwischen traumatischen Symptomen und ihrem Auslöser verloren, die Symptome verselbständigen sich.
  • Die Zerstörung des komplexen Selbstschutzsystems durch das traumatische Erlebnis und die damit verbunden psychischen Störungen sind die herausragenden Merkmale eines psychischen Traumas.

 

  • Der bekannte französische Neurologe Pierre Janet beschrieb diesen Zerstörungsprozess schon vor hundert Jahren folgendermaßen: „Die auflösende Wirkung intensiver Gefühle verhindert das verschmelzende Funktionieren des Verstandes.“

     

  • Das Beziehungsnetz zwischen Gefühl und Verstand wird bei einer traumatischen Erfahrung zerrissen. Abram Kardiner beschrieb den psychischen Zerstörungsprozess folgendermaßen: „Es zerbricht der gesamte Apparat, der harmonisches, koordiniertes und zielgerichtetes Handeln möglich macht. Die Wahrnehmungen werden unpräzise und von Angst überflutet, das koordinierte Funktionieren von Entscheidung und Urteilsvermögen setzt aus… sogar die Sinnesorgane können ausfallen… Aggressive Impulse entladen sich chaotisch und nicht der Situation angemessen.“

 

2. Das posttraumatische Syndrom:  Die vergebliche Mühe, das belastende Erleben rückgängig zu machen.

Es ist eine angeborene Eigenart des Menschen, dass er einen chronisch angespannten Zustand nicht aushält und unbedingt seine Belastung um jeden Preis loswerden möchte. Der Kampf gegen sich selber ist lanciert. In der Psychologie nennt man das Bewältigungsmechanismen. Diese hilflosen Versuche enden oft in einer überlagerten psychischen Schädigung, einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung. Das Opfer entwickelt Verhaltensmuster, um nicht mehr mit der traumatischen Erfahrung in Berührung zu kommen. Mit allen Mitteln versucht der Betroffene, seine traumatische Erfahrung abzuspalten. Leider gelingt dies meistens nicht. Sein Leben wird eingeengt und oft stellen wir in Therapien fest, dass der Ursprung, die Traumatisierung, verschwindet und die Bewältigung so manifest ist, dass sie als psychische Störung sich total in den Vordergrund drängt. Im folgenden möchte ich die wichtigsten Verhaltensmuster der posttraumatischen Belastungsstörung nach einer traumatischen Erfahrung beschreiben.

 

a) Übererregung

Nach einer traumatischen Erfahrung scheint sich das Selbstschutzsystem des Menschen in einem ständigen Alarmzustand zu befinden, als könnte die Gefahr jeden Moment wiederkehren. Der Traumatisierte erschrickt leicht, reagiert überschiessend auf geringfügigen Ärger und schläft schlecht. Die psychophysiologischen Veränderungen bei posttraumatischen Belastungsstörungen sind sehr weitreichend und können sehr lange anhalten. Die Patienten leiden an allgemeinen Angstsymptomen, die mit spezifischen Befürchtungen verknüpft sind.

Bei ihnen ist das Grundniveau ein Zustand erhöhter Erregung: Ihr Körper ist immer in Alarmbereitschaft und auf eine Gefahr vorbereitet. Chronischer Stresszustand wird ein Normalzustand. Der Stress nimmt wie in normalen Lebenssituationen nicht ab, sondern entwickelt sich zu einem belastenden, negativen Stresszustand.(Disstress)

Schlussfolgernd kann man feststellen: Traumatische Ereignisse verändern das menschliche Nervensystem tiefgreifend. (Vegetativ)

Sie reagieren extrem schreckhaft auf unerwartete und vor allem auf spezifische Reize, die mit dem traumatischen Ereignis in Verbindung stehen. Die erhöhte Erregung hält im Schlaf- wie im Wachzustand an, die Folge sind massive Schlafstörungen.

 

b) Intrusion

  • Ungewollt sich aufdrängende Erinnerungen und Gedanken an das traumatische Ereignis.

Lange, nachdem die Gefahr vorüber ist, erleben Traumatisierte das Ereignis immer wieder so, als ob es gerade geschähe. Es ist, als wäre die Zeit im Moment des Traumas stehengeblieben. Der traumatische Augenblick wird abnormal im Gedächtnis gespeichert und gelangt dann spontan ins Bewusstsein, im Wachzustand als plötzliche Rückblende und im Schlaf als angsterfüllender Alptraum. Immer wieder können belanglose Lebensumstände Erinnerungen wecken, in denen das Ereignis extrem lebensecht und mit aller emotionalen Gewalt wiederkehrt.

 Das Trauma stoppt jeden Entwicklungsverlauf, die Opfer sind an ihre traumatische Erfahrung gefesselt.

  • Traumatische Erinnerungen weisen eine Reihe von Besonderheiten auf.

Anders als gewöhnliche Erinnerungen von erwachsenen Menschen sind sie nicht als verbale, lineare     Erzählung gespeichert, die Teil einer fortlaufenden Lebensgeschichte wird.

Verbale, zusammenhängende Erzählungen fehlen bei traumatischen Erinnerungen. Stattdessen sind sie in Form intensiver Gefühle und deutlicher Bilder gespeichert. Traumatische Erinnerungen sind quälende, unauslöschliche Bilder. Die intensive Dichte der  fragmentierten Gefühle, der Bilder ohne Text, verleiht der traumatischen Erinnerung  eine gesteigerte Realität. Das Übergewicht von Bildern und körperlichen Empfindungen bei gleichzeitigem Fehlen einer verbalen Erzählung verbindet traumatische Erinnerungen mit den Erinnerungen von Kleinkindern. Diese stark bildhafte und szenische Form der Erinnerung, die für Kleinkinder adäquat ist, wird offenbar in extrem schrecklichen Situationen auch bei Erwachsenen mobilisiert.

 

  • Den besonderen Eigenschaften traumatischer Erinnerungen liegen möglicherweise Veränderungen des Zentralnervensystems zugrunde.

 
  • Traumatische Erinnerungen sind offensichtlich im Schlaf-  wie im Wachzu-stand Folgen eines veränderten neurophysiologischen Systemzustands.

 Man hat herausgefunden, dass bei traumatischer Prägung die linguistische Kodierung (Faktenwissen) im Gedächtnis außer Funktion gesetzt wird und das Zentralnervensystem deshalb auf die sensorischen und bildhaften Formen des Gedächtnisses zurückgreift, die in den ersten Lebensjahren dominieren und ausgebildet werden.

Traumatisierte Menschen erleben den traumatischen Moment nicht nur in Gedanken und Träumen, sondern auch in ihren Handlungen wieder. Traumatisierte müssen oft die Schreckensmomente zwanghaft in offener oder verschleierter Form wiederholen. Diese Menschen sind sich dieser immer wiederkehrenden Inszenierung nicht bewusst. Vielmehr wollen sie mit aller Kraft das Erlebte verarbeiten und aus ihrem Gedächtnis auslöschen. Dabei setzen sie sich Gefahren aus, unter denen sich das Trauma tatsächlich wiederholen könnte. Diese zwanghaften Wiederholungen werden heute darauf zurückgeführt, dass das Gehirn die Tendenz hat, neue Erfahrungen im Sinne des Vervollständigungsprinzips zu integrieren. Es geht bei diesem Integrationsprinzip darum, dass neue Informationen so verarbeitet werden, dass die inneren Muster für Selbst- und Weltbild auf den neusten Stand gebracht werden. Da die traumatische Erfahrung definitionsgemäss eine enorme Überforderung des Anpassungssystems des  Organismus darstellt, scheitert das Gehirn an der Integrationsaufgabe und dreht durch.

 

  • Das Trauma kann eigentlich erst überwunden werden, wenn das Opfer ein neues geistiges Muster entwirft, um das Geschehen zu verstehen.

Die zwanghaften Wiederholungshandlungen haben verheerende psychische Begleiterscheinungen zur Folge: Ununterbrochen wird der Traumatisierte durch sein schreckliches Erleben überfallen. Er wird ständig von Angst und Wut geschüttelt. So unternimmt das Opfer alles in der Welt, intrusive Symptome abzublocken, zwar zu seinem eigenen Schutz, aber das posttraumatische Syndrom verschlimmert sich, weil die Vermeidung der Erinnerung eine Einengung des Bewusstseins, einen Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen und eine emotionale Verarmung zur Folge haben.

 

c) Konstriktion

  • Vermeidung von Situationen, die als bedrohlich empfunden  werden, psychische Erstarrung, emotionale Anästhesie. 

Da der Traumatisierte aus dem chronischen Ohnmachtsgefühl nicht durch eine reale Handlung fliehen kann, entweicht er diesem Zustand nur durch die Veränderung seines Bewusstseinszustand. Dieser Zustand wird oft auch als Zustand der Erstarrung genannt.

