Wie Opfer zu Täter werden – Die Weitergabe von Kriegtraumatas auf die eigenen Kinder

1. Einleitung

Immer noch leiden wir auf dieser Welt unter den Folgen vergangener Kriege und neue kommen dazu. Vor allem die psychischen Folgen werden weiterhin ausgeblendet und tabuisiert. Vor allem die Überlebenden des Holocausts überlebten unter den schlimmsten Bedingungen und es gelang niemandem, die schrecklichen Erfahrungen zu vergessen und nach dem Überleben wieder zu einem normalen Leben zurück zu finden. In verschiedenster Art haben die Opfer des Holocausts meistens ihre traumatischen Erfahrungen an die nächste Generation weiter gegeben. Wenn man sich mit diesen Verhaltensweisen als Betroffener dieser Generation kritisch auseinandersetzt, dann stößt man auf grossen Widerstand und wird heftig angegriffen. Als ich mein Buch über meine Mutter, die berühmte Kindheitsforscherin Alice Miller veröffentlichte, erhielt ich folgende Kritik aus der jüdischen Gemeinschaft: „Martin, Du hättest dieses Buch nie veröffentlichen dürfen. Denn alles, was Du erlebt hast, ist nichts im Vergleich, was Deine Mutter an Leid im Krieg erlebt hat. Du hattest nie das Recht, Dein Leid zu betonen, denn es ist direkt eine arrogante Anmaßung, Dein Leiden so klar zu artikulieren, weil es kein Leiden gibt.“ Ich war über diese Kritik einerseits sehr überrascht und auch verletzt, denn jeder Mensch, der eine traumatische Erfahrung gemacht hat, hat ein Recht, seine schlimmen Erfahrungen zu artikulieren und bei anderen Menschen Verständnis verdient. Viele Menschen leiden unter traumatischen Erfahrungen und schämen sich sogar, ihre Geschichte offen zu erzählen, weil sie Angst haben, nicht ernst genommen zu werden.
Im folgenden Text werde ich meine Erfahrungen mit der transgenerationalen Vererbung von Traumata beschreiben und möchte anderen Menschen Mut machen, selbstbewusster ihre Traumata ernst zu nehmen und aufzulösen. Leider hat da die klassische Psychotherapie noch sehr viel zu tun, um endlich in der Lage zu sein, Patienten mit traumatischen Erlebnissen professionell zu behandeln.

 

2. Das Erleben eines Traumas und seine verheerenden psychischen Konsequenzen

Jemand erleidet ein Trauma, eine psychische Verletzung, wenn sein Organismus nicht in der Lage ist, eine von aussen erlebte emotionale Belastung nicht integrieren zu können.
Der Unterschied zu einer physischen Verletzung besteht darin, dass der Körper in der Regel die Möglichkeiten hat, durch Selbstheilung die Wunde zu heilen. Bei einer psychischen Verletzung verfügen wir nicht über diese Selbstheilungskräfte. Bis vor Kurzem glaubte man noch gutgläubig, dass das Heilen eines Traumas von der subjektiven Resilienz, der psychischen Widerstandsfähigkeit eines Menschen abhängig ist. Man ging davon aus, dass es auch möglich wäre, dass Menschen in der Lage wären, ein Trauma durch Selbstheilung zu überwinden und zu verarbeiten. Bekanntlich heilt ja die Zeit Wunden.

Heute ist man eines besseren belehrt. Wir wissen, dass es Ereignisse gibt, die immer ein Trauma auslösen und dass diese verletzenden Erfahrungen so lange das Leben eines Menschen erheblich beeinträchtigen, bis das Trauma durch Hilfe von aussen aufgelöst wurde. Heute verfügen wir über das nötige Wissen, wie man Traumata therapeutisch behandeln kann, aber die Akzeptanz in der Gesellschaft lässt noch sehr zu wünschen übrig.
Wie geht eigentlich der Mensch mit seiner traumatischen Erfahrung in der Regel um? Das Opfer versucht mit allen Kräften, sein Trauma zu bewältigen. Das vorrangige Ziel der Bewältigung besteht darin, um jeden Preis das traumatische Erleben um jeden Preis ungeschehen zu machen. Dabei benutzt der Mensch Abwehrmechanismen, die sehr viel Energie kosten, sehr anstrengend und stressig sind. Der Mensch ist dann auch bereit, diesem Ziel sein ganzes Leben zu unterordnen. Er igelt sich total ein und vermeidet mit grosser Angst jede Wiederholung, sein Trauma wieder zu erleben.
Entweder entwickelt er psychische Störungen, wird krank und zieht sich zurück: Depression, Psychose oder auch Persönlichkeitsstörungen.
In einem anderen Fall kommt es aber auch oft vor, dass sich das Opfer mit dem Täter identifiziert. Die traumatische Opfererfahrung wird komplett abgespalten und man identifiziert sich mit dem Täter. Vor allem über Projektionen wird die Opfererfahrung auf andere Menschen projiziert oder direkt in Gewalt gegenüber anderen Menschen ausgelebt.

Menschen mit einer kriegstraumatischen Erfahrung übertragen auf ihre Kinder in verschiedenster Form ihre Opfererfahrung durch Projektion und geben dadurch ihre unverarbeitete Traumatisierung an die nächste Generation weiter.

  

3. Meine eigene traumatische Erfahrung – „Meine Verfolgung als Jude im arischen Teil Warschaus während des Krieges.“

Meine Mutter wurde in Piotrkow, südlich von Lodz in einer Kleinstadt geboren und wuchs dort auf. Sie stammte aus einer orthodoxen jüdischen Großfamilie und sie wohnten in einem grossen Haus in einer bevorzugten Gegend. Als die Deutschen Polen 1939 besetzten, errichteten sie in Piotrkow das erste Ghetto in Polen. Die ganze Familie meiner Mutter musste ihr Elternhaus aufgeben und ins Ghetto umziehen. Meine Mutter gründete mit ihrem älteren Freund mit 16 Jahren bereits ein Gymnasium im Untergrund für die jüdischen Schüler. Sofort schloss sie sich der Untergrundbewegung an und besorgte sich falsche Pässe. Von da an legte sie ihre jüdische Identität vollkommen ab und wurde Alice Rostovska, eine Polin. Mit diesen falschen Papieren zog sie nach Warschau und verdiente als Privatlehrerin von betuchten Polen ihr Geld. Nur zwei Tage vor der Deportation des Ghettos in Piotrkow gelang es ihr, ihre Mutter und Schwester mit falschen Papieren aus dem Ghetto zu befreien und sie flüchteten nach Warschau. Ihren Vater musste sie im Ghetto zurücklassen, weil er als orthodoxer Jude, der nur Jiddisch verstand und kein Polnisch sprach und wegen seines Aussehens außerhalb des Ghettos keine Überlebenschance gehabt hätte. Ihre Mutter und Schwester versteckte sie in einem katholischen Kloster in Warschau. Ihre Schwester überlebte, indem sie sich zum katholischen Glauben umtaufen liess, und ihre Mutter überlebte auf dem Lande. Meine Mutter begab sich in den Untergrund und unterrichtete selber polnische Schüler und wohnte versteckt in einer polnischen Schule im arischen Teil von Warschau. Sie ging mit ihrem damaligen Freund, mit dem sie das Gymnasium im Ghetto führte nach Warschau. Dort trennten sie sich aus Sicherheitsgründen.
Nun wurde ihr Freund Stefan plötzlich im arischen Teil Warschaus von einem polnischen Erpresser, der mit der Gestapo verbündet war, erpresst. In einem grossen Aufsatz schildert Jahrzehnte später Stefan seine Erfahrungen im Krieg. Er schildert seine Erlebnisse mit dem Erpresser und nennt diesen mit vollem Namen. Der Erpresser hiess Andreas Miller, gleich wie mein Vater. Sehr eindrücklich ist die Schilderung von Stefan, wie er alle seine Werte aufgab, um zu überleben. Er passte sich immer mehr dem Erpresser an und begann zu ihm eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen. Als ihm aber der Erpresser immer bedrohlicher zu nahe kam, drehte er den Spieß um und bedrohte diesen mit Freunden, die er im Untergrund kannte. Dabei rettete er sein Leben, indem er meine Mutter, seine Freundin. und alle seine Freunde im Untergrund verriet. Andreas liess von ihm ab und so wurde meine Mutter von Andreas Miller erpresst. Meine Mutter überlebte, indem sie mit Andreas kooperierte und sie ein Liebespaar wurden. Meine Mutter verriet sich einmal mir gegenüber, als sie erzählte, der polnische Erpresser hätte den gleichen Namen gehabt wie mein Vater. Heute weiss ich, dass der Erpresser tatsächlich mein Vater war. Meine Mutter flüchtete während des Warschauer Aufstandes mit ihrer Schwester über die Weichsel auf die russische Seite und kam auch von ihrem Erpresser los.
Nach dem Krieg wurde Polen sofort kommunistisch und die Partei wurde mit Leuten besetzt, die alle glühende Anhänger von Stalin waren. Stalin verfolgte nach dem Krieg alle Juden und so wurden auch die übrigen Juden in Polen wieder verfolgt und umgebracht. Meine Mutter studierte zuerst in Krakau, dann aber zog sie nach Lodz, wo bereits Andreas Miller als Student eingeschrieben war. Er traf dort meine Mutter und sie wurden wieder ein Liebespaar. So wurde mein Vater Andreas Miller vom verfolgenden Erpresser aus „Liebe“ der Retter meiner Mutter. Er organisierte 1946 für sich und meine Mutter ein Stipendium an die Universität Basel in der Schweiz. Meine Eltern verließen Ende 1946 zusammen Polen für immer und zogen in die Schweiz. Sie studierten in Basel und schlossen mit der Promotion ab. Beide studierten Philosophie. Mein Vater spezialisierte sich als Soziologe, meine Mutter wurde Psychologin. Dort heirateten sie und so wurde ich 1950 geboren.
Von Anfang an war ich für meinen Vater als Jude ein Dorn im Auge. Denn wenn die Mutter Jüdin ist, dann ist der Nachkomme automatisch auch Für ihn war es unzumutbar, als überzeugter Antisemit und ehemaliger Nazi, einen jüdischen Sohn gezeugt zu haben. So zwang er meine Mutter, mich nach der Geburt an eine fremde Person abzugeben, in der Hoffnung, dass ich sterben würde. Gott sei Dank wurde ich aber von meiner Tante, die mit ihrer Tochter und ihrem Mann ebenfalls aus Polen als Flüchtlinge in die Schweiz ausgewandert waren, gerettet. Die Tante meiner Mutter sorgte sich die ersten sieben Monate für mich und ihre Tochter Irenka, meine Cousine, gab mir auch die optimale Fürsorge, die ich als Kleinkind eben brauchte. Hätte ich diese Bindungserfahrung nicht gemacht, wäre ich bestimmt nachher gestorben oder mein Leben hätte einen katastrophalen Verlauf genommen. Meine Mutter holte mich nach sieben Monaten zu sich zurück und ich geriet regelrecht in die Kriegshölle.
Zuerst entwickelte ich ein schlimmes Trennungstrauma. Irenka, meine Cousine, die mich als Säugling betreute, erzählte mir, dass meine Eltern in den ersten sieben Monaten zwar die Tante besuchten, sich aber um mich nicht kümmerten. So entwickelte ich eine starke Bindung an Irenka und ihre Mutter. Die Trennung bedeutete für mich deshalb auch ein Trauma, weil mir meine eigene Mutter fremd war und dieses Fremdsein meiner Mutter gegenüber blieb bis zu ihrem Tode erhalten.
Als ich begaann zu sprechen, wollte meine mUtter mir Polnisch beibringen, denn das war meine eigentliche Muttersprache. Mein Vater verhinderte mit allen mitteln, dass ich Polnisch lernen durfte. Später hörte ich die Ausreden meiner Eltern: “Wir wollten aus Dir einen guten Schweizer machen. Und übrigens viele Leute meinten, dass es für Deine geistige Entwicklung schlecht wäre, wenn Du zwei Sprachen lernen würdest.“

