Muss man alles im Leben alleine bewältigen?

In unserer individualistischen Gesellschaft werden wir immer mehr mit Anforderungen konfrontiert, mit denen wir nicht mehr fertig werden. So verlangt man von uns, dass wir einen bestimmten Lebensstil führen, dass wir unsere Leistungen ohne Schwierigkeiten meistern. Wir müssen unbedingt produktiv sein, wir müssen auf der Klaviatur der sozialen Kompetenz virtuos spielen können, wir müssen ein genügend soziales Netzwerk zur Verfügung haben, wir müssen vorbildliche Beziehungen führen, wir dürfen keine Versager sein.

Weiter machen wir oft die Erfahrung, dass unsere eigentliche Leistung nicht mehr zählt. Wir müssen uns verkaufen, wir müssen uns durchsetzen, wir müssen uns überall positionieren. Jeder könnte unser Feind sein, wenn wir Schwächen zeigen, denn dann müssen wir Angst haben, gar von der Bildfläche zu verschwinden.

Oft wagen wir es gar nicht, mit jemandem über diese gesellschaftlichen Belastungen zu reden. Wir behalten alles für uns und glauben, ohne menschliche Unterstützung unsere Schwierigkeiten bewältigen zu können.

In solchen Momenten sind wir uns gar nicht bewusst, welches gefährliche Spiel wir mit unserer Gesundheit treiben und werden auch oft durch körperliche Symptome und Krankheiten gehindert, wie gewohnt weiter zu leben.

Ich arbeite seit 38 Jahren als Psychotherapeut in eigener Praxis und stelle immer öfter fest, wie sehr sich mein Arbeitsfeld aufgrund der oben angeführten Herausforderungen verändert hat. Die oben beschriebenen Menschen leiden nicht unbedingt unter einer psychischen Störung, sondern stecken in einer Lebenskrise, weil ihnen die nötige psychische Infrastruktur fehlt, mit solchen Belastungen kompetent umzugehen.

Menschen in diesen Belangen weiterzubilden, stellt für mich eine grosse Genugtuung dar. Ich begleite meine Klienten, damit sie sich wieder eigenständig den immer noch anstrengenden Lebensbedingungen stellen und sich im Leben wieder behaupten können.

„Der Zug, der ins Stocken geraten ist, bewegt sich wieder in die gewünschte Richtung“.

Ihr Martin Miller