 

  • Das gesamte fühlende System des Organismus wird ausgeschaltet.

Es stellt sich eine dissoziierende, distanzierende Ruhe zum Geschehen ein. Der Mensch ist vom Erleben und damit vom Geschehen total abgespalten. Er sieht sich und das Grauen, das mit ihm geschieht, als Zuschauer  an. Diese traumatische Dissoziation versetzt den Menschen in eine Art Trance. Man weiss heute, dass dabei körpereigene Morphine eine herausragende Rolle spielen. Sie wirken als Schmerzmittel und haben auch die Funktion, emotionale Empfindungen zu unterdrücken. Der konstriktive Prozess hat die Funktion, traumatische Erinnerungen vom normalen Bewusstsein fernzuhalten. Deshalb tauchen nur fragmentarische Erinnerungen  als intrusive Symptome (Wie oben beschrieben) auf.

Durch den konstriktiven Prozess werden alle Erinnerungen unterdrückt. Nicht nur in Gedanken, sondern das Handeln des Individuums wird ganz diesem Unterfangen unterordnet. Der Traumatisierte vermeidet sämtliche Möglichkeiten, die ihn an das Trauma erinnern könnten. Gegenwart und Zukunft existieren nicht mehr, Alles ist nur auf Vermeidung ausgerichtet.

 

  • Konstriktive Symptome verengen das Spektrum der Lebensmöglichkeiten,  beeinträchtigen die Lebensqualität  und perpetuieren letztendlich die Auswirkungen des traumatischen Ereignisses. Nach einer als überwältigend erlebten Gefahr entsteht zwischen den beiden Reaktionsmustern der Intrusion und der Konstriktion eine sich gegenseitig bedingende dynamische Wechselwirkung.

 

Die gleichzeitige Wirkung gegensätzlicher psychischer Zustände ist das vielleicht eindeutigste Merkmal des posttraumatischen Syndroms. Intrusive und konstriktive Prozesse lassen keine Integration des traumatischen Erlebens zu.

 

Auch wenn sich das Opfer noch so bemüht, durch das alternative Auftreten dieser psychischen Reaktionsweisen ein inneres psychisches Gleichgewicht zu erreichen, muss es immer daran scheitern. Traumatisierte Menschen sind gefangen zwischen zwei Extremen:

Zwischen Gedächtnisverlust oder Wiedererleben des Traumas; zwischen der Sintflut intensiver, überwältigender Gefühle und der Dürre absoluter Gefühllosigkeit; zwischen gereizter, impulsiver Aktion und totaler Blockade jeglichen Handelns.

Der Traumatisierte ist zu einem reduzierten Leben verurteilt, gequält von Erinnerungen und gefesselt von Hilflosigkeit und Angst. So absolvieren viele Opfer ihre alltägliche Routine, beobachten alle Ereignisse aus grosser Distanz, ihr Gefühl von Lähmung und Nichtzugehörigkeit wird nur durch die immer wieder schrecklich auftauchenden Erinnerungen an ihr Trauma gefühlsmäßig durchbrochen.

 

3. Soziale Auswirkungen des Traumas: Verlust der Beziehungen und Werteverlust.

Traumatische Erfahrungen wirken sich nicht nur direkt auf die psychischen Strukturen aus, sondern sie beeinflussen ganz stark auch die Beziehungssysteme und Wertvorstellungen des Menschen. Traumatisierte fühlen sich extrem verlassen, allein und  ausgestoßen aus dem lebenserhaltenden Rahmen von menschlicher Fürsorge und Schutz. Das Gefühl von Entfremdung und Nichtzugehörigkeit beherrscht jede Beziehung. Das Selbst des Opfers wird zerstört. Die Selbstsicherheit und das Vertrauen in die Umwelt sind verschwunden. Vor allem das Gefühl, ein eigenständiger Mensch zu sein, geht total verloren. Man fühlt sich wieder in der abhängigen Position eines Kleinkindes der Umwelt gegenüber. Man ist schutzbedürftig, aber gleichzeitig hat man panische Angst vor der Nähe und Intimität. Die Opfer eines Traumas fühlen sich schuldig, mies, unsicher, entwertet und wissen gar nicht mehr um ihre Fähigkeiten und Kompetenzen. Sie leiden unter einem extrem negativen Selbstbild

- Pierre Janet, L’Automatisme Psychologique, Paris 1973

- A. Kardiner und H. Spiegel, War, Stress and Neurotic Illness, New York 1947

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Donald Trump – eine gefährliche Kombination zwischen biographischer Erfahrung und gesellschaftlichen Einflüssen

 

1. Der schlafende Drache ist aufgewacht

Endlich hat Donald Trump sein ultimatives Ziel erreicht. Er wurde zum Präsidentenkandidaten  der Republikanischen Partei erkoren. Wie ein Panzerwagen hat er sich diese Wahl erarbeitet und auf dem Weg dahin destruktiv den ganzen Parteiapparat der Grand Old Party in seine Einzelteile zerlegt. Es ist schon erstaunlich, wie sich so viele Experten und eingefleischte Kenner der Materie auf dem falschen Fuß haben erwischen liessen. Studiert man  die Biografie von Donald Trump, dann hat er auch im bisherigen Wahlkampf sich nie anders benommen als er es seit über dreissig Jahren schon tat. Wenigen Amerikanern gelangt es  in den letzten Jahren  eine so grosse  Aufmerksamkeit in den Medien zu erreichen wie Donald Trump. Er ist allen bekannt, besonders durch seine Fernsehsendung, wo er als Medienstar Leute anstellen oder feuern konnte und bei näherem Hinschauen weiss eigentlich niemand, wer dieser Mensch ist.

Selten wurde eine Person so oft analysiert und durchleuchtet, aber keinem ist es gelungen, diesen Menschen persönlich zu erfassen. Würde Trump nicht immer wieder echt aus Fleisch und Blut auftreten, dann müsste man davon ausgehen, es mit einer phantasierten Kunstfigur zu tun zu haben. Meistens wird Trump als ein extremes Beispiel für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zitiert. In einem früheren Blog habe ich die Strategien beschrieben, die Narzissten in Beziehungen anwenden. Heute muss man nicht unbedingt ein Narzisst sein, nur weil man die Beziehungsstrategien von Narzissten in seinem Beziehungsleben anwendet.

 

2. Der sozialisierte Psychopath

  • Ich möchte im folgenden Blog eine Perspektive aufzeigen, die sich mit einer Persönlichkeitsstörung beschäftigt, die wir nur von brutalen Mördern und Verbrechern her kennen. Es geht um die psychopathische Charakteristik einer Persönlichkeit, die viel häufiger vorkommt, als wir annehmen. Eigentlich wissen wir gar nicht, wie viele Psychopathen frei herumlaufen, ohne dass wir es merken, nur die Minderheit sitzt im Gefängnis, viele dieser Psychopathen sind gesellschaftlich sozial anerkannt und haben sogar Erfolg und werden bewundert. Kevin Dutton*, ein englischer Psychologe, hat in seinem Buch „Psychopathen“ sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt. Dabei stellte er die These auf, dass Psychopathen Charaktereigenschaften besitzen, die, wenn sie in einem vernünftigen Masse angewendet werden, auch nützlich sein könnten. Diese gewagte These formuliert er ausgiebig in seinem Buch. Er meint, dass ein straffälliger oder destruktiver Psychopath nur übertreibt und seine Gestörtheit exzessiv auslebt und deshalb gefährlich wäre. Selbstredend für das Wesen von Donald Trump ist die allgemeine Definition von Dutton eines Psychopathen sehr aufschlussreich: „Für einen Psychopathen gibt es so etwas wie Wolken am Himmel gar nicht, sondern nur Silberstreifen.“


  • Der Psychologe Peter Jonason beschreibt in seinen Forschungen Psychopathen als Männer mit Persönlichkeitsmerkmalen wie dem Stratosphärischen Selbstwertgefühl des Narzissmus, dem Erlebnis- und Erfolgshunger einer überaus Testosteron gesteuerten Kreatur, der Skrupellosigkeit und Arglist eines miesen Verbrechers und dem Ausbeutertum eines gerissenen Machiavellisten. Dank dieser Eigenschaften schaffen es diese Menschen immer wieder, sich in der Gesellschaft Ruhm und Anerkennung zu verschaffen

 

  • Donald Trump entspricht mit seinem Verhalten und seiner Karriere genau dieser Beschreibung. Es ist durch Forschungsuntersuchung erwiesen, dass diese Charaktereigenschaften nur teilweise genetisch bedingt sind, sondern epigenetisch, d.h., dass biographische und gesellschaftliche Einflüsse bei der Ausgestaltung eines solchen psychopathischen Charakters sehr viel dazu beigetragen haben.