Später wurde meine Traumatisierung immer mehr verstärkt. So sprachen meine Eltern in meiner Gegenwart immer Polnisch miteinander. Ich sollte nie verstehen, was sie sprachen. Ich fühlte mich total ausgeschlossen. Als ich Jahrzehnte später die wahre Kriegsgeschichte meiner Eltern herausfand, verstand ich viel mehr. Orthodoxe Juden sprachen damals in Polen nie Polnisch, sondern jiddisch. Jiddisch tönt sehr ähnlich wie der Schweizer Dialekt. Weiter wurde ich von meinem Vater bei jeder Gelegenheit gedemütigt, verachtet und erniedrigt. Auch schlug er mich regelmäßig heftigst. Meistens ohne Grund, aus heiterem Himmel. Heute weiss ich, dass ich der verfolgte Jude wurde, der im aarischen Teil von Warschau vom Erpresser Andreas Miller verfolgt wurde. Meine Mutter sass jeweils daneben und starrte schweigend mit angsterfüllten Augen vor sich hin und beschützte mich nie. Heute weiss ich, dass ich unschuldig in das gleiche Geschehen wie im zweiten Weltkrieg hineingeraten bin. Meine Mutter hatte auch grosse Angst, mich mit der Kultur des Judentums bekannt zu machen. Ich musste katholisch werden. Durch meine Rolle in der Familie konnte meine Mutter wieder wie im Krieg überleben und auf mich wurde die schreckliche Beziehung meiner Eltern projiziert. Ich wurde der verfolgte Jude im zweiten Weltkrieg in Warschau. Meine Mutter wurde gezwungen, mich zu einer fremden Person zu bringen. Mein Vater hoffte, dass ich die Trennung nicht überleben würde. Ich wurde aber durch die Tante meiner Mutter, die auch in Zürich wohnte gerettet und verbrachte die ersten sieben Monaten bei meiner Tante und ihrer Familie. Dann wurde ich von meiner Mutter wieder nach Hause genommen. Ich habe nie mehr eine enge emotionale Beziehung zu meiner Mutter entwickeln können. Schon bald begann mein frustrierter Vater mich zu quälen. Er schlug mich Jahre lang aus unerfindlichen Gründen halb zu Tode und demütigte mich bei jeder Gelegenheit. Die Schläge waren das Schlimmste, was ich erlebte. Aus heiterem Himmel explodierte mein Vater und schlug blindwütig zu. Traumatisch sind solche Erfahrungen deshalb, weil man als Kind überhaupt nicht versteht, warum der eigene Vater so brutal und gewalttätig auf einen losgeht und immer ist es überraschend. Weiter kommt die schlimme Situation dazu, dass man so einer Person hilflos ausgeliefert ist. Man überlegt sich dann dauernd, was man alles unternehmen könnte, um diesem Gewaltgewitter auszuweichen, aber es ist sinnlos. Meine Mutter schaute verängstig jeweils diesem Treiben zu und schützte mich nie vor diesem Monster. Später brandmarkte sie als berühmte Autorin und Kindheitsforscherin Alice Miller ein solches elterliches Verhalten als Verbrechen. Weiter bin ich dann darauf gekommen, dass ich der Jude wurde in der Familie, als meine Eltern sich weigerten, mir meine Muttersprache Polnisch beizubringen. Ich sass jeweils am Tisch und beide redeten miteinander Polnisch und ich wurde ausgeschlossen, weil ich kein Wort verstand. Ich redete Schweizerdeutsch, ein Dialekt der dem Jiddischen sehr glich. Orthodoxe Juden sprachen damals in Polen kein Polnisch. Sie waren gesellschaftlich ausgeschlossen.
Erst heute bin ich in der Lage, meine Geschichte genau zu kennen. Ich bin heute sehr entsetzt darüber, wie ich von meinen Eltern in jeder Hinsicht angelogen wurde. Sie haben gelogen und nie über ihre Erfahrungen während d es Krieges berichtet.
Ich wurde das Opfer einer transgenerationalen traumatischen Vererbung durch meine Eltern.

  

4. Kann man als Opfer einer solchen traumatischen Erfahrung das erlittene Trauma auflösen und verarbeiten?

Es gibt verschiedene Methoden in der aktuellen Psychotherapie, wie man ein Trauma verarbeiten kann. Ich habe persönlich und in meiner langjährigen Praxis die Erfahrung gemacht, dass ein Trauma nur verarbeitet werden kann, wenn das erfahrene Trauma in ein Narrativ transformiert wird, das in meine Lebensgeschichte, als zwar schwer wiegende Erfahrung, integriert wird.
Es ist auf den ersten Blick absurd, denn ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Emotionen. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die mit einer Legitimität versehen sind.(Def. aus Wikipedia) Die Erfahrung eines Traumas ist nie sinnstiftend und immer pervers und verwerflich. Trotzdem hilft uns das Narrativ, unsere traumatische Erfahrung zu verarbeiten. Denn ich kann im Narrativ mein subjektives Erleben klar als meine ureigenste Erfahrung berechtigen. Dadurch wird es mir möglich, mit meinem verletzenden, sinnlosen Erlebnis fertig zu werden. Ich kann ohne Angst darüber sprechen und ich muss vor allem die gestörten Verdrängungen des Traumas nicht mehr aufrecht erhalten. Ich muss nicht mehr doppelt leiden, denn sowohl das Trauma selbst belastet mich immer noch, aber zusätzlich bin ich nicht mehr gezwungen, gegen das Erlebte anzukämpfen mit den bekannten psychischen Nebenwirkungen, die mein ganzes Leben einschränken und zur Hölle machen. Ich muss mich auch nicht mehr mit dem Täter identifizieren und andere Menschen traumatisieren, damit ich mein eigenes Trauma abspalten kann.
Auch wenn ich mein Trauma verarbeitet habe, ein fröhlicher Mensch werde ich nie mehr. Ich werde auch durch weitere Lebenserfahrungen immer wieder an mein Trauma erinnert, aber ich weiss durch die Aufarbeitung, dass ich damit umgehen kann.
Wer ein Trauma erlebt hat, es bleibt eine Narbe, die immer wieder sich bemerkbar macht. Dank meines Wissens und meiner Erfahrung in der Therapie weiss ich, wie ich mit den unangenehmen Erinnerungen konstruktiv umgehen muss.
Meine traumatischen Erfahrungen werden zur Vergangenheit und beherrschen nicht mehr die Gegenwart.
Daniel Stern beschrieb eine traumatische Erfahrungen folgendermassen:“ Wer ein Trauma erlebt, der ist in der Gegenwart gefangen.“

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Das Kind im Erwachsenen

1. Die Idealisierung kindlichen Verhaltens

Ob prominent oder ganz gewöhnlich, immer wieder hören wir das stolze Eigenlob: „Ich bin so stolz auf mich, dass ich noch Kind geblieben bin. Ich bin so glücklich, wenn ich meine kindliche Seite in mir anderen gegenüber zum Ausdruck bringen kann. Ich fühle mich dann frei und niemand kann mich dabei stören. Ich bin dann ungebunden und an keine dieser blöden Erwachsenenregeln gebunden.“
Viele verwechseln kindliches Verhalten anderen gegenüber mit dem Ausleben seiner kindlichen Seite, die er einmal vor Jahren gelebt hat. Das Kindliche in uns ist tatsächlich unsere Lebendigkeit, aber diese Lebendigkeit ist ein Potential und Quelle unseres Lebens und nicht eine reale Persönlichkeit, die wahllos und verantwortungslos seine Bedürfnisse rücksichtslos ausleben darf. Wir können die Entwicklung der Zeit nicht aufhalten. Es ist ein Naturgesetz, dass wir erwachsen werden und für Erwachsene gelten nun andere soziale Regeln als für Kinder.
Es ist nicht nur ein kindisches Verhalten, mit dem wir immer mehr konfrontiert werden, sondern heute identifizieren sich viele Menschen mit dem Kind von früher und leben diese Charakterzüge hemmungslos aus.
Besonders anziehend ist dabei das Ausleben dieser Kindrolle mit dem unendlichen Gefühl von Freiheit und einem Gefühl, für sein Verhalten nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. Ich bin ja in dem Moment das Kind von früher und Kindern gegenüber hat man als Erwachsener viel mehr Verständnis, wenn ein Kind unvernünftig sich aufführt.
Verhält sich jemand in dieser Art, dann sind die destruktiven Schäden für die Allgemeinheit mal schlimmer oder witzig, aber selten lebensgefährlich. Wenn aber Diktatoren oder auch gewählte Politiker in eine solche Verhaltensweise hineingleiten, dann kann es lebensgefährlich werden. Je mehr Macht eine solche Person auf sich vereinigt, umso gefährlicher wird dieses Verhalten.
In meinem ersten Artikel über Donald Trump habe ich ausführlich seine Biographie beschrieben. Besonders auffällig an seiner Biographie ist der Umstand, dass Donald Trump nie die Möglichkeit erhielt, aus sich selbst heraus sich zu entwickeln. Er ist ein perfektes fremdbestimmtes Produkt. Bekomme ich während meiner psychischen Entwicklung die Gelegenheit, auch aus mir selbst heraus mein Potential, meine genetisch angelegten Möglichkeiten zu entwickeln, dann entwickle ich ein Selbst. Ich weiss, wer ich bin und bin auch je nach Erfahrung mehr oder weniger in der Lage, mein Handeln zu reflektieren. Wenn ich keine Vorstellung von mir als Person machen kann, dann weiss ich nicht, wer ich bin, ich weiss vor allem nicht, was ich eigentlich mache, es macht mit mir. Die einzigen Wegweiser meines Handelns sind die Einflüsse der Erwachsenen von aussen, nichts ist von mir eigen, alles fremd, hat mit mir nie etwas zu tun, dann bin ich auch für nichts verantwortlich.
Donald Trump stieg in die Fußstapfen seines Vaters als Baulöwe in New York. Seine Art, Geschäfte zu machen, war eine Mischung aus Vorbildern, die er einfach zu einer Dealermethode zusammenzimmerte. Besonders zeigte ich auf, wie Trump eine innere Persönlichkeitsentwicklung durchlaufen hat, die praktisch nur durch äußere Einflüsse nicht zu einem organismischen psychischen System gewachsen ist, sondern willkürlich ohne System zusammengepappt wurde. So ein psychisches Selbst verfügt dann nicht über die nötige soziale Infrastruktur, die es braucht, um sich in einem sozialen System sozial zu verhalten. Bei Trump sind nun äussere Entwicklungen und gesellschaftliche Konstellationen entstanden, die in der Mischung mit einer seiner Persönlichkeit zufälligerweise eine brandgefährliche Gefahr für die Welt darstellen. Die letzten Monate, seit Trump im Amt ist, ist er nicht ein einziges Mal den gängigen Erwartungen gegenüber seinem Verhalten, den Regeln, die eine solche Person als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika befolgen sollte, gerecht geworden. Sein infantiles Verhalten hat bereits eine musterhafte Konsequenz erreicht, dass wir eigentlich alle nicht mehr überrascht sein sollten, aber wir alle erschrecken und schreien hysterisch, wie wenn wir zum ersten Mal mit diesen psychotischen Verhaltensweisen konfrontiert werden. Immer noch wollen wir alle wahrhaben, dass Trump sich so verhält, wie er psychisch sich entwickelt hat. Es hat bereits tragische Züge, wenn bei einem G7 Gipfel der Rest der sogenannten Mächtigen entgeistert am Tisch mit Donald Trump sitzen und es allen die Sprache verschlägt. In der Gegenwart von Trump hat niemand sich herabgelassen, mit ihm nur ein vernünftiges Wort zu reden, denn man wollte sich in aller Öffentlichkeit blamieren. Interessant war, dass Trump einerseits isoliert dastand und andererseits die ganze Szenerie total ausgefüllt und beherrscht hat. Er hat gar nichts dazu aktiv beigetragen, dass so eine Konstellation entstand, denn er hat sich in dem Moment so konsequent infantil benommen, dass es den anderen die Sprache verschlagen hat. Auch sah man es den Teilnehmern an, dass sie es immer noch nicht glauben wollten, dass sie es mit einer Person zu tun haben, mit der sie nie gerechnet hätten.

Ich möchte im Folgenden kurz auf die Theorie von Nassim Taleb eingehen. Taleb ist Kognitionsforscher und Statistiker. Er hat Jahrelang in der Finanzbranche sich mit Risikoabwägungen beschäftigt. Nach der grossen Finanzkrise machte er sich generell Überlegungen, wie es soweit hat kommen können.

 

2. Das Phänomen des schwarzen Schwans

Talibs Grundthese lautet: Wieso prognostiziert der Mensch Ereignisse in der Zukunft immer von einer gewohnheitsmäßigen Durchschnittserwartung aus? Alle Ereignisse werden wie zwanghaft immer einer Durchschnittserwartung zugeordnet und man bleibt stur bei dieser Annahme. Taleb unterstellt den Menschen eine zwanghafte Verhaltensweise, immer den einfachsten Weg zu gehen. Man glaubt, auf diese Art sich sicher zu fühlen und alle anderen denken doch auch so. Wer sich nicht an diese Art des Denkens hält, wird ausgelacht oder ausgestoßen. Mit dem will man nichts zu tun haben. Taleb behauptet nicht, dass der Mensch deswegen keine Risikoabwägung vornimmt, aber er meint, die Art und Weise, wie er seine Risiken im Leben beurteilt, entspricht seinem durchschnittlichen, phlegmatischen Verhalten. Er meint, das Hirn bleibe solange bei einer Verhaltensweise, bis es tatsächlich gezwungen wird, umzudenken. So schlug Taleb vor, dass der Mensch bei einer Risikoabwägung auch endlich lernen muss, das Undenkbare zu denken