 

  • Weiter beschreibt Dutton Psychopathen folgendermaßen: „Sie haben eine makellose Tarnung. Nach aussen hin sind sie sympathisch, charmant, charismatisch. Dadurch werden wir von ihrem wahren Gesicht abgelenkt, sehen nicht, dass sich dahinter eine Anomalie versteckt, und fühlen uns von ihrer hypnotischen Präsenz angezogen.“ Sie entscheiden sich nur für ein riskantes Verhalten, dies aber ohne Angst, wenn sie für sich daraus einen Vorteil herausholen können. Der Psychopath hat überhaupt keine Schwierigkeiten, mit den Folgen schnellen Wandels fertig zu werden. Die Vergangenheit hakt er augenblicklich ab und lebt nur in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Die vorteilhafteste Fähigkeit eines Psychopathen ist die sensible Gabe, wie ein Radargerät die Schwachstellen eines Menschen oder gar eines Systems zu erkennen und skrupellos auszunutzen. Psychopathen werden magisch von Herausforderungen des Lebens angezogen und wollen diese proaktiv bewältigen. Sie wollen immer Sieger sein und hassen es zu verlieren. Sie sind von krankhaftem Ehrgeiz getrieben. Sie zeichnen sich durch mentale Härte aus und durch Furchtlosigkeit. Man kann den sozialisierten Psychopathen als „neuen Menschen“ bezeichnen: Er ist ein Superheld, der frei ist von Fesseln der Angst und der Reue. Er ist brutal, gelangweilt und abenteuerlustig. Aber auch sanftmütig, wenn es die Situation verlangt. Der moderne Psychopath setzt alles daran, dass er durch Drama, Publizität und Terror geistig geläutert wird und zur allmächtigen Größe aufsteigt. Der sozialisierte Psychopath zeichnet sich gemäss Forschungen durch eine einmalige Selbstbeherrschung aus. Er rastet nicht so aus wie ein psychopathischer Mörder, der dann im Gefängnis landet. Diese „leichte Art“ von Psychopathen sind in allen Berufsgruppen vertreten, besonders aber in der Wirtschaft, der Politik und in den Medien. Dutton bezeichnet diese Art der Psychopathen als „leichte Jungs unter den Psychopathen“. Diese Menschen verspüren keine Gewissensbisse, ein gravierenden Mangel an Unrechtsbewusstsein, fühlen sich vielmehr als Opfer denn als Täter, ihren Taten stehen sie gleichgültig gegenüber und rationalisieren sie. Sie sind völlig emotionslos, verstehen aber Gefühle der anderen sehr wohl, weil sie diese gerissen zu ihren Gunsten ausnützen.

 

3. Charaktereigenschaften des sozialisierten Psychopathen.

Forscher haben sich nun die Mühe genommen, die Charaktereigenschaften, die Persönlichkeitsstruktur der leichten Psychopathen genauer zu klassifizieren und sind zu folgendem Schluss gekommen: Drei wesentliche Merkmale haben sie herausgearbeitet:

  • Egozentrische Impulsivität: Der Psychopath verwendet geschickt im operativen Sinne alle Manipulationsmöglichkeiten des Narzissten. Er stellt sich systematisch in Beziehungen in den Mittelpunkt. Er redet nur von sich, geht prinzipiell jedem Dialog aus dem Weg, Redet nur von seinen Erfolgen, Niederlagen kennt er nicht und verleugnet jedwelche Krise. Es kann ihm noch so schlecht gehen, immer ist er ein Gewinner und redet bei sich alles schön, bei den anderen ist alles schlecht. Er verletzt und teilt aus, steckt nie ein, sondern droht unverhohlen, wenn er gekränkt ist. Er verträgt keine Kritik, sondern nur Lob. Er lügt und verdreht systematisch die Wahrheit zu seinen Gunsten. Er ist der Größte und immer muss er der erste sein, Verlierer sind die anderen und natürlich auch an ihrem Schicksal selber schuld.
  • Furchtlose Dominanz: Psychopathen kennen keine Angst. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen weiss man, dass Psychopathen dermaßen auf den Erfolg konzentriert sind, dass sie gar nicht merken, dass sie Angst haben könnten. Ihr fanatisches Streben nach Belohnung ist so dominant, dass alle negativen Gefühle oder warnende Gefühle abgeschaltet sind. Ihre Amygdala ist außer Betrieb, das Belohnungssystem arbeitet auf Hochtouren. Interessanterweise hat man aber festgestellt, dass Psychopathen vor allem auf Ruhm und materielle Belohnung aus sind, bei ideellen Zielen versagen sie oft und scheitern an ihrer Störung. In der Beziehung zu anderen Menschen sind Psychopathen entweder sehr charmant und zuvorkommend, aber nur in einem strategischen Sinne, wenn es der Zielerreichung dient, dann wieder abstoßend, verletzend und autoritär. Hat der Psychopath ein materielles Ziel im Auge, dann kennt er kein Halten mehr, dann schlägt er zu und lässt sich von seinem Weg nicht abbringen.
  • Kaltherzigkeit: Psychopathen empfinden keine Empathie. Sie interessieren sich weder für die Meinung des anderen, noch können sie sich in die emotionale Verfassung des anderen hineinversetzen. Das Gegenüber existiert nicht. Ein kleines Beispiel aus dem Geschäftsleben von Donald Trump: Als er in Atlantic City seine Casinos und Hotels hochzog, nahm er riesengroße Kredite auf. Er brachte die Casinos mit grossen Versprechungen auf Gewinn an die Börse und alle glaubten ihm. Sie kauften die Aktien trotz Warnungen von Wirtschaftsexperten. Kaum eröffneten die Casinos von Trump, häuften sich die Verluste und die Aktien stürzten brutal ab. Trump hat von seinem Geld keinen Cent investiert, aber er hat sich ein großzügiges Honorar für die Geschäftsführung gesichert. Die Casinos machten Pleite, die Aktionäre verloren ihr ganzes angelegte Geld und Trump verdiente sich trotzdem eine goldene Nase. Interessanterweise wurde Trump wegen Wirtschaftskriminalität nicht mal angeklagt, geschweige verurteilt. Vielmehr lobte er sich, wie er zu Reichtum kam und wie toll er Geld verdient. Trotz dieses Fiaskos wuchs noch seine Popularität und er war der Erfolgsmensch schlechthin. Er war der großartige Erfolgsmensch und die Aktionäre dumme Loser, die nichts Anderes verdient haben als eins auf die Fresse zu bekommen. So ist halt das Leben, dafür wurde Donald Trump mit einer populären Fernsehsendung belohnt, wo er in einer Dokusoap, The Apprentice (dt. Der Lehrling), einen erfolgreichen Geschäftsmann als Schauspieler darstellen durfte.

 

4. Die biographische "Erfolgsgeschichte" von Donald Trump

Nun möchte ich zur Biographie von Donald Trump übergehen und aufzeigen, wie die biographischen und gesellschaftlichen Einflüsse Donald Trump geprägt haben und für viele dieser Immobilientycoon zum Albtraum der Amerikanischen Politik  werden konnte.

 

a. Vorfahren von Donald Trump

Trumps Großvater emigrierte als 16 jähriger Junge von Bremen nach Amerika. Dort schlug er sich zuerst wie jeder Immigrant durchs Leben. Bald aber arbeitete er sich durch Schlauheit und Gerissenheit zu einem kleinen Wohlstand. Geschickt nutzte er immer wieder Gelegenheiten, wo er ein Geschäft machen konnte. Manchmal ging es gut, oft aber nicht. Wegen dieser Niederlagen liess sich Friedrich Trumpf, wie er damals hiess, nicht beeinflussen, sondern schlug sich hartnäckig durch das beschwerliche Leben. Als 32 jähriger junger Mann landete er in New York und erkannte sofort, dass im Immobiliensektor das Geld quasi auf der Straße lag. Schlau investierte er in der Bronks und in Queens. Damals, anfangs der 20 iger Jahre waren diese Quartiere in New York noch gar nicht erschlossen. Erst als sie durch eine Brücke mit dem Festland verbunden wurden und eine U-Bahnstrecke gebaut wurde, wurden diese Gebiete urbanisiert und Herr Trumpf machte seine ersten Immobiliengeschäfte. Er liess sich bald einbürgern und hiess danach nur noch Trump. Er hiess nicht mehr Trumpf, sondern hatte einen Triumpf im Geschäftsleben gelandet. Er heiratete eine Deutsche und gründete eine Familie. Seinen Sohn nannte er Frederick, aber sie nannten ihn immer Fred. Dieser begleitete seinen Vater immer bei seiner Arbeit und lernte so das Handwerk des Immobilienunternehmers aus erster Hand kennen. Leider starb sein Vater schon früh, als er 18 Jahre als war und hinterließ der Familie kein Geld, weil er mit seinen Spekulationen Pleite machte.

 

b. Der Vater von Donald Trump-Eine einflussreiche Person.

Fred Trump musste nun für die Familie sorgen und besuchte eine Highscool für Bauwesen und diente sich vom Hilfsarbeiter zum Baufachmann hoch. Er lernte das Bauhandwerk von der Pike auf kennen. Nun ging alles sehr schnell. Beharrlich und unheimlich geschickt erarbeitete sich Fred Trump ein ansehnliches Vermögen mit seiner Arbeit als Immobilienmakler. Geschickt nutzte er alle erdenklichen Chancen, für sich einen Vorteil herauszuholen. In den 20 iger und 30 iger Jahren begann auch die Politik im Häusergeschäft mitzumischen und es wurden Subventionen ausgeschüttet, um den sozialen Wohnungsbau in New York zu fördern. Fred Trump erkannte sofort, dass er sich mit den politischen Gremien gut stellen musste und unterstützte durch Spenden und andere Zuwendungen die politischen Entscheidungsträger. Neben seiner beruflichen Kompetenz verschaffte er sich ein soziales Netzwerk, das es ihm erlaubte, im grossen Stile ins Immobiliengeschäft einzusteigen. Bald zählte damals Fred Trump zu den reichsten Amerikanern. Er heiratete im Jahre 1936 seine Mary Anne, die auch als junges Mädchen aus Schottland nach Amerika emigrierte. Die beiden hatten fünf Kinder. Donald war der zweitjüngste und wurde 1946 geboren. Donald wurde in eine Familie mit dem goldenen Löffel im Mund hineingeboren. Daher glaubt Donald Trump bis heute, dass er etwas Besonderes ist und genetisch zum Erfolg bestimmt ist.

Interessant war es, wie der Vater besonders ideologisch seine Kinder erzog. Fred Trump entwickelte nie die Lockerheit und Anmut, die unerlässlich sind, um Freunde zu gewinnen und Menschen bei gesellschaftlichen Anlässen zu beeinflussen, obwohl er hart daran arbeitete.

Er besuchte Kurse des berühmten Kommunikationsguru Dale Carnegie. Der Kurs führte den verfänglichen Titel: „Wirkungsvolles Sprechen und menschliche Beziehungen.“ Als ehemaliger Fleischhändler entwickelte Carnegie ein Konzept, um den Menschen zu zeigen, wie sie durch gekonntes Reden und Auftreten enormen Erfolg haben können. Er wurde einer der Begründer amerikanischer Werte, die heute im reinen narzisstischen Verhalten endeten. Seine Ratschläge lauteten:“ Wie bringen wir Zuhörer dazu, uns zu mögen?“ und „Das Lächeln, das einen guten Preis auf dem Markt einbringen wird.“ Da diese Ratschläge aber Fred Trump auf der Beziehungsebene leider nicht kompetenter machten, kompensierte er seine Mängel im zwischenmenschlichen Kontakt durch extreme harte Arbeit. Natürlich träumte er davon, ein eloquenter, agiler und schlauer, sozial hoch kompetenter Mensch zu werden. Für seine Kinder hatte er keine Zeit, aber er nahm sie immer mit zu seiner Arbeit. Sein Sohn Donald bewunderte ihn kolossal und ging immer von klein an auf Tour mit seinem Vater. Auf diesen Touren hielt sein Vater Vorträge, er sprach nie mit den Kindern. Diese Touren glichen regelrecht brutalen propagandistischen Indoktrinationen, denen auch Donald Trump ausgeliefert war.

Diese Ausflüge waren für den Vater die Gelegenheit, seine Kinder, aber vor allem Donald, mit seinen kruden Vorstellungen und grandiosen Träumen zu indoktrinieren. So vermittelte er seinem Sohn folgende Lebensweisheiten:

Er verlangte absoluten Gehorsam und duldete keine Kritik. Die Kinder waren dazu bestimmt, im Leben etwas Großartiges zu erreichen, um auch großartig zu werden. Er predigte den Söhnen und Töchtern, dass sich harte Arbeit lohne, aber er betonte, dass das Leben ein einziger Konkurrenzkampf sei und bleute vor allem seinem Sohn Donald ein: “Sei ein Killer!“ Nur so kannst Du überleben. Töte den anderen, bevor Du getötet wirst.

Auf der anderen Seite verwöhnte er seine Kinder über alle Massen. Sie besuchten die besten Schulen und verbrachten an den teuersten Orten Amerikas die Ferien. Sie wohnten in einem grossen luxuriösen Haus und der Vater zeigte immer, was er erreicht hatte. Besonders Donald sprach sehr positiv auf diese abstruse erzieherische Kombination aus strenger Disziplin, monströsem Luxus und grandiosem Überlegenheitsgefühl an. Bis zu seinem 13. Lebensjahr besuchte er zwar die besten Privatschulen, aber er kannte keine Grenzen.

Er war Mamas Liebling und sie setzte ihm keine Grenzen, sondern sie vergötterte ihn. So wurde er sozial unangenehm auffällig und die Eltern entschlossen sich, ihn in eine Militärakademie für Jugendliche zu schicken, um seine disziplinlosen Macken abzugewöhnen. In diese Institution wurden sehr oft Kinder der wirtschaftlichen damaligen Elite geschickt. Einerseits bewunderte der Vater die rebellische und grenzenlose Verhaltensweise seines Sohnes enorm, aber gleichzeitig machte er sich Sorgen, denn er sah insgeheim seinen Plan kompromittiert, denn er wollte doch unbedingt, dass sein Sohn Donald all die Seiten leben sollte, die er nie hatte entwickeln können.

 

c. Wie Donald Trump zum Mann wurde

Der berühmte Mafioso Kenny Gallo verbrachte seine Pubertät auch in einer solchen Institution wie Trump. Er schildert seine Erfahrungen folgendermaßen:

“ Ich nehme an, dass meine normale „soziale Entwicklung“ an der Militärschule abbrach, als ich dreizehn war; ich hörte auf, mich zu einem gesunden, erwachsenen Bürger zu entwickeln und fing an, anfangs zur Selbstverteidigung und dann zum Spass, mein Talent als Raubtier zu entfalten.“

Als Donald Trump als 13 jähriger in das Militärinternat eintrat, bekam es das,bleiche, verwöhnte Muttersöhnchen gleich mit einem brüllenden, äußerst brutalen ehemaligen Kriegsveteranen, Theodore Dobias, zu tun. Trump schilderte später die Erziehungsmethode von Dobias folgendermaßen:

„Damals prügelte man einen grün und blau. Es war nicht wie heute, wo man jemanden schlägt und ins Gefängnis wandert.“ Weiter schildert er: „Er konnte ein fieses Arschloch sein. Er vermöbelte uns gnadenlos. Man musste lernen zu überleben.“ In diesen Jahren wurden Donald Trump jegliche Art von Gefühlsleben aus dem Leib geprügelt.

Trotz dieser Erfahrungen hinterließ Dobias bei Trump keine negativen Gefühle, im Gegenteil. Er identifizierte sich mit diesem Exsoldaten vollkommen und betonte, dass er mit dieser Erfahrung sein Leben erfolgreich als Gewinner bestreiten konnte. Sie machte Donald Trump nicht nur emotional unempfindlich, sondern bestätigte ihn als Gewinner. Das Resultat dieser Erziehung war eine vollkommene Identifikation mit Theodore Dobias und seinen Lebensvorstellungen. Ein Satz von Dobias wurde für Donald Trump zu seinem Lebensmotto: „Ich trainierte die Jungs in Baseball und Football und brachte ihnen bei, dass Gewinnen nicht das Wichtigste sei, sondern das Einzige.“ Schon in dieser Schule begannen sich die Indoktrinationen von Fred Trump und Theodore Dobias in Donald Trumps Verhalten auszuwirken. Dobias beschrieb den jungen Trump dann folgendermaßen: „Donald war ein Junge voller Sehnsüchte und Ehrgeiz, der einfach immer der erste sein wollte in allem und er wollte sehen, dass die anderen merken, dass er immer der erste ist.“ Trump war immer stolz auf sich und war total von sich überzeugt, immer der beste zu sein, geschehe, was wolle. Später beschrieb sich Donald Trump so: „Ich war eine elitäre Person. Als ich dann meinen Schulabschluss machte, war ich eine sehr elitäre Person.“ In dieser Schule wurde vor allem einem Männlichkeitsideal gefrönt, das die Ideale der Überlegenheit predigte und der Selbstdisziplin. Gefühle hatten keinen Platz und die intellektuellen Bereiche einer Ausbildung wurden schlichtweg ignoriert.