Wollen wir überleben, dann müssen wir unsere phlegmatische Denkweise sehr schnell aufgeben. Wir müssen uns von der simplen, schludrigen und bequemen Verweigerung verabschieden, wie lebensmüde Gesellen den Weg des geringsten Widerstandes einzuschlagen. Wir müssen das Wagnis eingehen, Szenarien zu denken, die Arbeit, Leid und Schmerzen für uns bereithalten, aber die Wahrscheinlichkeit aufrechterhalten, dass wir überleben.
Er wählt dafür das Bild des Schwans. Jahrhunderte lang glaubten wir, dass es nur weiße Schwäne gibt, bis wir zum ersten Mal einen schwarzen Schwan gesehen haben. Das Undenkbare denken heißt, den schwarzen Schwan bei jeder Risikoabwägung mitzudenken. Ich möchte im Folgenden genauer beschreiben, wie Donald Trump nun sich als Präsident als schwarzer Schwan entpuppt und wie die Allgemeinheit nichts Besseres zu tun hatte, zwanghaft den schwarzen Schwan in einen weißen Schwan zu verwandeln. Nun müssen wir den schwarzen Schwan zur Kenntnis nehmen und lernen, damit umzugehen. Darüber zu trauern, dass Trump nicht unseren Vorstellungen entspricht, ist verlorene Zeit und macht das Ganze nur noch schlimmer. Es ist erschreckend, wie stur sich vor allem die Politiker auf der ganzen Welt sich zieren, sich ernsthaft auf diesen Menschen einzulassen. Je mehr sich aber die politische Elite weigert, sich differenziert und nicht abschätzig auf dieses Monster einzulassen, umso schlimmer wird das Desaster. Es ist eine psychologische Binsenwahrheit, dass mit jeder verbalen und nonverbalen Äußerung zu Donald Trump dieser sich in seinem Verhalten verstanden und vor allem bestätigt fühlt. Er hat sich mit dem überheblichen, frechen und vorlauten Kind komplett identifiziert. Er kann sich alles erlauben, hat er doch schon die Erfahrung gemacht, dass seine Eltern vor seinem unflätigen Verhalten kapitulieren mussten. Der abgehalfterte Oberst und Veteran aus dem Vietnamkrieg war zwar ein Vorbild für Trump, aber er nahm ihn trotzdem nie ernst. Solche soziale Psychopathen sind nie empathisch, aber sie haben eine unwahrscheinliche Sensibilität, Schwächen des anderen aufzuspüren und diese für ihre Interessen schamlos und eiskalt auszunutzen. In meinem letzten Artikel brachte ich noch die Hoffnung zum Ausdruck, dass  jemand vielleicht die Autorität aufbringen würde, Trump zu zähmen und ihn zu kontrollieren. Nun hat es sich nach mehreren Monaten seiner Regierungszeit herausgestellt, dass ihm niemand vorläufig auf der Beziehungsebene gewachsen ist. Was einem so Angst macht, dass hinter all seinen Machtübergriffen nie eine Strategie dahintersteckt. Alles, was er mach, macht er aus dem Bauch heraus. Alle schöngeistigen neuen Werte der 70- iger und 80- iger Jahre führt Trump ad absurdum. Was früher als eine menschliche, emotionale Errungenschaft einer modernen Gesellschaft hoch gelobt wurde, das wird durch Donald Trump in den Dreck gezogen. In den letzten dreissig Jahren verstand man sich als ein tolerantes und soziales Wesen, wenn man nicht nur Kopf gesteuert, rational agierte und seine Entscheidungen endlich aus dem Bauche traf. Donald Trump verstößt permanent gegen diese Werte und zieht diese durch sein Verhalten in den Dreck.
Zum Schluss möchte ich einige eklatante Beispiele aus seinen ersten Regierungsmonaten aufzeigen, die meine These untermauern sollten.

 

3. Das missratene Kind Donald Trump regiert Amerika, das mächtigste Land der Welt

 

a. Die Eröffnung: America first

Schon in seiner ersten Eröffnungsrede betonte er immer wieder, dass Amerika endlich sein Verliererimage abstreifen müsste Alle anderen Länder würden Amerika übers Ohr hauen und nun sei er endlich als Messias angetreten, das Land vor dem Untergang zu retten. Alle hätten auf ihn, als Retter gewartet. Nun hat man die Anzahl der Besucher  der Einführungsfeier von Trump mit derjenigen von Barack Obama verglichen und schon da sah man den gigantischen Unterschied des Interesses der Bevölkerung an ihrem neuen Präsidenten.

Das Kindliche an Trumps Reaktion ist einfach herauszufinden. Kinder haben mit etwa knapp fünf Jahren Grössenphantasien, die sie im Spiel mit den Eltern ausleben. Im Übergang zwischen der Stufe des Kleinkindes und dem eigenständigen Kind, das endlich sich mit den Erwachsenen in ihrer eigenen Sprache verständigen kann, herrscht beim Kind noch eine Menge Unsicherheit. In diesem Alter sucht das Kind in narzisstischen Selbstüberschätzungen Schutz, mit seiner Schwäche und Kleinheit verletzt zu werden. Ich bin so stark, ihr müsst keine Angst mehr haben, ich werde Euch alle beschützen. Diese kindlichen Phantasien verschwinden von alleine, je mehr das Kind mit Realitäten in Konflikt oder einfach in Kontakt kommt und Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten akzeptieren muss. Das Kind hat in diesem Alter noch lange eine verzerrte Wahrnehmung der Realität. In diesem Alter ist es für ein Kind nicht einfach, zwischen Realität und Phantasie zu unterscheiden. In dieser narzisstischen Phase will es der Größte sein. So ist es eine narzisstische Verletzung, wenn sich nicht die ganze Welt für das Kind interessiert. Es möchte doch endlich im Mittelpunkt stehen. Trump musste in seiner Kindheit als jüngstes Geschwister sich neben seinen älteren Geschwistern ständig um seine Stellung in der Familie kämpfen. Dann hat ihn sein Vater als Siegertyp indoktriniert. Neben Dir gibt es niemand, der Dir nur annähernd das Wasser reichen kann. Donald siegt immer, wenn dies nicht passiert, dann wird der Sieg herbeigelogen. Die notorische Lügerei von Trump hat den Sinn, ihn immer zum Sieger zu machen. Lügen ist sein wichtigstes Mittel, eine reale Niederlage abzuwehren. Er lügt nie, denn das ist die Realität und die Realität sind fake news, Lügen. Trotz der klaren Bilder seiner Besucheranzahl sagt er stolz aus dem Brustton der Überzeugung: „Noch nie haben bei einer Eröffnungsfeier so viele Zuschauer diese Ereignis besucht.“ Trumps Realität.

Einem Kind versucht man in der Regel die Wahrheit zu erklären, ansonsten gibt man auf und hofft, dass das Kind schon durch die Realität eins auf die Schnauze kriegt. Bei Trump funktionierte das nicht, er wurde vielmehr vor allem von seiner Mutter, immer zum aller Größten gemacht. Das hat er verinnerlicht und ihm das auszureden, ist unmöglich. 

 

b. Das Kinderzimmer, die grosse weite Welt

Ist man Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, dann hat man globale, vernetzte, bilaterale und vor allem auch freundschaftliche Beziehungen zu anderen Ländern der Welt. In meinem zweiten Artikel habe ich beschrieben, wie Trump die Welt als grosses Kinderzimmer wahrnimmt. Dies ist seine Welt und in seinem Zimmer ist er König. Trump realisiert tatsächlich nicht, dass er in der grossen weiten Welt angekommen ist. Ihn interessiert die Geschichte unserer Welt gar nicht. Bücher lesen ist für ihn ein Graus. Fakten interessieren ihn gar nicht. Politische Zusammenhänge sind ihm total fremd. Er nimmt zwar alle die gängigen Begriffe einer Außenpolitik wahr, aber es sind nur Worthülsen, mit denen er gar nichts anfangen kann. Besucht ihn ein Politiker und will wie üblich mit Trump über wichtige Probleme der Welt wie Welthandel, Kriege und Klimaschutz verhandeln oder darüber diskutieren, merkt man ihm an, dass er gar nicht bei der Sache ist, sondern weit weg. Nie macht er den Eindruck, als ob ihn irgend ein Weltproblem interessieren würde. Weicht der Gast nur ein klein wenig von den Themen der Welt ab, dann gewinnt er die ganze Aufmerksamkeit von Klein Donald. Dann bekommt man den Eindruck, der kleine Freund, sein Spielkamerad, das Nachbarskind, ist bei ihm zu Besuch. Dann kann Trump dem kleinen Freund alle seine Spielsachen zeigen und ist der grosse Kerl. Er zeigt, was er alles von seinen Eltern geschenkt bekommen hat und genießt es, dass der kleine Freund neidisch ihn um seinen Reichtum beneidet. Der Besuch aber ist nicht neidisch auf Donald, sondern zutiefst schockiert, mit wem er da zusammengetroffen ist und erheblich frustriert, dass er mit Donald Trump keine Minute ernsthaft reden konnte. Der Höhepunkt solcher Inszenierungen sind dann die abschließenden Pressekonferenzen. Der Gast bekommt in der Regel gar nicht die Gelegenheit, irgend etwas Substanzielles zu sagen, sondern sollte bewundernd neben dem grossen Donald stehen und zuhören, wie Donald sich der ganzen Welt gegenüber offenbart und sich beständig lobt. Natürlich vergisst er nie zu erwähnen, dass die Gespräche sehr konstruktiv verliefen und man sich hervorragend verstanden hat. Ich bin sicher, Donald hat schon bei der Pressekonferenz völlig vergessen, worüber geredet wurde. Gott sei Dank hat er Berater, die die wichtigsten Punkte des Gesprächs notiert haben, sonst wüsste man gar nicht, was eigentlich besprochen wurde. Ist dann Donald alleine in seinem Oval Office, dann zückt er sein Lieblingsspielzeug, sein Smartphone und twittert irgend einen Blödsinn in die Welt hinaus und die ganze Welt, vor allem die Medien, rätseln dann angestrengt, was wirklich gelaufen ist und versuchen, dem Trumpschen Unsinn einen echten Sinn zu geben.

 

4. Schluss

Es gäbe noch viele Beispiele zu beschreiben, aber alle seine Aktivitäten laufen nach demselben Muster ab. Wäre Trump nicht der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, hätte er nicht einen so grossen weltweiten Einfluss, sondern spielt eine Rolle in einem lustigen Film, dann müssten wir uns totlachen. Leider ist Trump aber eine der wichtigsten Vertreter unserer Welt und es wird brandgefährlich, wenn jemand mit der Machtfülle sich solche infantilen Eskapaden leistet.

Das grosse Problem ist nun, wie man diesen Mann wieder wegbefördern kann. Weiter hat er noch genügend Anhänger, die begeistert applaudieren, wenn sich Donald Trump gegen alle Konventionen richtet und den trotzigen, dümmlichen Clown gibt. Leider kann ich in meinem Blog vorläufig nur diesen gefährlichen Psychopathen beschreiben, wie man den loswird, dafür habe ich keine Lösung, Da stehe auch ich an wie viele andere Menschen auch. Ich beneide wichtige Politiker dieser Welt nicht, die mit so einer gestörten Person tagtäglich zusammenarbeiten müssen.

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Der moderne Narzissmusbegriff

 

 

1.  Einleitung

Der Begriff des Narzissmus ist in der heutigen Gesellschaft in aller Munde und jeder weiss , um was es geht. Man muss an jeder Party dazu etwas sagen können. Die Hauptsache ist , dass man mitreden kann, ob man etwas davon verstanden hat oder nicht. Der Begriff des Narzissmus hat eine begriffliche Inflation an Bedeutungen bekommen, sodass mehr Verwirrung herrscht als Klarheit. Auf den ersten Blick meint man, dass zum beispiel erfolgreiche Männerwegen ihrer narzisstischen Störung Erfolg hätten und dann wegen iher Hybris scheitern würden. Mit dieser Deutung des Narzissmus liegt man meiner Meinung nach total falsch. Sigmund Freud hat aufgrund der Sage des Narziss, der sich in sein Spigelbild verliebte, seine Narzissmustheorie entwickelt. Er meinte, dass wir als Narzissten zur Welt kommen und uns im Laufe unserer psychischen Entwicklung vom Egoisten, dem reinen Lustprinzip zum Sozialen Wesen , dem Realitätsprinzip entwickeln. Für freud war der narzisst ein oral gieriges Wesen, das für seine narzisstischen Bedürfnisse über Leichen gehen würde.  

Vor 100 Jahren konnte man noch eine solche Theorie  nachvollziehen, aber in letzter Zeit hat sich, besonders seit den Forschungen und Schriften von Heiz Kohut, sehr viel verändert. Ich möchte im Folgenden die Bedeutung und das aktuelle Verständnis des Narzissmus genauer beschreiben.

 

2.  Der Narzissmus und die Bedeutung des Selbst.

  • Heinz Kohout (1913 – 1981) machte in seiner psychoanalytischen Praxis im Kontakt mit seinen Patienten eine ganz interessante Entdeckung. Er stellte fest, dass seine Patienten nicht unbedingt Symptome oder Krankheitsbilder zeigten, die der Freud’schen Theorie entsprachen (Triebkonflikte), sondern dass die Menschen an einer ganz bestimmten verletzten Befindlichkeit litten. Bei der kleinsten Kritik, bei der geringsten Verunsicherung, fühlten sich diese Menschen total in ihrer Persönlichkeit angegriffen und reagierten entweder sehr aggressiv oder zogen sich beleidigt zurück und verweigerten jegliches Gespräch 

 

  • Durch diese praktische Beobachtung entdeckte Kohout die psychische Struktur des Selbst. Es ist eine Vorstellung meiner eigenen Person, die dafür verantwortlich ist, wie ich mich als Person sehe und diese Vorstellung steuert mein Befinden und mein emotionales Erleben in der Beziehung zu meiner sozialen Umwelt. Das Selbst ist das sich ständig entwickelnde psychische Produkt, die Repräsentation meiner Lebenserfahrung und damit meiner Person. Weiter stellte Kohut fest, dass dieses Selbst eine in sich strukturierte, konsistente Struktur darstellt, die nur gesund wächst, wenn sie auch genügend positiv bestätigt wurde. Kohut war der erste Psychologe, der ganz klar feststellte, dass von der frühesten Kindheit an eines der wichtigsten psychischen Grundbedürfnisse des Menschen darin besteht, dass er als eigenständige Person von seiner sozialen Umwelt wahrgenommen werden muss.