Gleichzeitig entwickelte die amerikanische Gesellschaft ein Bildungsideal, wo das Machen mehr galt als das Denken. Wichtig wurde in der Ausbildung die Darstellung der eigenen Person nach aussen, nicht Denken und Reflektion. Wichtig war es, geschäftlich Erfolg zu haben. Der exzessive Materialismus in der amerikanischen Gesellschaft wurde besonders in der Erziehung und der Bildung gefördert. So formulierte der Staat New York ende der Fünfziger Jahre folgenden Bildungsplan: Man wollte junge Menschen so ausbilden, dass jeder Schüler einen besonderen Kurs der Selbstverbesserung besuchen musste, wo man etwas darüber lernte, wie man „mit der Menge tickt“ und „wie man Anklang“ findet.

 

d. Donald Trump-Die perfekte Mischung aus Erziehung und gesellschaftlichen Einflüssen.

Die militärische Ausbildung und das neue amerikanische Bildungsmodell ergaben die geniale Mischung, um einen Menschen wir Donald Trump zu dem zu formen, der er heute ist. Die Bewunderung der Mutter und die Indoktrination des sozial verklemmten Vaters waren bedeutende Einflüsse auf die Entwicklung der psychopathischen Persönlichkeit von Donald Trump. Am Schluss seiner Schulzeit gewann das Baseballteam von Donald Trump ein Spiel, in dem Trump eine wesentliche Rolle spielte. Er wurde in der Lokalzeitung als Matchwinner beschrieben und hoch gelobt.

Dieses Erlebnis war der Startschuss zu einer Entwicklung von Donald Trump. Er wurde zum ersten mal ein Objekt der Medien und dieser Kick war der berühmte Funken, der ein loderndes Feuer der Eigenpublizität von Donald Trump war. Noch 50 Jahren nach dieser Erwähnung in der Zeitung sagt er folgendes:

„Wie viele Menschen kommen in der Zeitung? Niemand kommt in die Zeitung. Es war das erste Mal, dass ich jemals in der Zeitung stand. Ich fand das faszinierend.“

Die Notiz in der Zeitung machte ihn zu etwas Realem und zu einem Helden für Menschen, die davon nur träumen konnten. Dieser Ruhm bestätigte Donald Trump, dass er etwas Besonderes war und schlau erkannte er, wie stark das Bedürfnis von jedem war, einen solchen Ruhm zu erlangen. Gierig stürzte er sich auf das Ziel, diesen Ruhm zu erlangen, denn so konnte er der ganzen Welt zeigen, wie einmalig er war. Dieses Ziel war für ihn auch realistisch, weil gleichzeitig in den Massenmedien sich eine grundlegende Wandlung vollzog.

Der Ruhm wurde demokratisiert, nicht mehr nur grosse Stars und wichtige Personen besaßen das Privileg, berühmt zu werden und Ruhm zu erlangen, sondern jeder, der es clever anstellte, konnte ebenso eine berühmte Person werden.

Nach der Militärakademie studierte Trump Wirtschaft und es war klar, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten sollte. Leider wurde ihm aber sein Bruder Fred als älterer vorgezogen, dieser aber versagte und wurde dann Pilot. Seine Schwestern interessierten sich auch nicht für den Beruf des Vaters und so blieb eigentlich nur Donald übrig, der dann das Geschäft des Vaters übernehmen sollte. Er orientierte sich nicht am Vater, sondern sein Vorbild wurde der exzentrische Immobilienmogul aus New York, William Zeckendorf. Er hatte immer extravagante Projekte, die er nie umsetzte, aber dafür bekam er immer die vollste Aufmerksamkeit der Presse. Er gab luxuriöse Partys und pflegte professionell ein Image, das genau in die damalige Zeit hineinpasste, auffallen um jeden Preis.

Dieses Verhalten machte auf Donald Trump einen grossen Eindruck und bald sollte er Zeckendorf um Längen überholen. Heute wäre Zeckendorf eine kleine Fliege neben dem Öffentlichkeitswahn von Donald Trump.

 

e. Die Kraft des positiven Denkens

Eine weitere Person beeinflusste Donald Trump mit seiner Ideologie, die er total verinnerlichte: Nämlich die „Kraft des positiven Denkens“, von Reverend Norman Vincent Peale. Dieser war zwar ein katholischer Priester, interessierte sich aber nie für die Bibel, sondern entwickelte eine Denkweise, wie man alles nur positiv sehen muss. Alles Negative musste ausgeblendet werden, jede Niederlage war ein Erfolg, die Vergangenheit existierte nicht mehr, nur die Zukunft war interessant. Schuld war man nie, nur immer die anderen, Selber war man der Größte und Beste. Nur das eigene Ego war wichtig und die anderen Menschen waren nützliche Idioten, die man für seine Ziele gebrauchen kann.

Diese Ideologie von Pater Peale war genau das noch notwendige Drehbuch, sich zu einem sozialisierten Psychopathen zu entwickeln.

Trump wurde nun der erfolgreiche Selfmademilliardär, indem er geschickt und skrupellos alle möglichen Tricks anwandte, um Erfolg und Gewinn zu machen. Dabei gerieten viele Menschen zu Schaden, nie aber Donald Trump. Ging er einmal Pleite, rappelte er sich gleich wieder auf.

Wie man genau sehen kann, entspricht er in seinem Verhalten genau den Charaktereigenschaften, die ich oben bei der Beschreibung der leichten Jungs aufgezeigt habe. Interessant ist, dass sich Donald Trump schon früher zweimal als Präsidentschaftskandidat empfohlen hatte und immer wieder zurückzog, wenn es ums Ganze ging oder er befürchten musste, eine Niederlage einzustecken. Schon zu dieser Zeit vertrat er eigentlich das gleiche politische Programm wie heute. Nur ist es ihm heute gelungen, seine Rivalen bei den Vorwahlen zu schlagen. Sein Auftreten war dasselbe, wie immer, aber die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Die weiße Bevölkerungsschicht hat sich in eine verunsicherte, hasserfüllte, betrogene, auf dem Abstieg befindende gesellschaftliche Schicht entwickelt, die natürlich dem polternden Trump zujubelte.

Nun ist Donald Trump endlich an seinem Ziel angekommen und bewirbt sich für das Amt des Präsidenten. Er hat seine Partei zerstört, er hat die politische Kultur, was noch in Amerika übrig blieb, zerstört, er wird nun eine grosse Gefahr für die Gesellschaft und ich habe den Eindruck, dass viele einflussreiche Menschen in Amerika die Gefahr erst jetzt bemerken. Die Gesellschaft, aber vor allem auch die Medien, haben ein Monster gezüchtet, das jetzt für die ganze Welt eine konkrete Gefahr darstellt. Alle wollten mit dem narzisstischen Gehabe von Trump Geld verdienen und haben vor lauter Gier das Denken abgeschaltet.

Nun fragt man sich, ob Trump wirklich eine reelle Chance hat, gewählt zu werden. Interessant ist doch, dass sich die Fehler und Fehlleistungen bei Donald Trump in der ernsten Phase des Wahlkampfes in beängstigtem Masse häufen. Insgeheim merkt Donald Trump, dass das Amt des Präsidenten kein lukratives Geschäft ist. Seinem Psychogramm entsprechend häufen sich seine Fehlleistungen, denn er langweilt sich und verliert das Interesse. Bei Forschungen über die Psychopathen, die leichten Jungs, hat man herausgefunden, dass sie nur glänzten und ihre psychopathischen Eigenschaften hohe Werte erzielten, wenn es um materielle Ziele ging. Waren die Ziele ideell, dann versagten sie kläglich.

Wir können nur hoffen, dass es Donald Trump immer mehr stinkt, sich idealistisch für eine Gemeinschaft zu engagieren, dann wird er nicht gewählt. Die Hoffnung ist deshalb real, weil seine psychischen Eckdaten so stabil sind, dass mit einer radikalen Veränderung zur sozialen Menschlichkeit bei Trump nicht zu rechnen ist.

Kevin Dutton, Psychopathen: Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann, München 2013

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Die Landkarte der psychischen Entwicklung

 

 

1.  Einleitung

Der bekannte kanadische Psychologe Gordon Neufeld ist meines Erachtens der einzige Entwicklungspsychologe, dem es gelungen ist, die theoretische Entwicklungspsychologie der letzten 70 Jahre mit einem praktischen Ansatz zur Erziehung von Kindern zu verknüpfen. Endlich bekommen Eltern eine praktische Hilfestellung zur Verfügung, die frei von Ideologie ist, sondern konkret wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. In meinem Blog möchte ich diesen „bekannten Neufeld-Ansatz für die Kinder“  näher vorstellen. Ich beziehe mich in meinem Blog auf das Buch von Dagmar Neubronner, die im deutschen Sprachraum den Neufeld-Ansatz bekannt gemacht hat. Dabei werde ich auch auf andere Entwicklungspsychologen zurückgreifen, um die Wurzeln des Nezûfeld-Ansatzes verständlicher zu machen.

Bis jetzt sind  Erziehungsratgeber immer davon ausgegangen, dass wir gleich einer Roadmap die Erziehung der Kinder nach einem vorgegebenen Drehbuch abspulen müssten. Ein Abweichen von diesem Weg lag nicht drin. So haben über Jahrhunderte tausende von Eltern gehorsam die Erziehung ihrer Kinder nach einem solchen Drehbuch umgesetzt und haben dadurch ihr Erziehungsverhalten praktisch nie selbstkritisch hinterfragt. Ging etwas schief, dann machten sie sich Vorwürfe, dass sie die Vorgaben nicht korrekt umgesetzt haben. Meine Mutter, Alice Miller,  hat in ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“ genügende Beispiele solcher erzieherischen Vorgaben beschrieben und dieses Verhalten als „Schwarze Pädagogik“ bezeichnet.

 

2.  Der Neufeld-Ansatz.

Neufeld distanziert sich klar von dieser erzieherischen Ideologie, vielmehr geht er davon aus, dass die Erziehung des Kindes von der Empathie dem Kind gegenüber geleitet sein sollte. Bildlich spricht er von einer Landkarte, auf der alle wichtigen Wissensdaten abgelegt sind, die es braucht, um kompetent ein Kind bei seiner Entwicklung optimal zu unterstützen. Die Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes beinhaltet drei Ziele der Reifung:

  • Die Kraft der Emergenz: Der Begriff der Emergenz stammt aus der Allgemeinen Systemtheorie. Man geht davon aus, dass sich ein System dadurch entwickelt, dass es durch Emergenz immer eine höhere Stufe der Entwicklung erreicht. Emergenz ist die Schubkraft, die es braucht, dass wir nicht stehen bleiben, sondern immer naturbedingt fähig sind, aus Altem Neues zu schaffen. Schon der berühmte Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat in seiner Entwicklungstheorie das Phänomen der Emergenz beschrieben, und zwar ist es die Balance zwischen Assimilation und Akkommodation. Entwicklung setzt ein, indem ein Lebewesen an seine Grenzen stösst und motiviert wird, neue Bewältigungsinstrumente des Lebens zu entwickeln. Wir entwickeln uns durch Innovation. Die Grenze motiviert uns, unsere Grenzen zu erweitern und dadurch schaffen wir uns neue  Lebensmöglichkeiten durch Emergenz. Um uns zu entwickeln, müssen wir die Möglichkeit erhalten, unser Potenzial auszuschöpfen.
  • Die Kraft der Adaption: Jedes Kind wird mit der Situation konfrontiert, dass es an Grenzen stösst, die es nicht erweitern kann, sondern als Realität akzeptieren muss. So werde ich nicht grandios, sondern muss mich halt Gegebenheiten beugen, die mir zuerst nicht passen. Ich denke, dass diese Konfrontation mit der Realität auch eine grosse Motivation ist, dass sich Tiere, aber vor allem der Mensch sich sozial entwickeln müssen. Die Fähigkeit zur Kooperation ist die evolutive Antwort auf die Begrenzung durch Realitäten. Die Anpassung an die Grenzen der Realität nennt man Adaption. Ich muss innerhalb der auferlegten Grenzen mich zurecht finden und genau diese Grenzen motivieren mich, Lösungen im Sinne von Entwicklung zu finden. Adaption und Emergenz bedingen sich.
  • Die Kraft der Integration: Unser psychisches Innenleben besteht aus verschiedenen Anteilen, die sich widersprüchlich gegenüber treten. Es braucht eine übergeordnete Kraft, diese widersprüchlichen Kräfte im Zaume zu halten. Jeder Anteil soll dann zur Geltung kommen, wenn es angebracht ist. Kein Anteil soll verdrängt oder aus dem Ganzen ausgeschlossen werden. Diese übergeordnete Kraft ist die Fähigkeit der Integration. Jeder Anteil behält seine Identität, durch integrative Kraft wird aber eine Balance hergestellt, dass kein Anteil die anderen Anteile verdrängt oder ein Anteil gezwungen wird zu verschwinden.

Der bekannte Entwicklungspsychologe Donald W. Winnicott bezeichnete diese angeborenen Entwicklungstendenzen als WAHRES SELBST, das das angeborene Potential ist, das nach Entwicklung strebt. Die Aufgabe der Eltern besteht nun darin, diesen Entwicklungsprozess optimal zu fördern. Dieser Ansatz unterscheidet sich grundsätzlich vom klassischen Erziehungsstil, der darin bestand, das Kind nach den Vorstellungen der Eltern zu formen. Alice Miller meinte, in der klassischen Erziehung ging es immer darum, „dem Kinde seinen eigenen Willen zu benehmen“.

Um dieses Entwicklungsziel zu erreichen, hatte Neufeld eine geniale Idee:

Statt einer vorgegebenen Erziehungsroute, wo Dressur die wichtigste Erziehungshandlung darstellt, erstellte er eine Landkarte, auf der verteilt im Überblick die anlagebedingten Möglichkeiten verteilt sind, die es gilt zu berücksichtigen.

3.  Die Grundbedürfnisse psychischer Entwicklung

Zuerst möchte ich die wichtigsten „Ortschaften“ der Landkarte beschreiben, die uns die Orientierung und das Wissen vermitteln, um das Kind aufgrund seiner inneren Bedürfnisse wahrzunehmen. Man kann diese Ortschaften als motivatonale Systeme beschreiben, die darauf abzielen, durch die Bezugspersonen befriedigt zu werden. Diese motiavtionalen Systeme sind zwar genetisch angeboren, aber sie müssen durch Beziehungserfahrung angeregt werden. Aus sich selber heraus können sie sich nicht entwickeln. Sie alle sind sozial angelegt und sind zur ihrer Entfaltung auf soziales Feedback angewiesen. Im Folgenden möchte ich diese Ortschaften auf der Landkarte genauer beschreiben:

a. Das Konzept der Bindung:

Der Psychologe John Bowlby hat in den Fünfziger Jahren die Bindungstheorie entwickelt und wurde später durch empirische Forschungen in seiner Theorie bestätigt. Heute ist die Bindungstheorie eine der konsistentesten psychologischen Theorien. Dabei geht es darum, dass der Säugling genetisch über einen Trieb verfügt, sich an eine Bezugsperson zu binden. Dadurch, dass der Säugling nach der Geburt von der Mutter getrennt wird (durchtrennen der Nabelschnur), entwickelte sich durch Evolution das Bindungsverhalten, das durch Beziehung die Trennung nach der Geburt kompensiert. Bindung ermöglicht Nähe, die nach der Geburt verloren geht.

Dabei unterscheidet er zwei verschiedene Haltungen: Beim Säugling nennt man sein Bindungsverhalten Attachement, bei der Mutter Bonding. Die Rollen sind in einer solchen Beziehung ganz klar verteilt. Der Säugling äussert sein Bedürfnis nach Bindung und bemüht sich darum, die Mutter muss adäquat darauf antworten. Bowlby entwickelte für die Mutter das Konzept der Feinfühligkeit.

  • Aufmerksamkeit: Die Mutter ist auf das Kind bezogen und lässt sich nicht ablenken.
  • Sensitivität für Reize: Die Mutter bietet in einer Balance dem Kind die nötigen Reize an. Es überfordert das Kind nicht oder sie vernachlässigt das Kind nicht. Hier ist die Intuition der Mutter gefragt, es geht um Empathie gegenüber dem Kind.
  • Die Übernahme der Perspektive des Kindes: Die Mutter stellt sich in den Dienst des Kindes. Über Empathie erspürt die Mutter, mit welchem Bedürfnis des Kindes sie konfrontiert ist. Sie projiziert nicht ihre Bedürfnisse auf das Kind.
  • Adäquate Reaktion: Die Bedürfnisse des Säuglings müssen unmittelbar und adäquat befriedigt werden.

Bowlby hat weiter herausgefunden, dass die frühe Bindungserfahrung die alles entscheidende Grundlage für die psychische Entwicklung eines Menschen ist. Forschungen zu diesem Thema haben gezeigt, dass die gute Bindungserfahrung die Voraussetzung dafür ist, ob sich Gene explizieren, d.h. entwickeln. Die Bindungserfahrung ist die entscheidende epigenetische Erfahrung, die eine gesunde psychische Entwicklung massgeblich fördert. Bowlby hat auch herausgefunden, dass die Bindungserfahrung verinnerlicht wird und unsere Art, wie wir Beziehungen zu anderen Menschen gestalten, wesentlich beeinflusst. Machen wir eine gute Erfahrung, dann entwickeln wir einen sicheren Bindungsstil, wir sind zum grossen Teil gegen psychische Verletzungen immun, oder besser resilient, widerstandsfähig. Erleiden wir aber frustrierende Bindungserfahrungen, entwickeln wir einen unsicheren Bindungsstil, wir verhalten uns gestört in Beziehungen und neigen dazu, psychische Verletzungen abzuspalten.