  • Meine Persönlichkeit entwickelt sich in der Spiegelung des Feedbacks durch meine soziale Umwelt. Diese Entdeckung Kohouts ist eine wesentliche Veränderung der ursprünglichen Meinung, dass der Narzisst in sein Spiegelbild verliebt sei, wie in der griechischen Sage beschrieben.  Kotout bezeichnete die Bedürfnisse  des Kleinkindes und des Menschen, in seinem Selbst bestätigt zu werden, allgemein als narzisstische Bedürfnisse.

 

3. Die Funktion der Spiegelung in der frühen Kindheit.

  • Wahrgenommen werden, bestätigt werden, geliebt werden, anerkannt werden, respektiert werden, das sind genauso wichtige Bedürfnisse, die eine gesunde psychische Entwicklung ermöglichen. Nicht nur das Bindungsbedürfnis sondern auch narzisstische Bedürfnisse sind existenzielle Bedürfnisse, die entscheidend dafür sind, wie ich später in einer erwachsenen Welt als Individuum bestehen kann.
    Wir erleben später immer wieder Verluste und Trennungen, aber durch eine gute Bindungserfahrung kann ich mit diesen Wechselfällen des Lebens realistisch und kompetent umgehen.

 

  • Genauso ist es eine Tatsache, dass ich im Laufe meines Lebens nicht immer gelobt, geliebt und bewundert werde. Ich kann durch ein kohärentes, stabiles Selbst, wo ich weiss, was ich kann und wer ich bin, Ablehnungen und Enttäuschungen im  Leben abfedern und ausgleichen. Ablehnung bedeutet für mich nicht mehr unbedingt eine existenzielle Bedrohung meiner Person. Weiter bin ich kritikfähig und bin in der Lage, eigene Fehler anzuerkennen. Ich kann reflektieren und mich in Bezug auf mein Handeln in Frage stellen. Ich kann mir Selbstkritik leisten und dadurch bleibe ich lernfähig. Meine narzisstischen Bedürfnisse verschwinden im Laufe meiner Entwicklung nicht, sondern ich habe bedingt durch eine gesunde Entwicklung auch den Mut, diese Bedürfnisse zu artikulieren.  Werden mir diese Bedürfnisse durch Ablehnung verwehrt, reagiere ich mit einer narzisstischen Kränkung. Verfüge ich über ein gesundes Selbst, dann kann ich diese Verletzung auffangen und damit realitätsgerecht umgehen.

 

4. Die Bedeutung von Wertschätzung

  • Kohout hat festgestellt, dass vor allem in der frühen Kindheit der Mensch darauf angewiesen ist, sich gehalten zu fühlen. Geborgenheit und Schutz, einfühlsames Verhalten der primären Bezugspersonen sind existenziell. Kohout beschrieb den Zustand des Säuglings als einen fraktionierten Zustand. Der Säugling verfügt noch nicht über die Kraft und den Entwicklungsstand, sich als kompakte Persönlichkeit zu erleben.

  • Das Bedürfnis nach Halt sind die primärsten narzisstischen Bedürfnisse, die wir artikulieren. Da der Säugling nonverbal kommuniziert, ist es notwendig, dass die primären Bezugspersonen empathisch auf das Kind eingehen.

Unter Empathie versteht man die Fähigkeit, sich in die emotionale und sachliche Perspektive des anderen hineinzuversetzen.

  • Empathie muss als Kompetenz klar unterschieden werden von Identifikation.  Mit dieser Entdeckung hat Kohout die Psychotherapie revolutioniert. Er führte das empathische Verhalten in die Therapiearbeit des Psychotherapeuten ein, was natürlich bei den alt eingesessenen Psychoanalytikern heftige Proteste auslöste. In Beziehungen können wir narzisstische Bedürfnisse nur empathisch wahrnehmen und darauf eingehen.

 

  • Ich habe in diesem Beitrag vorwiegend die gesunde Entwicklung eines Selbst beschrieben, die normalen narzisstischen Bedürfnisse wurden hinreichend befriedigt und als Erwachsener habe ich die hinreichenden Kompetenzen, mit emotionalen Kränkungen realitätsgerecht umzugehen.

  • In einem folgenden Blog werde ich mich damit beschäftigen, was passiert, wenn diese primären Bedürfnisse nicht befriedigt werden und die Desavouierung narzisstischer Bedürfnisse zu einer narzisstischen Störung führen. Man bezeichnet diese Störung deshalb als Persönlichkeitsstörung, weil sich die Persönlichkeit dieses Menschen in eine ungesunde Richtung entwickelt, wo Beziehungen gestört gelöebt werden.
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Die narzisstische Persönlichkeitsstörung

 

A.  Einleitung

Wird man mit Narzissten, Menschen, die unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, konfrontiert, beschleicht uns ein sehr unangenehmes Gefühl. Wir fühlen uns von diesen Menschen dominiert, nicht wahrgenommen und andererseits bemühen sie sich beständig, von uns gelobt, geliebt und bestätigt zu werden. Sie entwickeln dabei einen brillanten Beziehungsstil, uns immer wieder zur Bewunderung ihrer Person zu verführen. Trotz innerer Widerstände können wir dieser geschickten Manipulation nicht entziehen und fühlen uns missbraucht, aber verspüren Hemmungen, uns dem geschickten Ansinnen von Narzissten zu widersprechen. Denn gleichzeitig mit der Verführung vermitteln Narzissten und nonverbal, ja drohend, dass es heftigen Streit absetzen würde, wenn wir ihrem Ansinnen nicht willig nachgeben.


B.  Der kommunikative Stil

     von Narzissten

Dabei benutzen Narzissten ganz bestimmte kommunikative Mittel, um ihr Ziel, bewundert und bestätigt zu werden. Sie neigen zu Grandiosität, sie zeigen sich als unübertroffene, erfolgreiche Menschen. Für sie gibt es keine Hindernisse im Leben, sie meistern alle Schwierigkeiten mit Leichtigkeit. Gleichzeitig vermitteln sie dem anderen, dass dieser nie dieses erfolgreiche Niveau erreichen wird. Die Kommunikation ist sehr perfide, denn gleichzeitig macht sich der Narzisst übergroß und den anderen klitzeklein. Der Abstand innerhalb der Beziehung ist unendlich gross. Narzissten lassen einen nie zu Wort kommen, sie müssen sofort jedes soziale Ensemble total beherrschen, sie müssen im Mittelpunkt stehen. Anderen das Wort erteilen, anderen zuhören, das geht nicht. Das wichtigste strategische Ziel des Narzissten besteht darin, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Narzisst hat vor allem die Gewohnheit, immer den anderen vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben.

C.   Die narzisstische Beziehung

Er stellt die Regeln auf, nach denen sich alle zu richten haben. Diese Regeln gelten für alle, außer für den Narzissten selbst. Narzissten kennen ein unendliches Repertoire, andere Menschen zu demütigen und zu verachten. Man kann sich noch so viel Mühe geben, einem Narzissten alles recht zu machen, nie wird es jemandem gelingen, dieses Ziel zu erreichen. Die Beziehung zu einem Narzissten ist nur von kurzer Dauer eitel Sonnenschein. Sehr schnell artet die Beziehung in Streit aus. Aus für mich unergründlichen Ursachen löst mein Verhalten bei einem Narzissten Wut, Kränkung und tiefste Beleidigung aus. Narzissten neigen zu absoluter Kontrolle und sind sehr misstrauisch. Die Wut und Kränkung setzt immer dann als Reaktion ein, wenn ich es wage, Bedürfnisse an einen Narzissten zu richten. Er empfindet dieses Ansinnen als Anmaßung und Unverschämtheit. Entweder werde ich äußerst aggressiv beschuldigt und mit den oben beschriebenen Verhaltensweisen kurz und klein geschlagen, oder ich werde eiskalt fallen gelassen und der Narzisst gibt mir zu verstehen, dass er mich nicht kennt, ja dass er mich nie gesehen hat und nicht mal weiss, wer ich eigentlich bin. Ich bin von einer Sekunde auf die andere Luft für ihn.
Wagt man es trotzdem, mit einem Narzissten eine enge Beziehung einzugehen oder wird man gezwungen, in der Arbeitswelt mit einem Narzissten zusammen zu arbeiten, dann setzt man sich einem psychischen Milieu aus, das unter Umständen krank macht. Narzissten verursachen mit ihrem Verhalten oft eine destruktive Wirkung. Sie machen andere Menschen krank. Da Narzissten dauernd mit sich beschäftigt sind und keine Empathie, kein Einfühlungsvermögen gegenüber anderen Menschen aufbringen können, haben sie zur produktiven Leistungserbringung ein gestörtes Verhältnis. Die Anerkennung ihrer Person, die Bewunderung und kritiklose Bestätigung ihrer Person sind so wichtig und stehen im Mittelpunkt, so dass die Erbringung einer realen, überprüfbaren Leistung geradezu eine Anmaßung für Narzissten bedeutet. Man glaubt immer, dass Narzissten sehr sensibel wären, was aber nicht stimmt. Sie sind genial in der Manipulation von Menschen, sie verführen gekonnt und sind sehr wendig und schlau, um jeglicher Leistungskontrolle aus dem Weg zu gehen. Oft hört man , dass in der Führungsetage der Unternehmungen Narzissten Erfolg hätten und dass sogar eine Portion Narzissmus unbedingt notwendig wäre, um Erfolg zu haben. Narzissten sind sehr geschickt darin, über gekonntes Beziehungsmanagement die Karriereleiter emporzuklettern. Sie beherrschen perfekt das politische Spiel der Intrige, um ihr Ziel zu erreichen.

Der Antrieb ist nur Bewunderung und Anerkennung, erzielen von substanzieller Leistung ist Fehlanzeige.

Auf der Leistungsseite produziert der Narzisst heiße Luft, auf der Bewunderungsseite prachtvolle Bewunderung seiner Person. Werden solche Führungspersonen aber in ihrem verführerischen, manipulativen Treiben durchschaut, verlassen sie so schnell wie möglich die Firma und heuern an einem neuen Ort  an, oder sie bringen sich um.

 

D.   Die Kehrseite nach Bewunderung

      - der lebensbedrohliche Minderwertigkeitskomplex


Da wir hier von einer Persönlichkeitsstörung reden, werden wir auch mit einer psychischen Krankheit konfrontiert. Jedes Verhalten hat auch eine psychische Dynamik und Struktur, die diesem Verhalten zu Grunde liegt. Wir werden hier mit einer paradoxen Situation konfrontiert. Dem Narzissten ist es nicht möglich, seine Krankheit zu erkennen, auch wenn er unter dem Stress, sich permanent um die Bewunderung anderer anzustrengen, leidet. Reflexion als Fähigkeit, sein Verhalten und Erleben zu denken, ist in seinem System nicht vorgesehen.

Wenn wir an meine Ausführungen im Artikel über normalen Narzissmus zurückdenken, dann habe ich dargelegt, wie ein Mensch von seiner frühesten Kindheit an darauf angewiesen ist, als eigenständige Person wahrgenommen zu werden und in seiner Persönlichkeit wert geschätzt werden will. Macht jemand diese elementare Erfahrung in seiner kindlichen Entwicklung nicht, dann entwickelt er kein eigenes Selbst. Er weiss gar nicht wer er ist. Er hat keine Vorstellung von sich selbst , sein Grundgefühl ist dann ein Nichts. Real existiert er in seiner Selbstwahrnehmung nicht. Es gibt ihn nicht. Ein Narzisst, auf sich selbst gestellt ist ein Niemand, ein gar nichts. Die narzisstische Persönlichkeit ist deshalb die paradoxe Bemühung, die Beziehungsdefizite aus der frühen Kindheit aus sich selbst heraus zu kompensieren. Ein Narzisst ist wie der Lügner Münchhausen, der glaubt, sich selber an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Narzissten entwickeln deshalb eine immense Selbstorganisation von Verhaltensmustern, um ein verheerendes Beziehungsdefizit zu beseitigen. Sie sind in einem beständigen Stress, nie mit der eigenen Nichtexistenz konfrontiert zu werden. Jeder Mensch, der einem Narzissten zu nahe kommt, ist eine potenzielle Gefahr.  Ein Narzisst lebt permanent im Überlebensmodus.

Deshalb nimmt ein Narzisst jede Kritik auf der sachlichen Ebene persönlich und reagiert gekränkt. Jede Beziehungsanforderung ist bereits eine Kränkung, denn man könnte seine Selbstlüge als Münchhausen durchschauen. Deshalb reagieren Narzissten in solchen Situationen oft mit einer akuten Depression, oder neigen zu gewalttätigen Ausbrüchen.

Weil ein Narzisst jegliche menschliche Nähe aus den oben beschriebenen Gründen ablehnt, sind psychotherapeutische Bemühungen oft erfolglos. Das einzige Ziel des Narzissten in einer Therapie besteht darin, sein vorheriges grandioses Verhalten wieder herzustellen. Dem Therapeuten fällt die Aufgabe zu, den Narzissten so lange zu loben und emotional zu bestätigen, bis er wieder wie vorher funktioniert. Diese Vorgehensweise entspricht aber nicht der eigentlichen Zielsetzung einer Psychotherapie. Ein Klient muss in einer Therapie einigermassen fähig sein, Kritik konstruktiv anzunehmen und sollte sich bemühen, sein Verhalten selbstkritisch reflektieren zu können. Dann stellt sich auch eine Veränderung ein und Probleme können gelöst werden.  In der psychotherapeutischen Literatur gibt es massenhafte Versuche und Vorschläge, wie man mit einem Narzissten erfolgreich eine Therapie durchführen kann, mich hat aber noch kein Ansatz restlos überzeugt.

 

E.   Der Therapieansatz von Rainer Sachse

Den vielversprechendsten Versuch schildert der Psychologe Rainer Sachse (geb. 10. Oktober 1948) in seinem aufschlussreichen Buch, Rainer Sachse, „Persönlichkeitsstörungen: Leitfaden für die Psychologische Psychotherapie“, Hofgreve 2013. Darin schildert er sämtliche Persönlichkeitsstörungen und versucht, therapeutische Vorgehensweisen aufzuzeigen, die vielleicht Erfolg versprechend sein könnten. Überzeugend an diesem Buch finde ich die authentische und sehr praxisbezogene Art und Weise, wie Sachse dieses schwierige Unterfangen angeht. Beim Lesen des Buches entsteht nie der Eindruck, dass der Autor endlich das Ei des Kolumbus erfunden hätte, sondern immer schwingt im Hintergrund seine Selbstkritik und die Schwierigkeit seines Unterfangens mit.

Zum Schluss meiner Ausführungen möchte ich einige Punkte von Rainer Sachses Therapieansatz vorstellen.

Sachse entwickelte ein theoretisches Modell, um allgemein Persönlichkeitsstörungen zu erfassen. Persönlichkeitsstörungen, und vor allem die narzisstische Störung, sind Beziehungsstörungen. Diese Störungen manifestieren sich vor allem in der Beziehung zur sozialen Umwelt. In erster Linie leiden die anderen unter der Störung. Sachse geht von der Annahme aus, dass in Beziehungen zwei verschiedene soziale Kompetenzen  eine Hauptrolle spielen:

  1. Handlungskompetenzen: Darunter versteht Sachse die Fähigkeit, authentisch seine Bedürfnisse zu befriedigen. Dabei lernt der Mensch von klein auf Handlungsweisen kennen, die es ihm ermöglichen, seine Ziele zu erreichen. Dies gilt vor allem für die narzisstischen Bedürfnisse, wie ich sie im vorigen Artikel beschrieben habe.

  2. Verarbeitungskompetenzen: Hier lernt das Kind, mit den Reaktionen der Umwelt auf seine Bedürfnisse kompetent umzugehen. Nicht alle Bedürfnisse können sofort befriedigt werden. Wie schon beschrieben, entwickelt der Mensch auch da von Kind an Kompetenzen, mit Enttäuschungen, besonders bei narzisstischen Bedürfnissen, kompetent umzugehen und verfügt über ein selbstsicheres Selbst, um Enttäuschungen aufzufangen.

 

 

F.   Verhaltensmuster der

      narzisstischen Persönlichkeitsstörung


a.  Motivebene:

Sachse beschreibt verschiedene Motive, die genau den narzisstischen Bedürfnissen entsprechen. Von Kind an sind wir motiviert, in unserem Selbst bestätigt zu werden. Werden diese Motive negativ beantwortet, dann entwickeln wir eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Alle Beziehungen sind in Zukunft gestört und ein destruktives Verhaltensmuster tritt in Gang.

  • Ich möchte von anderen Aufmerksamkeit
  • Ich möchte von anderen wahrgenommen werden.
  • Ich möchte von anderen ernst genommen werden.
  • Ich möchte von anderen respektiert werden.         
  • Ich möchte von anderen gesehen werden. 
  • Ich möchte von anderen Signale der „Zugehörigkeit

 

b. Musterbildung

  • Dissoziale Schemata:

    Um diese Bedürfnisse auf der Motivebene befriedigt zu bekommen, muss die soziale Umwelt positiv auf diese narzisstischen Bedürfnisse eingehen. Findet das nicht statt, dann entwickelt der Mensch von klein an Erfahrungsmuster, die Sachse als Schemata beschreibt. Es stellt sich ein Zustand verbunden mit einer Erwartungshaltung ein, dass diese Bedürfnisse nie befriedigt werden würden. Wie schon beschrieben, wirken sich diese Enttäuschungen auf das Selbst aus. Einerseits empfinde ich mich als Nichts und andererseits habe ich immer das Gefühl, von anderen Menschen abgelehnt zu werden. Sachse bezeichnet diese negativen Selbstschemata als dissoziale Schemata. 

  • Kompensatorische Beziehungsstrategien:

    Um nun diese emotionalen Selbstdefizite zu kompensieren, muss der Narzisst manipulative Strategien entwickeln und anwenden, um die Motive der Anerkennung zu erreichen. Ich habe oben beschrieben, wie der Narzisst im Stile von Münchhausen sich aus dem Sumpf befreien muss. Diese kompensatorischen Beziehungsstrategien sind die erfolglosen Bemühungen, das frühkindliche Defizit auszugleichen.
  • kompensatorische Selbstschemata

    Um den Minderwertigkeitskomplex zu bekämpfen, ist der Narzisst gezwungen, sich vor anderen immer im Glanz zu zeigen und muss sich grandios selber rühmen. Dabei unternimmt er alles, damit er bewundert wird. Oben habe ich dieses Verhalten genauer beschrieben. Gleichzeitig muss er andere Menschen klein machen und verachten.

  • kompensatorische normative Schemata

    Der Narzisst bombardiert sich beständig mit Anforderungen an sich selbst, der erfolgreichste zu sein. Er setzt sich total unter Druck, aber eigentlich leistet er gar nichts. Mit diesen befehlenden Selbstaufforderungen, erfolgreich zu sein, untermauert er sein Selbstbild als grandiose, allen Menschen als überlegene Person. Für den Außenstehenden ist dieses Verhalten reine Show.

  • kompensatorische Regel-Schemata

    Um seine Ziele zu erreichen, verfolgt der Narzisst nicht nur eine konsequente manipulative Strategie, sondern er muss sehr autoritär auftreten. Er duldet keinen Widerspruch, keine Kritik, keine andere Meinung. Sein unbedingtes Ziel, absolute Bewunderung zu erlangen, gibt er allen die Verhaltensregeln vor, die unbedingt befolgt werden müssen.

G.    Schlussbemerkungen

Diese Verhaltensmuster, die Sachse beschreibt, haben nicht nur im Lebensalltag des Narzissten Konsequenzen, sondern sie beeinflussen die therapeutische Beziehung entscheidend. Ist sich der Therapeut dieser Verhaltensgewohnheiten eines Narzissten nicht bewusst, dann ist die Therapie von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Beziehungsgestaltung ist eine riskante Gratwanderung zwischen emotionaler Zuwendung und klarer Abgrenzung gegenüber den manipulativen Verhaltensmustern des Narzissten. Sachse meint, dass zu allererst dem Patienten bewusst gemacht werden muss, dass sein Verhalten emotionale Kosten verursacht, die in keinem vernünftigen Rahmen stehen.

Ich finde die Therapieansätze von Rainer Sachse sehr faszinierend, nur bin ich sehr skeptisch, ob sie in der Praxis tatsächlich umsetzbar sind. Eigentlich stellen die Persönlichkeitsstörungen die größte Herausforderung für die Psychotherapie dar. Seit Kurzem wird immer deutlicher, dass Persönlichkeitsstörungen einen traumatischen Hintergrund haben. Dies bedingt, dass in die Therapiearbeit immer mehr auch die Erkenntnisse der Traumatherapie einfließen müssen. Aber da steht uns noch ein sehr beschwerlicher, weiter Weg bevor, weil einerseits traumatische Erfahrungen erst seit Kurzem als therapeutisches Thema aktuell sind und es deshalb viel zu wenig ausgebildete Traumatherapeuten gibt.

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Was ist ein psychisches Trauma?

Die Psychodynamik der Traumatisierung und die wichtigsten Symptome des posttraumatischen Stress – Syndroms.

 

1. Was ist ein Trauma

 

a.  Das psychische Trauma ist das Leid der Ohnmächtigen!

Der Tatbestand eines Traumas ist erfüllt, wenn das Opfer durch eine übermächtige Macht hilflos gemacht wird. Ist diese Macht eine Naturgewalt, sprechen wir von einer Katastrophe. Üben andere Menschen diese Macht aus, dann sprechen wir von Gewalttaten. Traumatische Ereignisse zerstören die psychische Integrität (Unversehrtheit des Menschen), das Gefühl von Kontrolle, Zugehörigkeit zu einem Bezugssystem. Traumatische Erfahrungen sind für den Menschen deshalb aussergewöhnlich, weil sie die normalen Anpassungsstrategien des Menschen überfordern. Traumatische Erfahrungen bedeuten im Allgemeinen  eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit. Der Mensch ist in emotional überfordernden Situationen einer extremen Hilflosigkeit und Angst ausgeliefert und reagiert ähnlich wie bei Katastrophen. Die begleitenden Gefühle einer traumatischen Erfahrung von intensiver Angst, Hilflosigkeit, Kontrollverlust und drohender Vernichtung spielen eine prägende Rolle.  Die Wahrscheinlichkeit, dass eine traumatische Erfahrung psychische Schädigung zur Folge hat, ist sehr hoch, lässt sich aber nicht genau quantifizieren. Nach einer traumatischen Erfahrung wird das spätere psychische Erleben durch folgende Nachwirkungen geprägt:


Einerseits ist es die Erfahrung von intensiven, nicht integrierbaren Gefühlen wie Hilflosigkeit und Angst und andrerseits die psychophysische Reaktion auf das Ereignis. Man spricht hier von traumatischen Reaktionen.
  

 

b.  Die psycho-physischen Konsequnzen eines Traumas

 

Die emotionalen Erfahrungen und die damit verbunden Reaktionsweisen hinterlassen so einprägsame Spuren im seelischen System des Menschen, dass sein ganzes zukünftiges psychisches Koordinatensystem durch die traumatische Erfahrung geprägt und sein bisheriges Leben radikal verändert wird.

Gerät der Mensch in bedrohliche psychisch belastende Lebenssituationen, wird das vegetative Nervensystem schlagartig erregt. Adrenalin wird ausgeschüttet und der Organismus wird in einen akuten Alarmzustand versetzt. Dadurch wird die Konzentration sofort auf die unmittelbare Situation gerichtet. Unter der Bedrohung verändert, ja verzerrt sich die Wahrnehmung. Hunger, Müdigkeit und Schmerz werden ausgeblendet. Intensive Gefühle von Angst und Wut werden hervorgerufen. Solche Veränderungen im Grad von Erregung, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Empfindung sind normale Anpassungsmechanismen in Stresssituationen.

Der Organismus mobilisiert durch diese psychophysische Reaktion Kräfte, um sich der Belastung durch Kampf oder Flucht zu entziehen. Traumatische Reaktionen treten dann auf, wenn Handeln in Stresssituationen keinen Sinn hat. Ist weder Widerstand noch Flucht möglich, ist das Selbstverteidigungssystem des Menschen überfordert und bricht im Chaos zusammen. Der Sresszustand wird durch die traumatische Situation nicht aufgelöst, sondern bleibt unverändert bestehen. Der übersteigerte Belastungszustand wird durch die andauernde  Aufrechterhaltung der Gefahr noch schlimmer, obwohl unter Umständen die akute Gefahr nicht mehr vorhanden ist.

  • Deshalb bewirken traumatische Ereignisse tiefgreifende und langfristige Veränderungen in der physiologischen Erregung, bei Gefühlen, Wahrnehmung und Gedächtnis.
  • Der Organismus bleibt auf einem unnatürlichen Stressniveau fixiert und verharrt chronisch in seinen Überlebensmechanismen. Man spricht deshalb auch von Disstress.
  • So werden diese normalerweise aufeinander abgestimmten Funktionen durch ein traumatisches Ereignis oft voneinander getrennt. Der Traumatisierte empfindet intensive Gefühle, kann sich aber nicht genau an die Ereignisse erinnern; oder er erinnert sich an jedes Detail, empfindet aber nichts dabei. Er ist ständig gereizt und wachsam, ohne zu wissen warum. 
  • Häufig geht der Zusammenhang zwischen traumatischen Symptomen und ihrem Auslöser verloren, die Symptome verselbständigen sich.
  • Die Zerstörung des komplexen Selbstschutzsystems durch das traumatische Erlebnis und die damit verbunden psychischen Störungen sind die herausragenden Merkmale eines psychischen Traumas.