Neufelds genialer Ansatz besteht nun darin, dass er die Erreichung der Reifeziele, die ich oben beschrieben habe, anhand einer Entwicklungslinie der Bindungserfahrung aufzeigt. Er beschreibt verschiedene Ebenen der Bindung, die immer intensiver und umfangreicher sind.

Er beschreibt also eine Selbstentwicklung anhand der Bindungserfahrung, die ein Kind in der Beziehung zu seinen Eltern macht. Das Erreichen der Entwicklungsziele wird anhand einer Entwicklungslinie von guter Bindungserfahrung ermöglicht. Die Aufgabe der Eltern besteht nun darin, die entsprechenden Bindungsbedürfnisse der Kinder  positiv zu beantworten. Gleichzeitig stellte aber Neufeld fest, dass durch die Intensivierung der Bindung sich die Verletzlichkeit des Kindes und späteren Erwachsenen vergrössert. Durch Bindung öffnen wir uns dem anderen und gehen das Risiko seelischer Verletzungen ein. Eine gute Bindungserfahrung ist eben deshalb so wichtig, weil diese quasi wie ein seelisches Immunsystem wirkt und uns hilft, Verletzungen aufzufangen und zu verarbeiten. Im Folgenden möchte ich die Entwicklungslinie der Bindung genauer beschreiben. Neufeld beschreibt im Gegensatz zu vielen anderen Entwicklungspsychologen die psychische Entwicklung anhand von Bindungserfahrungen, die von einer sensitiven Nähe immer mehr zu einer tiefen Beziehungsstruktur sich hin entwickeln. So wird jede Entwicklungsphase durch eine spezifische Bindungserfahrung beschrieben.

Die einzelnen Etappen der Bindungserfahrungen:

  • Bindung über Körperkontakt: Für den Säugling ist es vor allem wichtig, sich sicher und geborgen zu fühlen. Durch einen sensitiven Körperkontakt erlebt der Säugling Wärme und Zuwendung, die ihm das Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Bowlby spricht hier vom sicheren Hafen, den der Säugling spüren muss.

  • Bindung über Gleichheit: In der Entwicklungspsychologie spricht man vom Entwicklungsschritt der Intersubjektivität. Der Säugling, der jetzt ein Kleinkind ist, braucht nicht mehr nur die unmittelbare sensitive Nähe zur Mutter, sondern es entstehen die ersten Schritte zur Beziehung Ich und Du. Die Bindung erhält dadurch eine andere Qualität. Durch Bindung entsteht gelebte Gemeinsamkeit in der Beziehung. Drei wesentliche Erfahrungen werden in dieser intersubjektiven Phase gemacht:
  1. Gemeinsames Interesse auf ein äusseres Objekt: Das Kleinkind mit etwa 10 Monaten beginnt mit dem Finger auf ein Objekt ausserhalb von Mutter und Kind zu zeigen. Dabei schaut es die Mutter an und fordert sie auf, mit ihm das Interesse an diesem Objekt zu teilen. Es ist eine Aufforderung zur geteilten Aufmerksamkeit. Wir können diesen Entwicklungsschritt nicht genügend würdigen. Das Kind nimmt nun Bindung mit der Mutter auf, indem es die Mutter auffordert, sich dem Interesse des Kindes anzuschliessen. Das Kind macht die nachhaltige Erfahrung, dass es in der Lage ist, andere Menschen für seine Interessen zu interessieren und damit Einfluss gewinnt auf das Verhalten anderer Menschen. Dies sind die Grundmuster menschlicher Kommunikation.
  2. Absichern durch Blickkontakt: Das Kleinkind beginnt sich durch seine neu gewonnene Bewegungsfreiheit von der Mutter zu lösen. Um aber sicher zu sein, dass es sich nicht gefährdet, versichert es sich durch Blickkontakt mit der Mutter, ob es den Schritt in die Ablösung wagen soll. Beantwortet die Mutter die Absicht des Kleinkindes mit einem aufmunternden Blick, dann wagt das Kind den Schritt in die Autonomie, zeigt die Mutter einen ängstlichen Blick, dann zieht sich das Kind zurück. Sicherlich, das Kleinkind lernt durch diese Erfahrungen, Gefahren einzuschätzen, aber es kann auch in seinem Bemühen nach Autonomie zurückgebunden werden.
  3. Erleben von gemeinsamen Gefühlen: Ist das Kind traurig, dann hat es das Bedürfnis, dass die Mutter mit ihm fühlt. Das Kleinkind lernt, Gefühle mit einem anderen zu teilen und gemeinsam zu fühlen. Es erlebt, dass die Mutter an seinem Gefühlsleben Anteil nimmt. Das Kind fordert im Sinne von Bindungsverhalten das Mitgefühl der Mutter an seinen Gefühlen.
  • Bindung über Loyalität und Zugehörigkeit: Ab drei Jahren merkt das Kind immer mehr, dass es anders ist als alle anderen. Es merkt, dass es eigene Gefühle, Gedanken und Sichtweisen hat, die nicht mit der Perspektive des anderen übereinstimmen. Man ist heute der Meinung, dass diese Entdeckung des Kindes auch eine grosse Motivation darstellt, Sprache zu erwerben. Peter Fonagy, ein bekannter Entwicklungspsychologe, beschrieb dieses Phänomen in seiner theory of mind. Spracherwerb ist eine neue Form, die Bindung zu den Eltern zu vertiefen. Kommunikation ist nun das Medium, um die Bindung nicht mehr nur aufrecht zu erhalten, sie wird vertieft. Das Kind beginnt, über Lernen am Modell, sich soziale Kompetenzen anzueignen, um nicht isoliert zu sein. Es will dazugehören und wird motiviert, sich sozial zu verhalten. Hier spielen die Eltern eine grosse Rolle als Vorbild. Über die Spiegelneuronen kann das Kind  das soziale Verhalten der Eltern beobachten und über Identifikation als Handlungssequenz verinnerlichen.
  • Bindung über Wertschätzung: Mit etwa vier bis fünf Jahren melden sich bei einem Kind die ganz natürlichen narzisstischen Bedürfnisse. Das Kind will in seiner einzigartigen Besonderheit wert geschätzt werden.  Es will bewundert und aktiv geliebt werden. Es will Aufmerksamkeit erhalten und in seiner Persönlichkeit wert geschätzt werden. Es will ermuntert werden und will spüren, dass man an seine Möglichkeiten glaubt und ihm auch etwas zutraut. Wie schon in meinem Blog über den natürlichen Narzissmus habe ich beschrieben, wie diese Wertschätzung die Grundlage einer sicheren Selbstentwicklung ist. Durch diese Bindungserfahrung in der Beziehung wird das Kind in seiner Persönlichkeit gestärkt. Weiter erhält es die Möglichkeit, auch mit Ablehnung, mit narzisstischer Verletzung umzugehen. Durch die Bindung durch Wertschätzung entwickelt sich ein gesundes Selbstwertgefühl.
  • Bindung über Liebe: Eine weitere Stufe der Bindungsentwicklung ist die Liebesfähigkeit. Wenn ich selber spüre, dass ich wert geschätzt wurde, kann ich diese Wertschätzung auch zurückgeben. Ich werde fähig, ab etwa fünf Jahren, Gefühle der Zuneigung, eben Liebe, mit meinen Bezugspersonen auszutauschen. Diese Liebesfähigkeit bewahrt das Kind auch davor, Trennungen von den Eltern besser auszuhalten, denn durch die Liebeszuwendung ist die getrennte Person trotzdem präsent. Die Beziehung ist in meinem Gedächtnis allzeit gegenwärtig und die dazugehörenden Liebesgefühle ebenfalls.
  • Bindung über Vertrautheit: Hier kommt das berühmte Sprichwort zum Zuge:“Man versteht sich blind.“ Ich würde sagen, dass das Kind und auch später der Erwachsene den anderen als eine Art Teil von sich selbst erleben. Der andere ist nicht nur real präsent, sondern auch in der Vorstellung. Ich muss vor allem keine Angst haben, dass der andere mir weh machen würde. Vertrautheit ist auch eine Art Sicherheit, dass der andere mich sensibel behandelt und mich nicht verletzt. Leider ist es so, dass es eine lange Zeit braucht, diese Vertrautheit aufzubauen und diese aber sehr schnell durch Fehlverhalten zerstört werden kann.

b. Das Konzept der Verletzlichkeit

Je mehr ich zu einem Menschen Nähe aufnehme, setze ich mich paradoxerweise auch immer mehr einer seelischen Verletzung aus. Da aber die Bindung meine psychische Lebensgrundlage darstellt, muss ich dieses Risiko auf mich nehmen. Deshalb ist es wichtig, dass das Kind nicht nur vor Verletzungen geschützt wird, sondern auch wichtige Erfahrungen in der Beziehung zu seinen Eltern macht, wie es gesund mit Verletzungen umgehen kann. Am Anfang sind die Eltern dafür verantwortlich und sollten quasi dem Kind Anleitungen geben, seelische Verletzungen zu verarbeiten. In der klassischen Entwicklungspsychologie beschreibt man diesen Vorgang als Regulation von Gefühlen. Diese emotionale Kompetenz beinhaltet neben der Regulation von Gefühlen auch die Resilienz von Gefühlen. Einerseits geht es darum, dass Gefühle den Realitäten gegenüber adaptiert werden. Weiter geht es bei der Resilienz darum, dass der Mensch fähig wird, auch unangenehme Gefühle auszuhalten, vor allem wenn er mit Realitäten konfrontiert wird, wenn er an der Umweltsituation nichts ändern kann. Die Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit, mit Enttäuschungen realitätsgerecht und kompetent umzugehen. Ich stehe wieder auf und verzweifle nicht an meinem Schicksal.

Wird ein Kind emotional verletzt, dann zieht es sich zurück, es verdrängt. Dies ist ein natürlicher Vorgang, um sich vor weiteren Verletzungen zu schützen. Dieses Vermeidungsverhalten kann aber, wenn es über einen zu langen Zeitraum aufrecht erhalten wird, das Kind an weiteren Entwicklungsschritten gravierend hemmen. Neufeld beschreibt drei Schritte kindlicher Vermeidungsverhaltens: Er nennt dies Panzerung. Dieses Verhalten unterbricht die Entwicklungslinie der Vertiefung von Bindung. Wie sieht eine häufige seelische Verletzung eigentlich aus? Meistens ist es ein liebloses, unverständliches, ablehnendes, ja auch quälendes Verhalten der Eltern. Die subjektive Erlebniswelt des Kindes wird schlichtweg ignoriert. Folgende Phasen der Panzerung nach Neufeld kommen zum Zuge:

  • Betäuben der Gefühle: Die schmerzhaften Gefühle werden quasi in Watte gepackt.
  • Ausblenden der unangenehmen Gefühle: Das Kind ist gezwungen, seine verletzten Gefühle abzuspalten. Man nennt diesen Vorgang Dissoziation. Oben habe ich beschrieben, dass die Fähigkeit zur Integration ein wichtiges Reifeziel ist. Durch die Abspaltung der Gefühle wird die Entwicklung der Integration erheblich beeinträchtigt. Die Gefahr besteht nun, dass das Kind diese verletzten Gefühle, die abgespalten sind, unkontrolliert oft als Aggression ausagiert.
  • Abwehr jeglicher Bindung: Das Kind zieht sich zurück und entwickelt einen unsicheren Bindungsstil. Jedes Bedürfnis nach Bindung wird abgewehrt und damit die Entwicklung schwerwiegend gefährdet. Würdigt man den Neufeld-Ansatz gebührend, dann bedeutet das für die psychische Entwicklung eine Katastrophe. Das Kind befindet sich in der Vermeidungsfalle und schneidet sich jegliche Chance auf Entwicklung ab. Die psychische Entwicklung wird unterbrochen und die Türe steht für psychische Störungen weit offen.

Neufeld beschreibt dieses Vermeiden als eine Panzerung. Es ist genau das Gegenteil von Bindungsverhalten.

c. Das Konzept der Abhängigkeit:

Am Anfang des Lebens ist der Säugling abhängig von seiner primären Bezugsperson. Diese muss seinen Bindungsbedürfnissen entgegenkommen und diese befriedigen. Nur in dieser Abhängigkeit findet der Säugling Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit. Schon Winnicott hatte vor 70 Jahren in seinen Werken beschrieben, dass der Säugling intrinsisch motiviert (aus sich selbst heraus) nach Unabhängigkeit strebt. Wir müssen ein Kind nicht zwingen, autonom zu werden, sondern dieses Bedürfnis ist anlagebedingt vorhanden. Die erste Ablösung von der Mutter beschrieb Winnicott als Übergangsphänomene und im Konzept des Übergangsobjektes. Er bezeichnete den Teddybär des Kindes als ersten Nicht-Ich Besitz. Das Kind geht eine innige Bindung zum Teddy ein.

Zuerst aber muss der Säugling diese Geborgenheit der Abhängigkeit genügend geniessen dürfen, bis ein Sättigungsgrad eintritt. Der Teddy soll nicht Ersatz für die Mutter sein, sondern ist eine Möglichkeit, einen Schritt zur Autonomie hin zu machen. Am Anfang ist die Beziehung zur primären Bezugsperson dual, also auf eine einzige Person gerichtet. Durch Bindungsverhalten motiviert der Säugling die Mutter, sich in der Beschützerrolle zurechtzufinden. Sie übernimmt eine sogenannte Alpha-Position, denn sie übernimmt eine Verantwortung, die für den Säugling existenziell ist.

In alten Erziehungsratgebern wird genau dieses Bedürfnis des Säuglings nach Geborgenheit und Abhängigkeit als grösste Gefahr für die Entwicklung des Kindes beschrieben. Die Vorzeigeerziehungsexpertin der Nazis, Johanna Haarer, die auch bis in die Achtziger Jahre noch anerkannt war, riet den Müttern dringest, die Kinder ja nie zu herzen, weil sie dann verdorben würden. Frau Haarer war verantwortlich dafür, dass die Kinder im Sinne der Nazis zu Gefühlspanzer erzogen wurden. Ihre Bücher erreichten damals und bis heute eine Auflage von mehr als einer Million Exemplare.

4. Die Überwindung der "Schwarzen Pädagogik"

  • Die Bedeutung von Bindungsverhalten:

Jedes Kind hat angebore  Verhaltensweise in sich, mit seiner primären Bezugsperson nach der Geburt eine Bindung einzugehen. Von der Natur ist der Säugling mit Verhaltensmustern ausgestattet, die die Mutter motivieren, auf die Bindungsbedürfnisse des Kindes einzugehen. Es ist die Leistung des Kindes, das eine Bindung zu Stande kommt. Es ist aber absolut davon abhängig, ob die Mutter auf diese Bedürfnisse eingeht. In den meisten Fälle ist das aber der Fall. Bindungsverhalten zeigt der Säugling nach der Installation der Bindungsbeziehung nur dann, wenn er sich unsicher fühlt und das Gefühl empfindet, dass die Bindung gefährdet ist. Es ist ein Wunder der Natur, wie der Säugling schon mit Verhaltensmuster angeboren ausgerüstet ist, sich um eine gute Bindung zu kümmern. Aktiv achtet der Säugling darauf, dass die Bindung funktioniert. Wir Eltern sind dafür verantwortlich, eben durch Feinfühligkeit die Bindungsaktivität des Säuglings sensibel zu befriedigen.

Besonders bei Trennungen wird Bindungsverhalten aktiviert. Jede Trennung löst Alarm aus und es ist nötig, das Kind zu beruhigen. Nach dem Alarm wird Bindungsenergie eingesetzt, um die Trennung rückgängig zu machen. Es wird Nähe aufgenommen. Wird diese Bemühung um das Wiederherstellen der Bindung nicht erfüllt, dann treten Gefühle der Frustration ein. Diese Gefühle müssen, wie oben abgespalten werden und treten später in Form von freischwebender Aggression auf. Häufen sich solche Erfahrungen, entwickelt das Kind einen unsicheren Bindungsstil und vermeidet jegliche Bindung und ist wiederum von einer gesunden psychischen Entwicklung abgeschnitten.

 

  • Der dreigleisige Neufeld-Ansatz: Die Benutzung der Landkarte

Durch das Wissen, das wir durch den Überblick über die Landkarte erworben haben, lassen sich drei verschiedene Verantwortungsbereiche in der Fürsorge für den Säugling und später für das Kind ableiten:(zit. nach Dagmar Neubronner: Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder).

  • Wir müssen vor allem die Bindung aufbauen, bzw. pflegen und vertiefen. Denn eine Bindung, in der sich das Kind bei uns geborgen fühlt, ist die entscheidende Grundlage, ohne die alles andere nicht fruchten kann.
  • Wir müssen die Unreife des Kindes kompensieren, also dafür sorgen, dass sein unreifes Verhalten dem Kinde so wenig wie möglich im Wege steht. Dies gilt in jedem Fall.
  • Unser Hauptziel besteht darin, die Reifewerdung des Kindes zu ermöglichen und zu fördern und eventuelle entstandene Entwicklungshindernisse aus dem Weg zu räumen. Dafür muss das Kind die Möglichkeit haben, abhängig und hilfsbedürftig sein zu dürfen, und es darf nicht mehr Trennung erfahren, als es aushalten kann. Sonst müsste es gegen die damit verbundene Verletzlichkeit panzern.

 

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