 

  • Der bekannte französische Neurologe Pierre Janet beschrieb diesen Zerstörungsprozess schon vor hundert Jahren folgendermaßen: „Die auflösende Wirkung intensiver Gefühle verhindert das verschmelzende Funktionieren des Verstandes.“

     

  • Das Beziehungsnetz zwischen Gefühl und Verstand wird bei einer traumatischen Erfahrung zerrissen. Abram Kardiner beschrieb den psychischen Zerstörungsprozess folgendermaßen: „Es zerbricht der gesamte Apparat, der harmonisches, koordiniertes und zielgerichtetes Handeln möglich macht. Die Wahrnehmungen werden unpräzise und von Angst überflutet, das koordinierte Funktionieren von Entscheidung und Urteilsvermögen setzt aus… sogar die Sinnesorgane können ausfallen… Aggressive Impulse entladen sich chaotisch und nicht der Situation angemessen.“

 

2. Das posttraumatische Syndrom:  Die vergebliche Mühe, das belastende Erleben rückgängig zu machen.

Es ist eine angeborene Eigenart des Menschen, dass er einen chronisch angespannten Zustand nicht aushält und unbedingt seine Belastung um jeden Preis loswerden möchte. Der Kampf gegen sich selber ist lanciert. In der Psychologie nennt man das Bewältigungsmechanismen. Diese hilflosen Versuche enden oft in einer überlagerten psychischen Schädigung, einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung. Das Opfer entwickelt Verhaltensmuster, um nicht mehr mit der traumatischen Erfahrung in Berührung zu kommen. Mit allen Mitteln versucht der Betroffene, seine traumatische Erfahrung abzuspalten. Leider gelingt dies meistens nicht. Sein Leben wird eingeengt und oft stellen wir in Therapien fest, dass der Ursprung, die Traumatisierung, verschwindet und die Bewältigung so manifest ist, dass sie als psychische Störung sich total in den Vordergrund drängt. Im folgenden möchte ich die wichtigsten Verhaltensmuster der posttraumatischen Belastungsstörung nach einer traumatischen Erfahrung beschreiben.

 

a) Übererregung

Nach einer traumatischen Erfahrung scheint sich das Selbstschutzsystem des Menschen in einem ständigen Alarmzustand zu befinden, als könnte die Gefahr jeden Moment wiederkehren. Der Traumatisierte erschrickt leicht, reagiert überschiessend auf geringfügigen Ärger und schläft schlecht. Die psychophysiologischen Veränderungen bei posttraumatischen Belastungsstörungen sind sehr weitreichend und können sehr lange anhalten. Die Patienten leiden an allgemeinen Angstsymptomen, die mit spezifischen Befürchtungen verknüpft sind.

Bei ihnen ist das Grundniveau ein Zustand erhöhter Erregung: Ihr Körper ist immer in Alarmbereitschaft und auf eine Gefahr vorbereitet. Chronischer Stresszustand wird ein Normalzustand. Der Stress nimmt wie in normalen Lebenssituationen nicht ab, sondern entwickelt sich zu einem belastenden, negativen Stresszustand.(Disstress)

Schlussfolgernd kann man feststellen: Traumatische Ereignisse verändern das menschliche Nervensystem tiefgreifend. (Vegetativ)

Sie reagieren extrem schreckhaft auf unerwartete und vor allem auf spezifische Reize, die mit dem traumatischen Ereignis in Verbindung stehen. Die erhöhte Erregung hält im Schlaf- wie im Wachzustand an, die Folge sind massive Schlafstörungen.

 

b) Intrusion

  • Ungewollt sich aufdrängende Erinnerungen und Gedanken an das traumatische Ereignis.

Lange, nachdem die Gefahr vorüber ist, erleben Traumatisierte das Ereignis immer wieder so, als ob es gerade geschähe. Es ist, als wäre die Zeit im Moment des Traumas stehengeblieben. Der traumatische Augenblick wird abnormal im Gedächtnis gespeichert und gelangt dann spontan ins Bewusstsein, im Wachzustand als plötzliche Rückblende und im Schlaf als angsterfüllender Alptraum. Immer wieder können belanglose Lebensumstände Erinnerungen wecken, in denen das Ereignis extrem lebensecht und mit aller emotionalen Gewalt wiederkehrt.

 Das Trauma stoppt jeden Entwicklungsverlauf, die Opfer sind an ihre traumatische Erfahrung gefesselt.

  • Traumatische Erinnerungen weisen eine Reihe von Besonderheiten auf.

Anders als gewöhnliche Erinnerungen von erwachsenen Menschen sind sie nicht als verbale, lineare     Erzählung gespeichert, die Teil einer fortlaufenden Lebensgeschichte wird.

Verbale, zusammenhängende Erzählungen fehlen bei traumatischen Erinnerungen. Stattdessen sind sie in Form intensiver Gefühle und deutlicher Bilder gespeichert. Traumatische Erinnerungen sind quälende, unauslöschliche Bilder. Die intensive Dichte der  fragmentierten Gefühle, der Bilder ohne Text, verleiht der traumatischen Erinnerung  eine gesteigerte Realität. Das Übergewicht von Bildern und körperlichen Empfindungen bei gleichzeitigem Fehlen einer verbalen Erzählung verbindet traumatische Erinnerungen mit den Erinnerungen von Kleinkindern. Diese stark bildhafte und szenische Form der Erinnerung, die für Kleinkinder adäquat ist, wird offenbar in extrem schrecklichen Situationen auch bei Erwachsenen mobilisiert.

 

  • Den besonderen Eigenschaften traumatischer Erinnerungen liegen möglicherweise Veränderungen des Zentralnervensystems zugrunde.

 
  • Traumatische Erinnerungen sind offensichtlich im Schlaf-  wie im Wachzu-stand Folgen eines veränderten neurophysiologischen Systemzustands.

 Man hat herausgefunden, dass bei traumatischer Prägung die linguistische Kodierung (Faktenwissen) im Gedächtnis außer Funktion gesetzt wird und das Zentralnervensystem deshalb auf die sensorischen und bildhaften Formen des Gedächtnisses zurückgreift, die in den ersten Lebensjahren dominieren und ausgebildet werden.

Traumatisierte Menschen erleben den traumatischen Moment nicht nur in Gedanken und Träumen, sondern auch in ihren Handlungen wieder. Traumatisierte müssen oft die Schreckensmomente zwanghaft in offener oder verschleierter Form wiederholen. Diese Menschen sind sich dieser immer wiederkehrenden Inszenierung nicht bewusst. Vielmehr wollen sie mit aller Kraft das Erlebte verarbeiten und aus ihrem Gedächtnis auslöschen. Dabei setzen sie sich Gefahren aus, unter denen sich das Trauma tatsächlich wiederholen könnte. Diese zwanghaften Wiederholungen werden heute darauf zurückgeführt, dass das Gehirn die Tendenz hat, neue Erfahrungen im Sinne des Vervollständigungsprinzips zu integrieren. Es geht bei diesem Integrationsprinzip darum, dass neue Informationen so verarbeitet werden, dass die inneren Muster für Selbst- und Weltbild auf den neusten Stand gebracht werden. Da die traumatische Erfahrung definitionsgemäss eine enorme Überforderung des Anpassungssystems des  Organismus darstellt, scheitert das Gehirn an der Integrationsaufgabe und dreht durch.

 

  • Das Trauma kann eigentlich erst überwunden werden, wenn das Opfer ein neues geistiges Muster entwirft, um das Geschehen zu verstehen.

Die zwanghaften Wiederholungshandlungen haben verheerende psychische Begleiterscheinungen zur Folge: Ununterbrochen wird der Traumatisierte durch sein schreckliches Erleben überfallen. Er wird ständig von Angst und Wut geschüttelt. So unternimmt das Opfer alles in der Welt, intrusive Symptome abzublocken, zwar zu seinem eigenen Schutz, aber das posttraumatische Syndrom verschlimmert sich, weil die Vermeidung der Erinnerung eine Einengung des Bewusstseins, einen Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen und eine emotionale Verarmung zur Folge haben.

 

c) Konstriktion

  • Vermeidung von Situationen, die als bedrohlich empfunden  werden, psychische Erstarrung, emotionale Anästhesie. 

Da der Traumatisierte aus dem chronischen Ohnmachtsgefühl nicht durch eine reale Handlung fliehen kann, entweicht er diesem Zustand nur durch die Veränderung seines Bewusstseinszustand. Dieser Zustand wird oft auch als Zustand der Erstarrung genannt.

 

  • Das gesamte fühlende System des Organismus wird ausgeschaltet.

Es stellt sich eine dissoziierende, distanzierende Ruhe zum Geschehen ein. Der Mensch ist vom Erleben und damit vom Geschehen total abgespalten. Er sieht sich und das Grauen, das mit ihm geschieht, als Zuschauer  an. Diese traumatische Dissoziation versetzt den Menschen in eine Art Trance. Man weiss heute, dass dabei körpereigene Morphine eine herausragende Rolle spielen. Sie wirken als Schmerzmittel und haben auch die Funktion, emotionale Empfindungen zu unterdrücken. Der konstriktive Prozess hat die Funktion, traumatische Erinnerungen vom normalen Bewusstsein fernzuhalten. Deshalb tauchen nur fragmentarische Erinnerungen  als intrusive Symptome (Wie oben beschrieben) auf.

Durch den konstriktiven Prozess werden alle Erinnerungen unterdrückt. Nicht nur in Gedanken, sondern das Handeln des Individuums wird ganz diesem Unterfangen unterordnet. Der Traumatisierte vermeidet sämtliche Möglichkeiten, die ihn an das Trauma erinnern könnten. Gegenwart und Zukunft existieren nicht mehr, Alles ist nur auf Vermeidung ausgerichtet.

 

  • Konstriktive Symptome verengen das Spektrum der Lebensmöglichkeiten,  beeinträchtigen die Lebensqualität  und perpetuieren letztendlich die Auswirkungen des traumatischen Ereignisses. Nach einer als überwältigend erlebten Gefahr entsteht zwischen den beiden Reaktionsmustern der Intrusion und der Konstriktion eine sich gegenseitig bedingende dynamische Wechselwirkung.

 

Die gleichzeitige Wirkung gegensätzlicher psychischer Zustände ist das vielleicht eindeutigste Merkmal des posttraumatischen Syndroms. Intrusive und konstriktive Prozesse lassen keine Integration des traumatischen Erlebens zu.

 

Auch wenn sich das Opfer noch so bemüht, durch das alternative Auftreten dieser psychischen Reaktionsweisen ein inneres psychisches Gleichgewicht zu erreichen, muss es immer daran scheitern. Traumatisierte Menschen sind gefangen zwischen zwei Extremen:

Zwischen Gedächtnisverlust oder Wiedererleben des Traumas; zwischen der Sintflut intensiver, überwältigender Gefühle und der Dürre absoluter Gefühllosigkeit; zwischen gereizter, impulsiver Aktion und totaler Blockade jeglichen Handelns.

Der Traumatisierte ist zu einem reduzierten Leben verurteilt, gequält von Erinnerungen und gefesselt von Hilflosigkeit und Angst. So absolvieren viele Opfer ihre alltägliche Routine, beobachten alle Ereignisse aus grosser Distanz, ihr Gefühl von Lähmung und Nichtzugehörigkeit wird nur durch die immer wieder schrecklich auftauchenden Erinnerungen an ihr Trauma gefühlsmäßig durchbrochen.

 

3. Soziale Auswirkungen des Traumas: Verlust der Beziehungen und Werteverlust.

Traumatische Erfahrungen wirken sich nicht nur direkt auf die psychischen Strukturen aus, sondern sie beeinflussen ganz stark auch die Beziehungssysteme und Wertvorstellungen des Menschen. Traumatisierte fühlen sich extrem verlassen, allein und  ausgestoßen aus dem lebenserhaltenden Rahmen von menschlicher Fürsorge und Schutz. Das Gefühl von Entfremdung und Nichtzugehörigkeit beherrscht jede Beziehung. Das Selbst des Opfers wird zerstört. Die Selbstsicherheit und das Vertrauen in die Umwelt sind verschwunden. Vor allem das Gefühl, ein eigenständiger Mensch zu sein, geht total verloren. Man fühlt sich wieder in der abhängigen Position eines Kleinkindes der Umwelt gegenüber. Man ist schutzbedürftig, aber gleichzeitig hat man panische Angst vor der Nähe und Intimität. Die Opfer eines Traumas fühlen sich schuldig, mies, unsicher, entwertet und wissen gar nicht mehr um ihre Fähigkeiten und Kompetenzen. Sie leiden unter einem extrem negativen Selbstbild

- Pierre Janet, L’Automatisme Psychologique, Paris 1973

- A. Kardiner und H. Spiegel, War, Stress and Neurotic Illness, New York 1947

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Die Landkarte der psychischen Entwicklung

 

 

1.  Einleitung

Der bekannte kanadische Psychologe Gordon Neufeld ist meines Erachtens der einzige Entwicklungspsychologe, dem es gelungen ist, die theoretische Entwicklungspsychologie der letzten 70 Jahre mit einem praktischen Ansatz zur Erziehung von Kindern zu verknüpfen. Endlich bekommen Eltern eine praktische Hilfestellung zur Verfügung, die frei von Ideologie ist, sondern konkret wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. In meinem Blog möchte ich diesen „bekannten Neufeld-Ansatz für die Kinder“  näher vorstellen. Ich beziehe mich in meinem Blog auf das Buch von Dagmar Neubronner, die im deutschen Sprachraum den Neufeld-Ansatz bekannt gemacht hat. Dabei werde ich auch auf andere Entwicklungspsychologen zurückgreifen, um die Wurzeln des Nezûfeld-Ansatzes verständlicher zu machen.

Bis jetzt sind  Erziehungsratgeber immer davon ausgegangen, dass wir gleich einer Roadmap die Erziehung der Kinder nach einem vorgegebenen Drehbuch abspulen müssten. Ein Abweichen von diesem Weg lag nicht drin. So haben über Jahrhunderte tausende von Eltern gehorsam die Erziehung ihrer Kinder nach einem solchen Drehbuch umgesetzt und haben dadurch ihr Erziehungsverhalten praktisch nie selbstkritisch hinterfragt. Ging etwas schief, dann machten sie sich Vorwürfe, dass sie die Vorgaben nicht korrekt umgesetzt haben. Meine Mutter, Alice Miller,  hat in ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“ genügende Beispiele solcher erzieherischen Vorgaben beschrieben und dieses Verhalten als „Schwarze Pädagogik“ bezeichnet.

 

2.  Der Neufeld-Ansatz.

Neufeld distanziert sich klar von dieser erzieherischen Ideologie, vielmehr geht er davon aus, dass die Erziehung des Kindes von der Empathie dem Kind gegenüber geleitet sein sollte. Bildlich spricht er von einer Landkarte, auf der alle wichtigen Wissensdaten abgelegt sind, die es braucht, um kompetent ein Kind bei seiner Entwicklung optimal zu unterstützen. Die Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes beinhaltet drei Ziele der Reifung:

  • Die Kraft der Emergenz: Der Begriff der Emergenz stammt aus der Allgemeinen Systemtheorie. Man geht davon aus, dass sich ein System dadurch entwickelt, dass es durch Emergenz immer eine höhere Stufe der Entwicklung erreicht. Emergenz ist die Schubkraft, die es braucht, dass wir nicht stehen bleiben, sondern immer naturbedingt fähig sind, aus Altem Neues zu schaffen. Schon der berühmte Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat in seiner Entwicklungstheorie das Phänomen der Emergenz beschrieben, und zwar ist es die Balance zwischen Assimilation und Akkommodation. Entwicklung setzt ein, indem ein Lebewesen an seine Grenzen stösst und motiviert wird, neue Bewältigungsinstrumente des Lebens zu entwickeln. Wir entwickeln uns durch Innovation. Die Grenze motiviert uns, unsere Grenzen zu erweitern und dadurch schaffen wir uns neue  Lebensmöglichkeiten durch Emergenz. Um uns zu entwickeln, müssen wir die Möglichkeit erhalten, unser Potenzial auszuschöpfen.
  • Die Kraft der Adaption: Jedes Kind wird mit der Situation konfrontiert, dass es an Grenzen stösst, die es nicht erweitern kann, sondern als Realität akzeptieren muss. So werde ich nicht grandios, sondern muss mich halt Gegebenheiten beugen, die mir zuerst nicht passen. Ich denke, dass diese Konfrontation mit der Realität auch eine grosse Motivation ist, dass sich Tiere, aber vor allem der Mensch sich sozial entwickeln müssen. Die Fähigkeit zur Kooperation ist die evolutive Antwort auf die Begrenzung durch Realitäten. Die Anpassung an die Grenzen der Realität nennt man Adaption. Ich muss innerhalb der auferlegten Grenzen mich zurecht finden und genau diese Grenzen motivieren mich, Lösungen im Sinne von Entwicklung zu finden. Adaption und Emergenz bedingen sich.
  • Die Kraft der Integration: Unser psychisches Innenleben besteht aus verschiedenen Anteilen, die sich widersprüchlich gegenüber treten. Es braucht eine übergeordnete Kraft, diese widersprüchlichen Kräfte im Zaume zu halten. Jeder Anteil soll dann zur Geltung kommen, wenn es angebracht ist. Kein Anteil soll verdrängt oder aus dem Ganzen ausgeschlossen werden. Diese übergeordnete Kraft ist die Fähigkeit der Integration. Jeder Anteil behält seine Identität, durch integrative Kraft wird aber eine Balance hergestellt, dass kein Anteil die anderen Anteile verdrängt oder ein Anteil gezwungen wird zu verschwinden.

Der bekannte Entwicklungspsychologe Donald W. Winnicott bezeichnete diese angeborenen Entwicklungstendenzen als WAHRES SELBST, das das angeborene Potential ist, das nach Entwicklung strebt. Die Aufgabe der Eltern besteht nun darin, diesen Entwicklungsprozess optimal zu fördern. Dieser Ansatz unterscheidet sich grundsätzlich vom klassischen Erziehungsstil, der darin bestand, das Kind nach den Vorstellungen der Eltern zu formen. Alice Miller meinte, in der klassischen Erziehung ging es immer darum, „dem Kinde seinen eigenen Willen zu benehmen“.

Um dieses Entwicklungsziel zu erreichen, hatte Neufeld eine geniale Idee:

Statt einer vorgegebenen Erziehungsroute, wo Dressur die wichtigste Erziehungshandlung darstellt, erstellte er eine Landkarte, auf der verteilt im Überblick die anlagebedingten Möglichkeiten verteilt sind, die es gilt zu berücksichtigen.

3.  Die Grundbedürfnisse psychischer Entwicklung

Zuerst möchte ich die wichtigsten „Ortschaften“ der Landkarte beschreiben, die uns die Orientierung und das Wissen vermitteln, um das Kind aufgrund seiner inneren Bedürfnisse wahrzunehmen. Man kann diese Ortschaften als motivatonale Systeme beschreiben, die darauf abzielen, durch die Bezugspersonen befriedigt zu werden. Diese motiavtionalen Systeme sind zwar genetisch angeboren, aber sie müssen durch Beziehungserfahrung angeregt werden. Aus sich selber heraus können sie sich nicht entwickeln. Sie alle sind sozial angelegt und sind zur ihrer Entfaltung auf soziales Feedback angewiesen. Im Folgenden möchte ich diese Ortschaften auf der Landkarte genauer beschreiben:

a. Das Konzept der Bindung:

Der Psychologe John Bowlby hat in den Fünfziger Jahren die Bindungstheorie entwickelt und wurde später durch empirische Forschungen in seiner Theorie bestätigt. Heute ist die Bindungstheorie eine der konsistentesten psychologischen Theorien. Dabei geht es darum, dass der Säugling genetisch über einen Trieb verfügt, sich an eine Bezugsperson zu binden. Dadurch, dass der Säugling nach der Geburt von der Mutter getrennt wird (durchtrennen der Nabelschnur), entwickelte sich durch Evolution das Bindungsverhalten, das durch Beziehung die Trennung nach der Geburt kompensiert. Bindung ermöglicht Nähe, die nach der Geburt verloren geht.

Dabei unterscheidet er zwei verschiedene Haltungen: Beim Säugling nennt man sein Bindungsverhalten Attachement, bei der Mutter Bonding. Die Rollen sind in einer solchen Beziehung ganz klar verteilt. Der Säugling äussert sein Bedürfnis nach Bindung und bemüht sich darum, die Mutter muss adäquat darauf antworten. Bowlby entwickelte für die Mutter das Konzept der Feinfühligkeit.

  • Aufmerksamkeit: Die Mutter ist auf das Kind bezogen und lässt sich nicht ablenken.
  • Sensitivität für Reize: Die Mutter bietet in einer Balance dem Kind die nötigen Reize an. Es überfordert das Kind nicht oder sie vernachlässigt das Kind nicht. Hier ist die Intuition der Mutter gefragt, es geht um Empathie gegenüber dem Kind.
  • Die Übernahme der Perspektive des Kindes: Die Mutter stellt sich in den Dienst des Kindes. Über Empathie erspürt die Mutter, mit welchem Bedürfnis des Kindes sie konfrontiert ist. Sie projiziert nicht ihre Bedürfnisse auf das Kind.
  • Adäquate Reaktion: Die Bedürfnisse des Säuglings müssen unmittelbar und adäquat befriedigt werden.

Bowlby hat weiter herausgefunden, dass die frühe Bindungserfahrung die alles entscheidende Grundlage für die psychische Entwicklung eines Menschen ist. Forschungen zu diesem Thema haben gezeigt, dass die gute Bindungserfahrung die Voraussetzung dafür ist, ob sich Gene explizieren, d.h. entwickeln. Die Bindungserfahrung ist die entscheidende epigenetische Erfahrung, die eine gesunde psychische Entwicklung massgeblich fördert. Bowlby hat auch herausgefunden, dass die Bindungserfahrung verinnerlicht wird und unsere Art, wie wir Beziehungen zu anderen Menschen gestalten, wesentlich beeinflusst. Machen wir eine gute Erfahrung, dann entwickeln wir einen sicheren Bindungsstil, wir sind zum grossen Teil gegen psychische Verletzungen immun, oder besser resilient, widerstandsfähig. Erleiden wir aber frustrierende Bindungserfahrungen, entwickeln wir einen unsicheren Bindungsstil, wir verhalten uns gestört in Beziehungen und neigen dazu, psychische Verletzungen abzuspalten.

Neufelds genialer Ansatz besteht nun darin, dass er die Erreichung der Reifeziele, die ich oben beschrieben habe, anhand einer Entwicklungslinie der Bindungserfahrung aufzeigt. Er beschreibt verschiedene Ebenen der Bindung, die immer intensiver und umfangreicher sind.

Er beschreibt also eine Selbstentwicklung anhand der Bindungserfahrung, die ein Kind in der Beziehung zu seinen Eltern macht. Das Erreichen der Entwicklungsziele wird anhand einer Entwicklungslinie von guter Bindungserfahrung ermöglicht. Die Aufgabe der Eltern besteht nun darin, die entsprechenden Bindungsbedürfnisse der Kinder  positiv zu beantworten. Gleichzeitig stellte aber Neufeld fest, dass durch die Intensivierung der Bindung sich die Verletzlichkeit des Kindes und späteren Erwachsenen vergrössert. Durch Bindung öffnen wir uns dem anderen und gehen das Risiko seelischer Verletzungen ein. Eine gute Bindungserfahrung ist eben deshalb so wichtig, weil diese quasi wie ein seelisches Immunsystem wirkt und uns hilft, Verletzungen aufzufangen und zu verarbeiten. Im Folgenden möchte ich die Entwicklungslinie der Bindung genauer beschreiben. Neufeld beschreibt im Gegensatz zu vielen anderen Entwicklungspsychologen die psychische Entwicklung anhand von Bindungserfahrungen, die von einer sensitiven Nähe immer mehr zu einer tiefen Beziehungsstruktur sich hin entwickeln. So wird jede Entwicklungsphase durch eine spezifische Bindungserfahrung beschrieben.

Die einzelnen Etappen der Bindungserfahrungen:

  • Bindung über Körperkontakt: Für den Säugling ist es vor allem wichtig, sich sicher und geborgen zu fühlen. Durch einen sensitiven Körperkontakt erlebt der Säugling Wärme und Zuwendung, die ihm das Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Bowlby spricht hier vom sicheren Hafen, den der Säugling spüren muss.

  • Bindung über Gleichheit: In der Entwicklungspsychologie spricht man vom Entwicklungsschritt der Intersubjektivität. Der Säugling, der jetzt ein Kleinkind ist, braucht nicht mehr nur die unmittelbare sensitive Nähe zur Mutter, sondern es entstehen die ersten Schritte zur Beziehung Ich und Du. Die Bindung erhält dadurch eine andere Qualität. Durch Bindung entsteht gelebte Gemeinsamkeit in der Beziehung. Drei wesentliche Erfahrungen werden in dieser intersubjektiven Phase gemacht:
  1. Gemeinsames Interesse auf ein äusseres Objekt: Das Kleinkind mit etwa 10 Monaten beginnt mit dem Finger auf ein Objekt ausserhalb von Mutter und Kind zu zeigen. Dabei schaut es die Mutter an und fordert sie auf, mit ihm das Interesse an diesem Objekt zu teilen. Es ist eine Aufforderung zur geteilten Aufmerksamkeit. Wir können diesen Entwicklungsschritt nicht genügend würdigen. Das Kind nimmt nun Bindung mit der Mutter auf, indem es die Mutter auffordert, sich dem Interesse des Kindes anzuschliessen. Das Kind macht die nachhaltige Erfahrung, dass es in der Lage ist, andere Menschen für seine Interessen zu interessieren und damit Einfluss gewinnt auf das Verhalten anderer Menschen. Dies sind die Grundmuster menschlicher Kommunikation.
  2. Absichern durch Blickkontakt: Das Kleinkind beginnt sich durch seine neu gewonnene Bewegungsfreiheit von der Mutter zu lösen. Um aber sicher zu sein, dass es sich nicht gefährdet, versichert es sich durch Blickkontakt mit der Mutter, ob es den Schritt in die Ablösung wagen soll. Beantwortet die Mutter die Absicht des Kleinkindes mit einem aufmunternden Blick, dann wagt das Kind den Schritt in die Autonomie, zeigt die Mutter einen ängstlichen Blick, dann zieht sich das Kind zurück. Sicherlich, das Kleinkind lernt durch diese Erfahrungen, Gefahren einzuschätzen, aber es kann auch in seinem Bemühen nach Autonomie zurückgebunden werden.
  3. Erleben von gemeinsamen Gefühlen: Ist das Kind traurig, dann hat es das Bedürfnis, dass die Mutter mit ihm fühlt. Das Kleinkind lernt, Gefühle mit einem anderen zu teilen und gemeinsam zu fühlen. Es erlebt, dass die Mutter an seinem Gefühlsleben Anteil nimmt. Das Kind fordert im Sinne von Bindungsverhalten das Mitgefühl der Mutter an seinen Gefühlen.
  • Bindung über Loyalität und Zugehörigkeit: Ab drei Jahren merkt das Kind immer mehr, dass es anders ist als alle anderen. Es merkt, dass es eigene Gefühle, Gedanken und Sichtweisen hat, die nicht mit der Perspektive des anderen übereinstimmen. Man ist heute der Meinung, dass diese Entdeckung des Kindes auch eine grosse Motivation darstellt, Sprache zu erwerben. Peter Fonagy, ein bekannter Entwicklungspsychologe, beschrieb dieses Phänomen in seiner theory of mind. Spracherwerb ist eine neue Form, die Bindung zu den Eltern zu vertiefen. Kommunikation ist nun das Medium, um die Bindung nicht mehr nur aufrecht zu erhalten, sie wird vertieft. Das Kind beginnt, über Lernen am Modell, sich soziale Kompetenzen anzueignen, um nicht isoliert zu sein. Es will dazugehören und wird motiviert, sich sozial zu verhalten. Hier spielen die Eltern eine grosse Rolle als Vorbild. Über die Spiegelneuronen kann das Kind  das soziale Verhalten der Eltern beobachten und über Identifikation als Handlungssequenz verinnerlichen.
  • Bindung über Wertschätzung: Mit etwa vier bis fünf Jahren melden sich bei einem Kind die ganz natürlichen narzisstischen Bedürfnisse. Das Kind will in seiner einzigartigen Besonderheit wert geschätzt werden.  Es will bewundert und aktiv geliebt werden. Es will Aufmerksamkeit erhalten und in seiner Persönlichkeit wert geschätzt werden. Es will ermuntert werden und will spüren, dass man an seine Möglichkeiten glaubt und ihm auch etwas zutraut. Wie schon in meinem Blog über den natürlichen Narzissmus habe ich beschrieben, wie diese Wertschätzung die Grundlage einer sicheren Selbstentwicklung ist. Durch diese Bindungserfahrung in der Beziehung wird das Kind in seiner Persönlichkeit gestärkt. Weiter erhält es die Möglichkeit, auch mit Ablehnung, mit narzisstischer Verletzung umzugehen. Durch die Bindung durch Wertschätzung entwickelt sich ein gesundes Selbstwertgefühl.
  • Bindung über Liebe: Eine weitere Stufe der Bindungsentwicklung ist die Liebesfähigkeit. Wenn ich selber spüre, dass ich wert geschätzt wurde, kann ich diese Wertschätzung auch zurückgeben. Ich werde fähig, ab etwa fünf Jahren, Gefühle der Zuneigung, eben Liebe, mit meinen Bezugspersonen auszutauschen. Diese Liebesfähigkeit bewahrt das Kind auch davor, Trennungen von den Eltern besser auszuhalten, denn durch die Liebeszuwendung ist die getrennte Person trotzdem präsent. Die Beziehung ist in meinem Gedächtnis allzeit gegenwärtig und die dazugehörenden Liebesgefühle ebenfalls.
  • Bindung über Vertrautheit: Hier kommt das berühmte Sprichwort zum Zuge:“Man versteht sich blind.“ Ich würde sagen, dass das Kind und auch später der Erwachsene den anderen als eine Art Teil von sich selbst erleben. Der andere ist nicht nur real präsent, sondern auch in der Vorstellung. Ich muss vor allem keine Angst haben, dass der andere mir weh machen würde. Vertrautheit ist auch eine Art Sicherheit, dass der andere mich sensibel behandelt und mich nicht verletzt. Leider ist es so, dass es eine lange Zeit braucht, diese Vertrautheit aufzubauen und diese aber sehr schnell durch Fehlverhalten zerstört werden kann.

b. Das Konzept der Verletzlichkeit

Je mehr ich zu einem Menschen Nähe aufnehme, setze ich mich paradoxerweise auch immer mehr einer seelischen Verletzung aus. Da aber die Bindung meine psychische Lebensgrundlage darstellt, muss ich dieses Risiko auf mich nehmen. Deshalb ist es wichtig, dass das Kind nicht nur vor Verletzungen geschützt wird, sondern auch wichtige Erfahrungen in der Beziehung zu seinen Eltern macht, wie es gesund mit Verletzungen umgehen kann. Am Anfang sind die Eltern dafür verantwortlich und sollten quasi dem Kind Anleitungen geben, seelische Verletzungen zu verarbeiten. In der klassischen Entwicklungspsychologie beschreibt man diesen Vorgang als Regulation von Gefühlen. Diese emotionale Kompetenz beinhaltet neben der Regulation von Gefühlen auch die Resilienz von Gefühlen. Einerseits geht es darum, dass Gefühle den Realitäten gegenüber adaptiert werden. Weiter geht es bei der Resilienz darum, dass der Mensch fähig wird, auch unangenehme Gefühle auszuhalten, vor allem wenn er mit Realitäten konfrontiert wird, wenn er an der Umweltsituation nichts ändern kann. Die Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit, mit Enttäuschungen realitätsgerecht und kompetent umzugehen. Ich stehe wieder auf und verzweifle nicht an meinem Schicksal.

Wird ein Kind emotional verletzt, dann zieht es sich zurück, es verdrängt. Dies ist ein natürlicher Vorgang, um sich vor weiteren Verletzungen zu schützen. Dieses Vermeidungsverhalten kann aber, wenn es über einen zu langen Zeitraum aufrecht erhalten wird, das Kind an weiteren Entwicklungsschritten gravierend hemmen. Neufeld beschreibt drei Schritte kindlicher Vermeidungsverhaltens: Er nennt dies Panzerung. Dieses Verhalten unterbricht die Entwicklungslinie der Vertiefung von Bindung. Wie sieht eine häufige seelische Verletzung eigentlich aus? Meistens ist es ein liebloses, unverständliches, ablehnendes, ja auch quälendes Verhalten der Eltern. Die subjektive Erlebniswelt des Kindes wird schlichtweg ignoriert. Folgende Phasen der Panzerung nach Neufeld kommen zum Zuge:

  • Betäuben der Gefühle: Die schmerzhaften Gefühle werden quasi in Watte gepackt.
  • Ausblenden der unangenehmen Gefühle: Das Kind ist gezwungen, seine verletzten Gefühle abzuspalten. Man nennt diesen Vorgang Dissoziation. Oben habe ich beschrieben, dass die Fähigkeit zur Integration ein wichtiges Reifeziel ist. Durch die Abspaltung der Gefühle wird die Entwicklung der Integration erheblich beeinträchtigt. Die Gefahr besteht nun, dass das Kind diese verletzten Gefühle, die abgespalten sind, unkontrolliert oft als Aggression ausagiert.
  • Abwehr jeglicher Bindung: Das Kind zieht sich zurück und entwickelt einen unsicheren Bindungsstil. Jedes Bedürfnis nach Bindung wird abgewehrt und damit die Entwicklung schwerwiegend gefährdet. Würdigt man den Neufeld-Ansatz gebührend, dann bedeutet das für die psychische Entwicklung eine Katastrophe. Das Kind befindet sich in der Vermeidungsfalle und schneidet sich jegliche Chance auf Entwicklung ab. Die psychische Entwicklung wird unterbrochen und die Türe steht für psychische Störungen weit offen.

Neufeld beschreibt dieses Vermeiden als eine Panzerung. Es ist genau das Gegenteil von Bindungsverhalten.

c. Das Konzept der Abhängigkeit:

Am Anfang des Lebens ist der Säugling abhängig von seiner primären Bezugsperson. Diese muss seinen Bindungsbedürfnissen entgegenkommen und diese befriedigen. Nur in dieser Abhängigkeit findet der Säugling Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit. Schon Winnicott hatte vor 70 Jahren in seinen Werken beschrieben, dass der Säugling intrinsisch motiviert (aus sich selbst heraus) nach Unabhängigkeit strebt. Wir müssen ein Kind nicht zwingen, autonom zu werden, sondern dieses Bedürfnis ist anlagebedingt vorhanden. Die erste Ablösung von der Mutter beschrieb Winnicott als Übergangsphänomene und im Konzept des Übergangsobjektes. Er bezeichnete den Teddybär des Kindes als ersten Nicht-Ich Besitz. Das Kind geht eine innige Bindung zum Teddy ein.

Zuerst aber muss der Säugling diese Geborgenheit der Abhängigkeit genügend geniessen dürfen, bis ein Sättigungsgrad eintritt. Der Teddy soll nicht Ersatz für die Mutter sein, sondern ist eine Möglichkeit, einen Schritt zur Autonomie hin zu machen. Am Anfang ist die Beziehung zur primären Bezugsperson dual, also auf eine einzige Person gerichtet. Durch Bindungsverhalten motiviert der Säugling die Mutter, sich in der Beschützerrolle zurechtzufinden. Sie übernimmt eine sogenannte Alpha-Position, denn sie übernimmt eine Verantwortung, die für den Säugling existenziell ist.

In alten Erziehungsratgebern wird genau dieses Bedürfnis des Säuglings nach Geborgenheit und Abhängigkeit als grösste Gefahr für die Entwicklung des Kindes beschrieben. Die Vorzeigeerziehungsexpertin der Nazis, Johanna Haarer, die auch bis in die Achtziger Jahre noch anerkannt war, riet den Müttern dringest, die Kinder ja nie zu herzen, weil sie dann verdorben würden. Frau Haarer war verantwortlich dafür, dass die Kinder im Sinne der Nazis zu Gefühlspanzer erzogen wurden. Ihre Bücher erreichten damals und bis heute eine Auflage von mehr als einer Million Exemplare.

4. Die Überwindung der "Schwarzen Pädagogik"

  • Die Bedeutung von Bindungsverhalten:

Jedes Kind hat angebore  Verhaltensweise in sich, mit seiner primären Bezugsperson nach der Geburt eine Bindung einzugehen. Von der Natur ist der Säugling mit Verhaltensmustern ausgestattet, die die Mutter motivieren, auf die Bindungsbedürfnisse des Kindes einzugehen. Es ist die Leistung des Kindes, das eine Bindung zu Stande kommt. Es ist aber absolut davon abhängig, ob die Mutter auf diese Bedürfnisse eingeht. In den meisten Fälle ist das aber der Fall. Bindungsverhalten zeigt der Säugling nach der Installation der Bindungsbeziehung nur dann, wenn er sich unsicher fühlt und das Gefühl empfindet, dass die Bindung gefährdet ist. Es ist ein Wunder der Natur, wie der Säugling schon mit Verhaltensmuster angeboren ausgerüstet ist, sich um eine gute Bindung zu kümmern. Aktiv achtet der Säugling darauf, dass die Bindung funktioniert. Wir Eltern sind dafür verantwortlich, eben durch Feinfühligkeit die Bindungsaktivität des Säuglings sensibel zu befriedigen.

Besonders bei Trennungen wird Bindungsverhalten aktiviert. Jede Trennung löst Alarm aus und es ist nötig, das Kind zu beruhigen. Nach dem Alarm wird Bindungsenergie eingesetzt, um die Trennung rückgängig zu machen. Es wird Nähe aufgenommen. Wird diese Bemühung um das Wiederherstellen der Bindung nicht erfüllt, dann treten Gefühle der Frustration ein. Diese Gefühle müssen, wie oben abgespalten werden und treten später in Form von freischwebender Aggression auf. Häufen sich solche Erfahrungen, entwickelt das Kind einen unsicheren Bindungsstil und vermeidet jegliche Bindung und ist wiederum von einer gesunden psychischen Entwicklung abgeschnitten.

 

  • Der dreigleisige Neufeld-Ansatz: Die Benutzung der Landkarte

Durch das Wissen, das wir durch den Überblick über die Landkarte erworben haben, lassen sich drei verschiedene Verantwortungsbereiche in der Fürsorge für den Säugling und später für das Kind ableiten:(zit. nach Dagmar Neubronner: Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder).

  • Wir müssen vor allem die Bindung aufbauen, bzw. pflegen und vertiefen. Denn eine Bindung, in der sich das Kind bei uns geborgen fühlt, ist die entscheidende Grundlage, ohne die alles andere nicht fruchten kann.
  • Wir müssen die Unreife des Kindes kompensieren, also dafür sorgen, dass sein unreifes Verhalten dem Kinde so wenig wie möglich im Wege steht. Dies gilt in jedem Fall.
  • Unser Hauptziel besteht darin, die Reifewerdung des Kindes zu ermöglichen und zu fördern und eventuelle entstandene Entwicklungshindernisse aus dem Weg zu räumen. Dafür muss das Kind die Möglichkeit haben, abhängig und hilfsbedürftig sein zu dürfen, und es darf nicht mehr Trennung erfahren, als es aushalten kann. Sonst müsste es gegen die damit verbundene Verletzlichkeit panzern.

 

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Bücher zum Artikel von Donald Trump

Kevin Dutton - Psychopathen: Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann
-
Deutscher Taschenbuchverlag, München 2013

Michael D’Antonio - Die Wahrheit über Donald Trump
- Ullstein Verlag, Berlin 2016

Buch zu Traumaartikel

Judith Herman - Die Narben der Gewalt
Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden
- Junfermann Verlag, 2014 Paderborn

Buch zum Artikel „Die Landkarte psychischer Entwicklung“

Dagmar Neubronner - Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder

Eine Einführung
- Genius Verlag, 2015 Bremen